Rezensionen
Carl Amery, Hitler als Vorläufer - Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts? Luchterhand München 1999, 191 Seiten
Auschwitz - der Beginn des 21. Jahrhunderts?
Mit dieser provokanten Frage wendet sich der Schriftteller Carl Amery, Jahrgang 1922, 1989-91 Präsident des PEN-Zentrums der BRD, dessen Hauptthema seit den 70-er Jahren die ökologische Problematik ist, an seine Zeitgenossen. "Wirft Hitlers Generalplan, wie er sich zwischen 1920 und den fürchterlichen Wirklichkeiten von Krieg im Osten und Shoah entfaltete, die Schatten künftiger Möglichkeiten voraus"? Hat Hitler eine "Vorläuferfunktion"? Amery bricht den allgemeinen Konsens unter Historikern und Politikwissenschaftlern auf, Hitler und sein 1000-jähriges Reich seien ein unerklärlicher Einbruch von Barbarei in eine zivilisiert-aufgeklärte Moderne gewesen, eine Episode von schrecklicher Einmaligkeit.
Hitler - ein Naturereignis wie ein "Meteorit, der mitten in Europa einschlägt, den halben Kontinent versehrt, fast seine gesamte Judenheit und Millionen anderer Europäer zermalmt"(S. 11ff)? Wer hier schlicht mit Ja antwortet, stiehlt sich vermutlich aus der Verantwortung für die Zukunft. Amery geht es "nicht um die übliche vordergründige Warnung vor dem Neonazismus, "vor rasierten Bierköpfen und Springerstiefeln", auch nicht um Hitlers "Dämonie", sondern um das Programm, das für Hitler bestimmend war und sich in Mein Kampf niederschlug. Amery nimmt Hitler beim Wort (S. 19ff) und spürt jenen Ideen, Denkmustern und Materialien nach, "die er aus dem Zeitgeist bezog: alles lag in der Luft"! "Die Parole vom ‚Dritten Reich'; der Antisemitismus zwischen Judenwitz und Mordparolen; "visionäre Einsichten in den heillosen Zustand der Lebenswelt": Ludwig Klages beschrieb die "neue Melancholie" eines vom Menschen befreiten Erdballs (S. 44), wo nur noch Wälder rauschen. Der Angst vor der Übervölkerung der Erde (1798 erstmals von Thomas R. Malthus thematisiert) und dem "Vordringen der Kultursteppe" durch eine technisierte Landwirtschaft könne, so Friedrich Engels in einem Brief, nur der Kommunismus ohne Schwierigkeiten begegnen(das Wie blieb offen). Entscheidend für Hitlers Programm war der Sozialdarwinismus
"Die Aufklärung der deutschen Massen", aber auch der "frustrierten Modernisierungsverlierer, war materialistisch- atheistisch bestimmt" (S 24f). Die gesamte sog. fortschrittliche Menschheit war "von Imperialismus, Machtstreben und offenem Rassismus geschwängert". So habe der Empire-Dichter Rudyard Kipling die eleganteste Formulierung der postchristlichen Missionsideologie gefunden: "Take up the White Mans Burden...", jenes "Evangelium von der ‚Bürde des weißen Mannes'", der seine besten Söhne ins koloniale Exil schickt, um dem Wohl der Unterworfenen zu dienen - mürrischer Unterworfener, die halbe Teufel und halbe Kinder sind!
Ein sogenannter wissenschaftlicher Rassismus habe mit Voltaires Abstammungshypothese begonnen (S. 31) und sei von Gobinau mit seinen Versuchen über die Ungleichheit der Menschenrassen 1822 zu einem doktrinären Rassismus ausgestaltet worden (S. 44). Um Hoch- und Niedermenschen zu unterscheiden, wurden auch in Frankreich Schädelmessungen durchgeführt, und Philologie sprach sich dort für die Hierarchie der fränkischen Germanen über die keltischen Gallier aus. Das Territorium der "minderwertigen" Slawen bot sich als Expansionfeld für die Edelrasse der Arier an (S. 39f). Neben die Verachtung anderer Völker trat die der Demokratie: für Karl Kraus war der Parlamentarismus die ‚Kasernierung der politischen Prostitution'. Die Eugenik, begann "Stammbäume der Kriminalität" zu erstellen, erklärte bis zu 30% der Bevölkerung für "untüchtig" und führte in USA zwischen 1919 und 1939 zu etwa 30 000 Sterilisationen (S 30). Das schwedische Ehepaar Myrdal befürwortete eine umfassende eugenische Praxis.
