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Matthias Beck, Hippokrates am Scheideweg - Medizin zwischen naturwissenschaftlichem Materialismus und ethischer Verantwortung, Paderborn 2001, 220 Seiten

Hippokrates am Scheideweg

Neu ist diese Standortbestimmung, am "Scheideweg" zu stehen, für medizinische Forschung und Praxis nicht, wie menschliches Handeln überhaupt, ob im Tun oder Lassen, immer auch in eine Richtung weist. Entscheidungen, ob privat oder politisch getroffen, sind Richtungsanzeiger für Zukünftiges. Nach der anthropologischen Reflektion Max Schelers war es der Arzt und Philosoph Karl Jaspers, der "die Kraft des Urteils" - des ethischen - von der "Verapparatisierung" der Medizin seiner Tage "gelähmt" sah. Jaspers zog den Schluss: "Die Praxis des Arztes ist konkrete Philosophie", das bedeutet Nachdenken und Hinterfragen der Methoden von Diagnostik und Therapie. Es geht um die "imago hominis", das Menschenbild. Wenn Matthias Beck, Lehrbeauftragter am Institut für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien die "Materialisierungstendenz" aktueller Medizin zu seinem Thema macht, dann erhält dies in Bezug auf die heutigen bioethischen Problematiken eine noch schärfere Präzisierung. Wird eine chronische Krankheit rein naturwissenschaftlich oder nur psychosomatisch erklärt oder gar einseitig "genetisiert" verstanden, dann entspricht dies keineswegs der menschlichen Wirklichkeit. Wie in den Disziplinen Physik oder Biologie muss sich auch in der Heil-Kunst ein Paradigmenwechsel vollziehen: das Beobachtete, das Faktische ist nicht die ganze Wirklichkeit. Der Mensch besteht nicht aus Körper und seelischen Mechanismen, vielmehr lebt er in vielerlei Bezügen, physiologischer und vor allem sozialer und religiöser Natur. Er ist in besonderer Weise ein Wesen des Geistes, und das macht seine Würde aus. Er hat die Eigenart der Transzendenz, die Fähigkeit, das Faktische seiner Situationen und Bedingungen in weitere Dimensionen hinein zu übersteigen und zu reflektieren.

Wie die Welt als Ganzes kein Sammelsurium ist, sondern "systematisch" erforscht werden kann, d. h. sich als mehr oder weniger geordnetes, doch nicht immer ganz verstehbares Gefüge von Einheit in Gesetzmäßigkeiten darstellt, so ist es auch beim Wesen Mensch. Mit seinen vielen Facetten kann der Mensch nie angemessen beurteilt und "behandelt" werden, indem Diagnosen nur aus einer Perspektive (materialistisch, reduktionistisch, genetisch oder psychoanalytisch) gestellt und daraus die entsprechende Therapie abgeleitet wird. Das greift zu kurz. Es ist nicht nur richtig, die Medizin und ihre Technisierung an Philosophie und Theologie als komplementäre anthropologische Disziplinen zu erinnern; vielmehr erweist sich dies als notwendig, will man dem Patienten als einem Geistwesen begegnen und mit ihm beispielsweise bei chronischem Krankheitsverlauf erarbeiten, wie er zu einem gelingenden Leben gelangen, Sinn für sich und seine jeweilige Situation finden kann.

