Literatur

Rezensionen

Bernward Büchner/Claudia Kaminski: Lebensschutz oder kollektiver Selbstbetrug? - 10 Jahre Neuregelung des § 218. Verlag für Kultur und Wissenschaft (Culture and Science Publ.) ISBN 3-938116-17-X (Schriftenreihe des Instituts für Lebens- und Familienwissenschaften), 2006, EUR 8,-.

Wenn Wegschauen zum kollektiven Selbstbetrug wird - Der Bundesverband Lebensrecht e. V. spricht Klartext

Um die 1995 mit großen parlamentarischen Hoffnungen - Hilfe durch Konfliktberatung statt Strafandrohung - beschlossene 4. Neufassung des § 218 StGB (Schwangerschaftsabbruch) ist es merkwürdig still geworden. Seit 1996 schwanken die jährlichen Abtreibungszahlen - soweit amtlich erfassbar - um rund 130.000. Sie sind absolut kaum gesunken, relativ zur abnehmenden Zahl der gebärfähigen Frauen (15-45 Jahre) aber gestiegen. Jedoch will keine der Parteien im Bundestag "das Paket wieder aufschnüren", und keine Regierung der letzten 11 Jahre ist der vom Bundesverfassungsgericht (BVG) 1993 auferlegten Pflicht zur Erfolgskontrolle des hochgelobten Beratungskonzepts nachgekommen. Mahnungen von Ärzte- und Lebensschutzverbänden werden ignoriert. Selbst bescheidene parlamentarische Gruppenanträge zur Einschränkung der Spätabtreibungen finden kein legislatives Gehör. Und regierungsamtlich besteht "kein Handlungsbedarf". Bei solch niederschmetternder Bilanz? In Wirklichkeit fehlt eher - wegen des schwindenden gesellschaftlichen Unrechtbewusstseins, seit Abtreibung nach "Beratung" legalisiert ist - der Mut zum politischen Handlungswillen.

Mut und inopportunes Verantwortungsbewusstsein hat jedenfalls im Herbst 2005 der Bundesverband Lebensrecht e. V. in Berlin mit einer Tagung über "10 Jahre Neuregelung des § 218" bewiesen, deren Referate, ergänzt durch fünf weitere Beiträge, nun nachzulesen sind. Namhafte Wissenschaftler der Jurisprudenz und Soziologie, bekannte Journalisten, Ärztinnen mit gynäkologischer und psychotherapeutischer Erfahrung sowie eine Schwangerschaftskonfliktberaterin schildern die vielfältigen Schattenseiten und fatalen Konsequenzen des umfunktionierten "Abtreibungsrechts". Dabei kommen - neben sorgfältigen verfassungsrechtlichen und statistischen Analysen - bestürzende Einblicke in die sehr unterschiedliche Beratungsqualität der staatlich zugelassenen Instanzen sowie erschreckende Hinweise auf fast unbekannte oder verschwiegene seelische und psychosomatische Folge- und Spätschäden nach Abtreibungen - als Post-Abortion-Syndrom zusammengefasst - zur Sprache.