Der Antisemitismus, der eigentlich ein Antijudaismus war, rekurrierte nicht mehr allein auf die Religionszugehörigkeit, sondern auf die "Reinheit des Blutes": auch der konvertierte Jude blieb Jude "dem Blute nach"! Anders als in der Zeit vor der Aufklärung entsprang der Antisemitismus großenteils dem Haß auf diejenigen jüdischen "Überholer", die aufgrund der "überwältigend hohen Alphabetisierungsrate" im Ghetto und durch ihre konsequente akademische, kulturelle oder ökonomische Bildung das allgemeine Kulturniveau der einschlägigen ihnen gesetzlich offenstehenden Berufe (Rechtsanwälte, Wissenschaftler, Industrielle) aufs anstrengendste nach oben trieben (S 35f).
Hitlers Bildersprache in Mein Kampf ist "klinisch": Völker sind "durchseucht", fremde Lehren dringen wie Bazillen in den "gesunden Volkskörper" und schwächen ihn. Angekränkelt werden die arischen Nordmänner, wenn sie ihr Blut mit "niedrigeren Völkern" vermengen. Denn "was wir heute an menschlicher Kultur... vor uns sehen, ist nahezu ausschließlich schöpferisches Produkt des Ariers". Er stellt mithin den "Urtyp dessen dar, was wir unter dem Worte ‚Mensch' verstehen (Mein Kampf S. 317). Daher hat "der völkische Staat... die Rasse in den Mittelpunkt des allgemeinen Lebens zu setzen. Er hat für die Reinerhaltung zu sorgen... als Wahrer einer tausendjährigen Zukunft, der gegenüber die Eigensucht des einzelnen als nichts erscheint und sich zu beugen hat" (ebd. S. 446f). Der Jude, wie ihn Hitler als Phantom zeichnet, ist der "Spaltpilz", der "frech behauptet: ‚Der Mensch überwindet seine Natur'!" Das genau sei aber die Irrlehre von der Gleichheit, das heißt der gleichen Würde aller Menschen, auch der Benachteiligten und Schwachen. "Der Jude" verdirbt die Lebenswelt durch Programme des Pazifismus, des Humanismus, der Gleichmacherei; kurz, durch ein Programm, das es besser wissen will als die Natur, wie Hitler sie versteht. Für ihn ist die Natur die "grausame Königin der Weisheit", die nach aristokratischem Prinzip das Beste selektiert, das gleichbedeutend mit dem Stärksten ist. Dieses Beste ist eine Minderheit: die arische Rasse! Fällt der arisch-germanische Edelmensch auf die humanistische Parole herein, wachsen die Siegeschancen des großen "jüdischen Plans". Mit diesem meint Hitler nichts anderes als "die Gesamtheit der humanen Menschheitstradition", für die während seines Regimes auch aktive Christen wie der Bischof von Münster von Galen und Konrad von Preysing in Berlin einstanden. Hitler ist der erste Politiker der modernen Staatenwelt, der dieser Tradition der Humanität offen den Kampf ansagt (S. 76). An der griechischen Klassik verehrte Hitler vor allem Sparta und seine brutale Unterdrückungs- und Selektionspraxis, in der er die Weisheit seiner "grausamen Königin" (sprich: der Natur) wiedererkannte (S. 82).
Expansion und Rassengesetze
Von den 4 möglichen Wegen, der Übervölkerung und Übernutzung der Erde zu entkommen (Geburtenbeschränkung, innere Kolonisation, "Bodenerwerb" durch Expansion, Industrie für außernationalen Bedarf) entschied sich Hitler für die Expansion nach Eurasien und für die "Humanität der Natur", welche "die Schwäche vernichtet, um der Stärke Platz zu schenken": "Eugenik in ihrer unerbittlichsten Form" (S. 92f) nach dem Muster der Barbarei! Hitlers Barbarei aber unterschied sich (nur) methodisch von jener der Steinzeit und profitierte bei Unterwerfung und Genozid von moderner "Wissenschaft und Technik". Antisemitismus und Eugenik verbanden sich über das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" und die "Nürnberger Judengesetze" zum brutal-ideologischen Weg nach Auschwitz und zur Shoah (S. 117-124). Nach Gunnar Heimsohn galt der erbitterte Kampf Hitlers der jüdischen "Tradition des Lebensschutzes", wie sie sich aus der Antike entwickelte, in der "die Juden dadurch auffielen, daß sie auch kranke und schwache Kinder großzogen" und fremden Gästen freundschaftlich begegneten (S. 127). In Mein Kampf sind "Gleichmacherei" (die Würde jedes Menschen!), Pazifismus und Internationalismus (Brüderlichkeit) "wütend denunziert".
