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Rezensionen

Bogner Alexander, Grenzpolitik der Experten. Vom Umgang mit Ungewissheit und Nichtwissen in pränataler Diagnostik und Beratung, Velbrück Wissenschaft Weilerswist 2005, 242 Seiten

Pränataldiagnostik auf dem Prüfstand.

Was ist unter „Grenzpolitik der Experten“ bei der Pränataldiagnostik (PD) zu verstehen? Alexander Bogner, Mitarbeiter am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, hat sich mit den „Überforderungen medizinischer Konvention durch den biomedizinischen Fortschritt“ auseinandergesetzt: wer ist (noch) gesund, wer (schon) krank, wenn man humangenetisch ermittelt? Bei der PD geht es ja nicht um den „genuin medizinischen Fall“, der unmittelbares Handeln verlangt. Der Medizin-Experte kann weder den „Krankheitswert“ noch die „Bedeutung einer entdeckten Anomalie“ ermessen und bewegt sich in diagnostischer wie prognostischer Unsicherheit. Daher ist es schon erstaunlich, dass sich binnen 30 Jahren die Pränataldiagnostik (PD) von einer Nebenbeschäftigung der Humangenetiker zu einer rechtlich anerkannten und gesellschaftlich weitgehend akzeptierten Form ärztlicher Tätigkeit gewandelt hat. Trotz der Nazi-Verbrechen im Kontext negativer/positiver Eugenik! Gibt es Rückfragen? Öffentlichen Widerstand? Nein! Das „Recht auf Nichtwissen“ wird gerade noch akzeptiert, erscheint aber eher „vormodern“.

Die vorliegende Arbeit erweist sich indes als Fundgrube für die zahlreiche kritisch-reflexive Literatur (!) zur PD und deren „uneingestandenem Bedeutungsüberschuss“. Die mit Mitteln aus dem EU-Projekt „Life Sciences in European Societies“ unterstützte Arbeit möchte vor allem „die Selbstgewissheit der modernen Humangenetik, dass eine Entstaatlichung und Individualisierung der Biopolitik gleichbedeutend sei mit einer reflexiven Praxis,... irritieren“ (S.20). Dabei geht der Autor auf so schwebende Begriffe wie „Risiko“, „Ungewissheit“ und „Nichtwissen“ ein, um anschließend die dennoch überwiegend anerkannte „Definitionsmacht von Experten“ in der Praxis zu analysieren. Das geschieht in einem umfänglichen Experteninterview und führt zur Frage: Welchen gegenwärtigen sozialpolitischen und ökonomischen Entscheidungszwängen unterliegt der Experte selbst? Welche Problemkonstellationen bewegen ihn? Führt die humangenetische „Definitionsmacht“ letztlich nicht doch zu „Gestaltungseffekten“ im Sinne einer „Backdoor to Eugenics“, einer privaten Eugenik durch die Hintertür? Während der Staat einen liberalen gesetzlichen Rahmen setzt, erfolgt unter demokratischen Verhältnissen heute eine „Kolonisierung des Öffentlichen durch das Private“. Ist Behinderung ein „medizinisches Problem“ oder nicht viel eher ein soziales, und wo bedarf es der „Korrektur“?Wie grenzt man sich vom Eugenik-Vorwurf ab? Arbeitet die Medizin etwa im Auftrag einer „Naturnorm“? Oder ist Eugenik reine Utopie, die am Leben vorbeizielt? Hier fällt der Wissenszuwachs der Bevölkerung ins Gewicht, die dem Expertenwissen allzu leicht Legitimationsfunktion beimisst. Erschöpft sich PD aber im „Informationsangebot“, und ist man mit dem Verweis auf die non-direktive Beratung eigener Wertentscheidung ganz enthoben?

Die viel gepriesene „individuelle Reproduktionsautonomie“ macht nur scheinbar frei: der Einzelne gerät in den „Zwang zum Selbstmanagement“, d.h. in das Spannungsverhältnis zwischen „formaler“ und „realer Freiheit“. Wäre also, um einer solchen nur vermeintlichen Autonomie zu entgehen, eine Befreiung aus der Mündigkeit durch den Staat zurück zu fordern (Honneth 2002)? Nein! Denn in der zunehmenden Verrechtlichung („Kind als Schaden“) wird, so Bogner, die Normalisierung der PD ja bereits bestätigt - so als sei sie eine medizinisch notwendige Maßnahme an Kranken und als sei jede Schwangere Risikopatientin! Der Autor plädiert daher für den Aufbau zivilgesellschaftlicher öffentlicher Foren, die kritisch über jene Begriffe und Menschenbilder reflektieren, die Humangenetik und PD uns als normal und „selbstverständlich gesund“ vorgeben.

Keine Entspannungslektüre, vielmehr eine sozialwissenschaftliche Analyse, die den in Beratungspraxen Tätigen zu empfehlen ist.

Dr. Maria Overdick-Gulden

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