Literatur

Rezensionen

H. Burkhardt, Ethik, Bd II/1: Das gute Handeln. Brunnen Verlag, Giessen/Basel 2003, 231 S, Euro 19,95 und Bd II/2: Das gute Handeln: Sexualethik, Wirtschaftsethik, Umweltethik und Kulturethik, Brunnen Verlag, Giessen/Basel 2008, 276 S, Euro 24,95.

Vom guten Handeln

Helmut Burckhardt, von 1977 bis 2008 Dozent für systematische Theologie am evangelischen Theologischen Seminar St. Chrischona bei Basel, hat aus seiner langjährigen Forschungsarbeit zu seinem Gesamtwerk "Ethik - Das gute Handeln" einen dritten Band zu den Kapiteln Sexualethik, Wirtschaftsethik Umwelt- und Kulturethik vorgelegt. Der Autor rekurriert in seiner Argumentation auf biblische Grundworte und Grundwerte und verbindet sie so konkret wie möglich mit der heutigen Lebenswelt. In seinem präzisen und allgemeinverständlichen Text wird - hierin Papst Benedikt nicht unähnlich - die Weite des biblisch fundierten christlichen Gedankenhorizonts veröffentlicht, die den Dialog mit dem Zeitgenossen, auch dem nichtchristlichen Gesprächspartner, ermöglicht. Diese Sicht ist fundamental, weil sachgerecht und auf verdeutlichtem Grund, nicht fundamentalistisch, weil vernunftgemäß, einsehbar, gesprächsbereit.

Schon dem Begründer der Pilgermission St. Chrischona Christian Friedrich Spittler war es (um 1840) wichtig, dass wir Christen in unserem Missionsauftrag an alle Welt es "nicht versäumen, auch darauf bedacht zu sein, dass die Christen keine Heiden werden" -kein Nebenkapitel im Paulusjahr 2008 und angesichts des Streits um Sterbehilfe im Nachbarland Luxemburg und um Lebensschutz für behinderte Ungeborene im deutschen Parlament geradezu hochaktuell!

In seiner anhand des Dekalogs entwickelten Materialethik hat Burkhardt zum Thema Religionsfreiheit im säkularen Staat in seinem Bd II/1 (2003) wie folgt argumentiert: Wollte man die Erörterung der ersten mosaischen Gesetzestafel einer allgemeinen Ethik völlig entziehen, unterläge man einem Kurzschluss; nicht nur, dass der Christ, der Gottgläubige, in Widerspruch zum biblischen Zeugnis geriete, viel mehr verfehle man anthropologisch die Wirklichkeit des Menschen, "letztlich jedes Menschen, der ja auf Gott hin... veranlagt ist". In der "natürlichen Religion" erlebt sich der Mensch als kontingent (vgl. Helmut Plessner), er sucht nach dem Grund des Seins und hofft in seiner Fragilität auf den Halt, der ihn birgt. Er ist und bleibt in seiner Frage, "was soll ich tun?" der homo religiosus. Ja, selbst "der Versuch der Selbstvergöttlichung des Menschen" ist noch, wenn auch in völliger Verkehrung, "Hinweis auf Gott". Daher ist eine "Toleranz, die sich als Indifferentismus oder Relativismus" missversteht, die Fehlinterpretation der geschuldeten gegenseitigen Achtung und damit "unnatürlich"! Auch wenn solche Einsicht nicht immer vor politischer Instrumentalisierung der Religion geschützt hat, verbleibt dem "Wissen um Gott in der Regel eine die Sittlichkeit stabilisierende Wirkung". Zum Tötungsverbot sagt der Autor, Suizid sei "nach überwiegender Menschheitserfahrung alles andere als ein Akt der Freiheit", weitaus öfter Ausdruck von Depression, Verzweiflung, tiefer Enttäuschung und daraus resultierender Lebensverweigerung. Wichtiger noch: das Leben als Geschenk bleibt der Selbstmächtigkeit entzogen, und "die Sozialität des Menschen schließt beliebige Verfügung" über das Leben aus. Was also besagt dann der gegenwärtig juristisch diskutierte Begriff der "Beihilfe", was ist ethisch vom "Helfer" und seinem Gewissen abverlangt? Die gesetzliche Zulassung jedweder Sterbehilfe ("Euthanasie") ist für Burkhardt "ein Weg in die Barbarei".

