Literatur

Rezensionen

Wojciech Boloz, Gerhard Höver (HG.), Utilitarismus in der Bioethik - Seine Voraussetzungen und Folgen am Beispiel der Anschauungen von Peter Singer, Lit-Verlag Münster 2002, 200 Seiten

Christliche Ethik - ein "bröckelndes Haus"?

Neu ist die Kritik am Christentum und seiner moralischen Anschauung vom Menschen als Person und "Ebenbild Gottes" nicht, bereits in der Antike hatten sich christliche Apologeten gegen Missverständnisse und Vorurteile zu wehren. Der australische Philosoph Peter Singer kritisiert seit Jahren indes nicht nur einzelne Aspekte der christlichen Moral, sondern stellt sie aggressiv in ihrer Gesamtheit in Frage. Ein "bröckelndes Haus" sei die abendländische Traditionsgeschichte, inkompetent im Hinblick auf die vieldimensionalen Probleme der Gegenwart. Singers "Neue Bioethik" will dem darwinistisch und naturwissenschaftlich-materialistisch denkenden Menschen der Moderne entgegenkommen und Probleme "einfach" lösen, sie will als praktische Ethik rasch "zur Hand" sein. Die Anthropozentrik der abendländischen Tradition sei dem "Rassismus" vergleichbar, in jedem Fall unberechtigter "Speziezismus", so Singer. "Alle Tiere sind gleich", heißt es provokant in seinem Buch "Animal Liberation" von 1975, einer Art "Bibel der neuen Tierrechtsbewegung".

Der Band "Utilitarismus in der Bioethik - Seine Voraussetzungen und Folgen am Beispiel der Anschauungen von Peter Singer" ist die Dokumentation eines polnisch-deutschen Symposiums, das von den katholisch-theologischen Fakultäten in der Kardinal Stefan Wyszynski Universität Warschau und der Rheinischen Friedrich Wilhelm Universität Bonn als Reflex zum Jahr der "Lebenswissenschaften" im November 2001 in Warschau veranstaltet wurde. Die Autoren sind von der Notwendigkeit vertiefter Auseinandersetzung überzeugt (W. Boloz u. R. Mon), da der Utilitarismus bzw. dessen Varianten weite Bereiche der Medizin beherrschen und ökonomische Förderung erfahren (z. Beispiel in Großbritannien).

Die Argumente der Neuen Bioethik, speziell die von Singer werden aus philosophisch-ontologischer, anthropologischer, theologischer und ethischer Perspektive durchleuchtet und als inkohärent und nihilistisch beurteilt. Dass Singer die jüdisch-christliche Tradition in unwissenschaftlich- oberflächlicher Weise entstellt, zeigt Heike Baranzke von der Universität Bonn z. B. am Begriff der "Heiligkeit des Lebens" auf, den Singer mit dem biblischen Tötungsverbot (5. Gebot) eines unschuldigen Mitmenschen zu identifizieren und damit seinen Speziezismusvorwurf zu begründen versucht; doch der Begriff bedeutete noch im 17. Jahrhundert die "christliche Lebensführung in der Nachfolge der Lehre Jesu": eine "dignitas hominis" als Würde mit Verpflichtungscharakter gegenüber Mitmensch und Gesamt-Schöpfung! Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wird er in Abwehr von Abtreibung und Euthanasie gebraucht. "Unklare Begrifflichkeit, unzutreffende geistesgeschichtliche Ursachenanalyse, fehlende begriffsgeschichtliche Vorstudien, eine moralphilosophisch unplausible Anthropologie und... antihumanistische Konsequenzen, die durch das Label ‚kritische Philosophie nobiliert werden´", sind an dem Singerschen Ansatz zu kritisieren (S. 101-154).

