Rezensionen
Susanne Bürig-Heinze, Mensch macht Mensch. Christliche Ethik und Gentechnologie. RU
Religionsunterricht praktisch. Sekundarstufe II, Vandenhoeck & Ruprecht 2005, 135 Seiten, Euro
24,90
Mensch macht Mensch
Für den praktischen Religionsunterricht in der Sekundarstufe II ist eine empfehlenswerte
Handreichung zum Thema „Christliche Ethik und Gentechnologie“ bei Vandenhoeck und Ruprecht
erschienen. Nach einem theologisch-didaktischen Überblick werden die Bausteine für den Aufbau des
Unterrichts ausgesucht; von der „Problemfeststellung am Fallbeispiel Präimplantationsdiagnostik,
Klonen und Stammzellgewinnung“, über die Situationsanalyse hinsichtlich biologischer Grundlagen
und juristischer Voraussetzungen gelangt die pädagogische Anleitung zur „Prüfung von Alternativen“.
Hier werden die Kritiken des Gentechnikers und Moralisten Erwin Chargaff herangezogen. Für
Chargaff ist der Fortschrittsglaube „in unserer Zeit eine ideologische Waffe“ geworden, ein Giftgas. Da
helfe es nur, mit „dem Zauberwort Trotzdem im Herzen weiter zu leben“.
Der Text leitet dann zur Frage nach den grundlegenden Werten über. Hier wird der Utilitarismus mit
dem Prinzip der Leidvermeidung der Pflichtenethik (Deontologie) gegenübergestellt. Neben der
Diskursethik von Jürgen Habermas, die als formale Ethik den respektvollen Konsens im Werte-
Pluralismus sucht, wird das Wesen der Verantwortungsethik erörtert und an Leben und Werk Dietrich
Bonhoeffers verdeutlicht. Texte von Max Weber und Hans Jonas verweisen in gewissem Gegensatz
zu früheren Zeiten, wo es eher das in der Vergangenheit Getane zu reflektieren galt, auf die
Unüberschaubarkeit und Irreversibilität heutiger technischer Umwälzungen und warnen vor einer
Zukunft des „Zuviel“. Bei dem immensen Zuwachs an technischer Handlungsmacht habe sich
Verantwortung vor allem auf Vor-Sorge, auf Aus- und Nebenwirkungen zu konzentrieren.
Zum Urteilsentscheid „Was dürfen wir am Menschen tun?“ werden Stellungnahmen zur Würde des
Menschen und zum Beginn menschlichen Lebens aus Theologie und Kirche herangezogen. Die
prinzipiell entscheidenden Fragen nach dem Beginn und Wesen des menschlichen Lebens werden
anhand bekannter Kontroversen (P. Singer; auch Trutz Rendtorff, Klaus Tanner; Oliver Brüstle u.a.
Forscher) dargestellt und in Texten von Ulrich Eilbach, Johannes Rau, Margot Käßmann im Sinn des
christlichen Menschenbilds in seiner Berufung zum Gegenüber Gottes beantwortet. Pastor Ulrich
Bach wendet sich „wider eine Theologie der Stärke“ und stellt sich der Herausforderung im Umgang
mit Behinderung, Misserfolgen und Schwäche. Auch die Theodizeefrage wird unter dem Titel „Gnädig
geordnet?“ angesprochen.
Die Kenntnis der Positionen der Nachbarschaftsreligionen Judentum, Islam und Buddhismus ist
Grundlage für den internationalen bzw. interreligiösen Dialog. Im Judentum gibt es beim Embryo „im
Reagenzglas ... kein Verbot“ – der Talmud nennt einen Embryo bis zum 40. Tag „einfach Wasser“,
und die Halacha (rabbinische Gesetzesbelehrung) hat keine Bedenken gegen Embryonenverbrauch.
Im Islam genießt die Ethik Vorrang vor der Forschung; doch sind die Urteile über
Embryonenforschung innerhalb der islamischen Welt uneinheitlich. Dem Islamic Code of Medical
Ethics in Kuwait zufolge ist menschliches Leben in allen Phasen heilig, das Leben des Embryos und
des Fötus in der Gebärmutter eingeschlossen. Muslime in den USA dagegen stimmen dem
therapeutischen Klonen zu, indem sie sich auf die alte aristotelische Beseelungstheorie des Embryos
am 40. Tag berufen. Die Deutsche Buddhistische Union sieht in den „pseudorationalen Heilsutopien“
moderner Wissenschaft eine „Sackgasse verhängnisvoller Selbsttäuschung“ und lehnte 2001 jede
verbrauchende Embryonenforschung ab. Bibliografie und Quellenverzeichnis machen die Lektüre zur
wertvollen und empfehlenswerten pädagogischen Hilfe.
Dr. Maria Overdick-Gulden
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