Nur so ergeben sich auch in der Debatte um Embryonenforschung, vorgeburtliche Selektionstechniken, Stammzelltherapien, Klonierung, humangenetische Prädiktion und in der Medizin am Lebensende Leitlinien und Korrekturen in den Entscheidungen darüber, was man tun soll und lassen muss. Von besonderer Bedeutung in den "Lebenswissenschaften" ist derzeit der "moralische Status" des Menschen-Embryos. M. Beck bietet eine Möglichkeit an, den Paradigmenwechsel der medizinischen Forschung von der materialistischen Auffassung des "Zellhaufens" und einer "Will-Kür-Ethik" zur Ethik der Würde des Menschen von seiner Zeugung an vorzunehmen. Thomas v. Aquin - seine von Aristoteles übernommene inkohärente und theologisch korrigierte Theorie der Sukzessivbeseelung wird eingehend diskutiert - prägte die Definition: "anima forma corporis". Der Aquinate vertritt keinen Leib-Seele-Dualismus, so der Autor unter Berufung auf Greshake, N. Luyten, Th. Schneider u. a., er sieht Leib und Seele nicht als ein Nebeneinander zweier selbständiger Prinzipien, sondern ganz im Sinne des biblischen Menschenbildes als Einheit: der Geist selbst wird als das innere Einheits- und Ganzheitsprinzip erkannt. Thomas v. A. konzipiert "anima" so, "dass sie beides zusammen in Identität ist: ihrem Wesen nach ganz Form des Leibes und ganz subsistenter unzerstörbarer Geist." "Die Seele formt sich die materia prima zum Leib. Nur in diesem Leib kann sie erkennen" und sich ausdrücken. Beides, Leib und Geist, bildet vom Beginn des Lebens an eine Funktions-Einheit aus Materie und Form. Die Zygote ist von der anima - heute besser als "Geistseele", denn als "Seele" interpretiert - prinzipiell "informiert" und geprägt. Die anima wirkt als die vitale Identität und entfaltet die Person in ihrer Geschichte. Die Kontinuität der menschlichen Entwicklung aus der Zygote ist embryologisch (!) erwiesen. Sie ist bruchlos. Einmal gezeugt, gibt es keinen Sprung mehr in eine neue Wesenheit. Die Geschichte des Menschen beginnt mit der Befruchtung und entfaltet sich als Kontinuum: "Menschwerdung" zur Freiheit in Verantwortung findet lebenslänglich statt. In solch dynamischem "Selbst-Bildnis" erkennen wir unsere Würde und anerkennen uns gegenseitig, unabhängig davon, welche "Würden" wir im gesellschaftlichen Bereich schon erreicht haben oder überhaupt erreichen können.

Viktor E. Frankl, Begründer der Existenzanalyse (sog. 3. Wiener Schule), der im vorliegenden Buch bis auf eine Fußnote unerwähnt bleibt, fügt den Kategorien der "Anpassung" (Freud) und der "Gestaltung" (Individualpsychologie) die Kategorie der "Erfüllung" hinzu, die jeder (!) einzelnen Person als "Wertmöglichkeit" aufgegeben ist und "um deren Verwirklichung es im Leben" eigentlich geht. Frankl wollte die "Rehumanisierung der Medizin" erreichen. "Es hieße nur einen Rat von Kant befolgen, gedächten wir, die Philosophie als eine Medizin anzuwenden. Dies a limine zu perhorreszieren, ist nicht statthaft", erklärt er in "Ärztliche Seelsorge (Frankfurt 1987, S. 45).

Allerdings muss der Arzt oft aktuell so handeln, als wäre die Realität eindimensional, z. B. wenn ein akuter Blinddarm operiert werden muss. Auch Wissenschaft ist weitgehend solcher Eindimensionalität verpflichtet, um zu präzisen Fakten und wiederholbaren Ergebnissen zu kommen. Aber der Wissenschaftler muss wissen, was er tut und die Fehlerquellen dieser notwendigen Beschränkung auf seine einseitige Forschung berücksichtigen. "Die menschliche Existenz ist 'unitas multiplex', um mit dem Aquinaten zu sprechen", so Frankl. Dieser Vieldimensionalität des Menschen wird weder der Pluralismus von immer mehr Fachdisziplinen ganz gerecht noch ein diagnostischer oder therapeutischen Monismus, der nur den naturwissenschaftlichen Aspekt kennt. Ganz verfehlt erscheint die Absicht, über den Menschen als Forschungsobjekt zu verfügen oder ihn in absurder Weise als Material zum "Heilmittel" für andere zu verzwecken. Daher ist Zurückhaltung geboten, wenn von "Gesundheit" und vom "Wohl des Menschen" geredet wird, de facto aber "Diagnose" pure Selektion unbeliebter Embryonen (Präimplantationsdiagnostik oder Missbrauch der Pränataldiagnostik), also nicht Dienst an und für betroffene Ungeborene, sondern deren massenhafte Tötung meint. Als ethisch unannehmbar ist eine "Stammzelltherapie" zurückzuweisen, die auf Embryonenverbrauch basiert, solche Vernutzung anreizt und den Begriff "Therapie" als eigentlich ärztliche Aufgabe zu tödlichen Strategien pervertiert.

Forschung wird dennoch weiter staunen lassen und Ehrfurcht gebieten. Sie wird weitreichende menschliche Hilfen dann nachhaltig entwickeln, wenn sie die Grenzen des "Anstands, d. i. der uneingeschränkte Respekt vor dem Mit-Menschen in all seinen Lebensstadien, wahrt und das Menschenleben, das schwach erscheinende zumal, vor dem eigenen Zugriff tabuisiert. Denn du sollst nicht töten!

Das vorliegende Buch ist hochaktuell, gut verständlich, anregend und ausführlich. Empfehlenswert.

Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 64 4/2002

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