Statt der allgemeinen Menschenrechte und des geltenden Tötungsverbots an einem Unschuldigen sollen nach Singer und anderen Bioethikern "Bewertungen" des einzelnen Menschenlebens treten; Leid - bei Tier und Mensch - solle verhindert werden, auch wenn dies in der "Glücksverrechnung" einzelnes Menschen-Leben kosten sollte. So kommt Singer zu seinen ungeheuerlichen antihumanistischen Aussagen zur Euthanasie von schwerstbehinderten Menschen und deren abwertendem Vergleich mit "befähigten" höheren Tieren. Den moralischen Unterschied zwischen aktivem Töten und Sterbenlassen (durch Unterlassen lebensverlängernder Maßnahmen) sieht Singer als "praktisch" unerheblich an. Dies ist die klare Absage Singers an die Ethik der Solidarität in der judaechristlichen Tradition und Praxis (M. Machinek).

Wie schon bei John Locke und dem britischen Empirismus in seiner Folge ist nur der denkende Mensch Person ("intelligent being") mit einem Anspruch auf Lebensschutz. Der Mensch als "res cogitans" im dualistischen System von Descartes - Körper und Geist trennt ein Graben - entwickelte sich philosophiegeschichtlich zum (reparaturfähigen!) "Maschinenmodell" (Lamettrie), sodass bei dem Mediziner Rudolf Virchow die Naturwissenschaft als solche alle Gesetze in der Hand hat, "welche den Körper und den Geist zu bestimmen vermögen". Was über den Körper "hinausgeht", nennt Virchow "transzendent, und die Transzendenz betrachtet er als eine Verirrung des menschlichen Geistes" (S. 70). So wurden schließlich auch die geistigen Aktivitäten des Menschen und sein psychisches Verhalten auf materiell-physikalische Vorgänge im Nervensystem reduziert (auch bei John Eccles, s. Beitrag A. Lohner). In dieser neu-bioethischen Bewertung werden Bewusstsein, Rationalität, das Wissen um eigene Vergangenheit, das Überlebensinteresse und Zukunftswünsche zum Kriterium personalen Lebens, und nur diesem komme Lebensrecht zu.

Doch ist Peter Singer "weder ein Monstrum noch eine philosophische Einzelerscheinung". Die vordergründige "Plausibilität" vom "Allgemeinwohl" und der "Leid- und Kostenvermeidung" trifft auf offene Ohren. Letztlich handelt es sich aber um ethischen Nihilismus, wenn Singer meint, außer dem Verstand gebe es keine andere Kraft, die den Menschen zu einer moralischen Handlung nötigt, zugleich aber behauptet, dass ein unmoralisches Verhalten nicht immer unvernünftig sei. Wenn es also auf die Frage, warum man moralisch handeln soll, keine Antwort gibt, kann man die Menschen nur durch die Sanktionen des Gesetzes und gesellschaftlichen Druck dazu bringen: Moral orientiere sich an den aktuellen sozialen Interessen. Das aber bedeutet Heteronomie und gerade nicht menschlich autonomes Handeln (Wojciech Boloz). In Singers empiristischer Weltanschauung und allein folgenorientierten Verstandesethik zeigt sich letztlich, "dass sich sogenannte metaphysikfreie Ethiken auf dem vermeintlich sicheren empirischen Boden einer theoretischen Vernunft ihre Plausibilität von den metaphysischen Residuen noch unbewusst vorhandener Wertüberzeugungen stehlen (müssen), an deren theoretischer Zersetzung sie gleichzeitig arbeiten"!

Das Bemühen I. Kants hingegen hat deutlich gemacht, dass Wertüberzeugungen und moralische Normen nicht aus der theoretischen Vernunft ableitbar, vielmehr nur durch diese überprüfbar sind. Insofern ist der Königsberger Philosoph in seiner Aktualität noch längst nicht "ethisch" ausgeschöpft (H. Baranzke). Im Bezug auf die Stammzelldebatte, die "Neue Bioethik" der globalen Embryonenforschung und die Programme für "Genomics und Global Health" muss es uns allen (weiterhin) um das "wahre Menschenbild" gehen. Es zu verstehen, vermögen wir nur, "wenn wir uns je neu in unserem 'absoluten, inneren Wert' zu schätzen lernen": in unserer un-bedingten Menschenwürde. "An dieser Herausforderung muss sich jede Ethik messen lassen, die den Anspruch erhebt 'neu' zu sein" (G. Höver).

Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 62 2/2002, als Kurzbesprechung in: Trierer Theologischer Zeitschrift 3/ 2003 S 244f.

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