Vergleicht man das im Anhang des Buches wiedergegebene "Paket" der Gesetzgebung (§§ 218/219 StGB, Schwangerschaftkonfliktgesetz in der 1995 revidierten Fassung des sog. Schwangeren- und Familienhilfeänderungsgesetzes) mit der gängigen Anwendungspraxis (in den meisten nichtkirchlichen Beratungsstellen), so wird überdeutlich, dass die Beratung "längst zu einem routinemäßig abgewickelten Vorgang verkommen (ist) und die Abtreibung nach "ergebnisoffener" Beratung für abtreibungswillige Frauen die unproblematische Inanspruchnahme einer medizinischen Dienstleistung mit staatlicher Kostenübernahme darstellt" (Christian Hillgruber). Dazu bedurfte es nur einer Umdeutung oder Ausblendung bestimmter, das BVG-Urteil vom Mai 1993 einschärfender Leitsätze. Der kurze Hinweis in § 219, Abs. 1("das Nähere regelt das Schwangerschaftkonfliktgesetz") wurde weidlich ausgenutzt: Gesetzlich ist die Beratung "ergebnisoffen zu führen", sie soll "nicht belehren oder bevormunden". Belehrung, jedem Polizisten beim geringsten Verkehrsdelikt erlaubt, ist beim vorgeburtlichen Lebensschutz untersagt! Hier hat offenbar eine verblendete Ideologie Regie geführt. Was die Juristen Hillgruber und Büchner als staatlich hingenommenes, durch Finanzierung der indirekt für rechtmäßig - da "nicht strafbar" - erklärten Abtreibungen sogar gefördertes Unrecht aufdecken, wäre Grund genug zum parlamentarischen "Aufschnüren des Pakets". Darüber hinaus werden in dem Buch flankierende, das gesellschaftliche Unrechtbewusstsein einschläfernde Sprachregelungen der Medien (Martin Lohmann) und die erschütternden "posttraumatischen Belastungsstörungen" des Post-Abortion-Syndroms analysiert (Angelika Pokropp-Hippen). Hier besteht zweifellos eine wissenschaftliche, bisher weitgehend ignorierte Bringschuld der psychosomatischen Medizin. Was bei gründlicher Konfliktberatung zur Sprache kommt, erhellt schlagartig ein Erfahrungsbericht (Julia Hofmann). Der Soziologe Manfred Spieker erläutert eindrucksvoll die grassierenden semantischen Tarnungen der praktizierten Abtreibungen (medizinische Dienstleistung, Beratungsstellen, Sozialleistung etc.) und die gewollte Unvollständigkeit der amtlich-statistischen Erfassungsmöglichkeit der echten Abtreibungszahlen als verschleiernde "Kultur des Todes". Des weiteren decouvriert er die grauenhaften Spätabtreibungen lebensfähiger Kinder als legalisierten Kindermord. Denn mit der sog. medizinischen Indikation (schätzungsweise Prozent, ohne Beratungs- und Meldepflicht!) gilt auch die darin versteckte - seit 1995 namentlich nicht mehr genannte - embryopathische bzw, eugenische Indikation der Spätabtreibung bis unmittelbar zum Geburtstermin (zuvor bis zur 22. Schwangerschaftswoche, ab der in der Regel die kindliche Lebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibs beginnt).

Alle Autoren setzen sich - eine Stärke des Buches - strikt argumentativ mit der Problematik der dramatischen Abtreibungsflut auseinander. Dies und der klare Appell an die menschliche Vernunft dürfte zumindest unvoreingenommene Leser/innen betroffen machen. Die vorgelegte 10-Jahresbilanz war überfällig. Sie müsste freilich eine breite Leserschaft erreichen und moralisch wie geistig aufrütteln, um politische Einsicht und Änderungswillen der Verantwortlichen in Legislative und Exekutive zu erreichen.

Nur ein hoffnungsloser Wunsch? Der ethische Wertkonsens einer wahrhaft aufgeklärten demokratischen Gesellschaft schließt - auf der Basis des Grundgesetzes - den Verzicht auf ungerechte Gewalt gegen wehrloses, auch ungeborenes Leben eindeutig ein. Dazu ermutigt wieder der eindringliche Appell des Bundesverbandes Lebensrecht, gleichsam im Vertrauen auf die sittlichen Kräfte des menschlichen Gewissens - wobei sogar auf die Nennung düsterer demographischer Fakten verzichtet wird. Das Buch ist jedoch ein unüberhörbares Signal zum ehrlichen Umdenken, um dem durch widersprüchliche Gesetze zu Schwangerschaftskonflikten und Abtreibung mitverschuldeten kollektiven Selbstmord unseres Volkes entschiedenen Widerstand zu leisten und vor der in sich morschen Mauer des Schweigens nicht länger zu resignieren.

Otto Paul Hornstein

Prof. Dr. med. Otto P. Hornstein, emeritierter Ordinarius für Haut- und Geschlechtskrankheiten an der Universität Erlangen-Nürnberg, hat auch auf reproduktionsmedizinischem Gebiet wissenschaftlich gearbeitet und widmet sich seit Jahren aktuellen Themen der biomedizinischen Ethik.

nach oben

Zurück zur Übersicht Rezensionen