Nach 1945 wurde die Faustformel freedom from fear and want - Freiheit von Furcht und Not der Atlantic Charta bestimmend. In Optimismus lief die "Megamaschine" zur Ressourcenausschöpfung mit einem globalen Entwicklungsprogramm an, etwas gehemmt durch die Kalte Front zwischen Ost und West, bis in USA anlässlich des Entlaubungsprogramms in Vietnam 1962 kritische Warnungen gegen ein uneingeschränktes Wirtschaftswachstum ausgesprochen wurden: "Die Logik der Ökopax-Bewegung war geboren" (S. 129-137). Jetzt wurden die "Grenzen des Wachstums" wahrgenommen und erste "Programmvorschläge zur Nachhaltigkeitsfrage" gemacht.
Sozialdarwinistische Rückstände
Wenngleich sich die politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten nach 1945 weltweit geändert haben und der Internationalismus überwiegt, blieben sozialdarwinistische "Rückstände": in Europa, in Südamerika (warum holte man sich Barbie als obersten Sicherheitsberater nach Bolivien?), in afrikanischen Staaten; Kwame Nkrumah aus Ghana las Mein Kampf vor dem Einschlafen; denn "das Subjekt der Herrenrasse" scheint "auswechselbar" (Hitler hatte sich nur in der arisch-weißen Rasse geirrt!). Aber hatte die Hitlerformel nicht "die grundsätzlichen Strukturen des Weltganges freigelegt"? Der starke Gewinner, ob weißer oder schwarzer Hautfarbe, bestätigt "das Prinzip der darwinistischen Auswahl" und setzt "das uralte Gesetz der Barbarei wieder in kraft", das da lautet:: "die ‚anderen' sind nicht von vorn herein Menschen" (S. 147-162)!
Könnte die Hitlerformel nicht wieder Anwendung finden, so Amery, in einer Krisensituation, die sowohl materielle Not wie das Erlebnis der existentiellen Orientierungslosigkeit umfasst? Wenn sich einmal die Erkenntnis aufdrängt, dass es nicht mehr für alle reicht und man mit einem humanistischen Programm scheitern wird, könnte sich die überlegene Gruppe, welche sich zur "Bewahrung der zivilisatorischen Errungenschaften berufen fühlt… zur Selektion gezwungen" sehen und damit zur Aufhebung der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Amery rekurriert auf die verfeinerten Methoden der Überwachung im Computerzeitalter, durch Abhör- und Videogeräte, die DNS- Analyse (!), im mehr oder weniger erzwungenen oder aufgedrängten "Screening". Und es gibt die verfeinerten Methoden der Selektion: u.a. in der Arbeitswelt, im Finanz-, Banken- und Versicherungswesen. "Selektiert wird ‚um in den konkreten Lebensalltag der Wohlstandsbürger hinabzusteigen', zunehmend schon unter den Ungeborenen." Gewiß, das ist kein Terror von außen und oben mehr. Aber "ist es überhaupt vorstellbar, daß die Kriterien einer... vom Ökonomismus und Konsumismus überformten Gesellschaftnicht in die Entscheidungen von Mutter und Arzt eingehen?" "Normalität" war und ist eine sehr tyrannische Angelegenheit (S. 181). Selektiert wird unter den Alten beim Wie und Wo ihrer Betreuung und dort, wo über "Zahl, Natur und Wirksamkeit lebensverlängernder Apparate entschieden wird"; weiter dort, wo es um Auswahlmöglichkeiten über Genomkarteien geht.
"Müssen wir Unmenschen werden, um die Menschheit zu retten", lautet die Frage von Hans Jonas. Weder die naive Jefferson-Formel vom arglosen Nießbrauch der Natur "durch die lebende Generation noch der Vulgärdarwinismus von Hitlers Herrenrasse bieten Lösungen der Zukunftsfragen. Die Botschaft, Schwache und Benachteiligte vor dem "aristokratischen Prinzip" der Natur zu schützen, steht der menschlichen Emanzipation und Phantasie und nicht zuletzt unserem "guten Willen" als Einladung noch immer offen. Die gegenwärtigen Tendenzen (Präimplantationsdiagnostik, therapeutisches Klonen, Embryonenforschung, sog. Euthanasie, Hedonismus und Konsumismus) weisen allerdings in die entgegengesetzte Richtung, die der Unkultur des Tötens und der brutalen Aus-Nutzung. Manch unnötigen Anspruch freiwillig zurückzunehmen, wird buchstäblich zur Not-wendigkeit . Vieles könnte gelingen, wenn der Mensch sich nicht als der große Leader und als Schicksalsmacht über andere aufspielt, sondern als Mit-Geschöpf und Mit-Mensch im jüdisch-christlichen Sinn zu verstehen lernt. Insofern stimmt es: Der Mensch kann die Krone der Schöpfung bleiben - wenn er begreift, daß er sie nicht ist.
Maria Overdick-Gulden
Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 57 1/ 2001
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