Kirche ist in der Politik immer dann gefragt, wenn es um "Wahrung allgemein ethischer Werte wie Lebensrechtsfragen in Forschung und Medizin" geht. Dass der Begriff "Abtreibung" mit "Schwangerschaftsabbruch" nur bruchstückhaft übersetzt ist, hat der Autor bereits 2003 dargelegt. Allein "Abtreibung" wird dem Geschehen der vorgeburtlichen Kindestötung gerecht, da dieser sachlich zutreffend die Aufmerksamkeit "eindeutig auf das Kind richtet, um dessen Leben es geht". Burkhardt erteilt jeder pseudosozialisierenden Schönfärbung von Begriffen eine Absage und bestätigt die päpstliche Enzyklika "Evangelium vitae", wenn sie hier vom "Krieg der Mächtigen gegen die Schwachen" spricht und sich gegen eine mittlerweile weltweit agierende "Verschwörung gegen das Leben" wehrt. Der Mensch ist nur als Einheit, als Person von Anfang an zu verstehen und in allen Entwicklungsphasen zu respektieren: als "ganzer" Mensch. Als solcher ganzer Mensch "atmet er aus einer neuartigen Begabung". Wo diese "einzigartige Würde des menschlichen Lebens bestritten wird", - sei es naturwissenschaftlich, philosophisch oder theologisch - "sind die Weichen in Richtung Unmenschlichkeit gestellt" (Bd II/1, S 97).

Folgerichtig wendet sich der Autor im Kapitel zur Sexualethik im 2008 erschienenen Band II/2 gegen eine Empfängnisverhütung durch Nidationshemmung (Interzeption), "die das Leben eines bereits werdenden Embryos gefährdet oder gar tötet". Zu bedenken seien "auch die gewisser Methoden und ihre Propagierung auf das Sexualverhalten überhaupt". "Grundsätzlich sollte geschlechtliche Gemeinschaft den Willen zum Kind einschließen", schreibt Burkhardt und stützt diese Aussage durch biblische Zitate. "Die Rede vom einem doppelten Zweck der Ehe (ist) biblisch begründet" gemäß Genesis 1,28, Genesis 2,18 und 1 k Kor 7.3-5. Der von der Enzyklika Humanae vitae (HV) gewürdigten personalen Gemeinschaft der Ehegatten komme insofern besondere Bedeutung zu, als sie dort "noch vor der Erzeugung von Nachwuchs genannt ist". Im Zusammenhang mit der so vehementen Ablehnung der Enzyklika nach ihrem Erscheinen sei es bezeichnend, dass gemäß der "in der protestantischen Theologie vorherrschenden Meinung" sog. empfängnisverhütende Methoden in einem großen Taschenlexikon "als belanglos" angeführt seien. Das wird Gegenstand breiter gedanklicher Aufbereitung: die leichte Anwendbarkeit von Pille und Kondom habe selbst die Institution der Ehe gefährdet und auch dort zu einer "fragwürdigen Sexualisierung des Miteinander" geführt (S. 69 Bd II/2).

Heute sei zwar vorehelicher Verkehr und die Geschlechtsgemeinschaft unter Nichtverheirateten gesellschaftlich akzeptiert; unter biblischem Aspekt seien sie jedoch als Ausdruck mangelnder Selbstbeherrschung, einer gewissen Lieblosigkeit gegenüber dem Partner und des Verlustes gesellschaftlicher Verantwortung zu beurteilen (S. 89). Auch das Alterskonkubinat um wirtschaftlicher Vorteile (Rente) willen reiht der Autor hier ein. Praktizierte Homosexualität wird bibelgetreu abgelehnt.

Auch der an Sozialethik Interessierte wird aus der Lektüre hilfreiche Anregungen gewinnen. Er wird sich der Familie als "der natürlichen Grundlage sozialen Lebens" und dem Prinzip der Subsidiarität nicht nur im demokratischen Staat, sondern auch in übernationalen Strukturen wie der EU argumentativ vergewissern können.

Die im neuen Band (2008) weiter verhandelten Themen sind hoch aktuell und zeigen auch in anderen gesellschaftlichen Feldern den starken Kontrast zwischen dem biblischen und zeitgenössisch praktizierten Ethos in Wirtschaftsethik, Umweltethik und Kulturethik auf. Den Leser überrascht, dass Burkhardt auf seinem konsequent biblischen Erkenntnisweg zu Resultaten kommt, die nicht nur dem gesellschaftlichen Zeittrend widersprechen, sondern in manchen wesentlichen Punkten wie Ehescheidung und Wiederheirat auch dem Mainstream des Protestantismus. In der Frage biblischer Wertschätzung von Ehelosigkeit und kommunitärem Leben mit klaren Aussagen zu christlicher Spiritualität weist der Autor wohltuend über Letzteren hinaus, desgleichen in der Bewertung von Wissenschaft und Kunst. Beide, insbesondere aber Biotechnik, dürfen bei aller grundgesetzgemäßen Freiheit nicht zur "Quasireligion" entarten und sich selbst ermächtigen. Wo das Lebensrecht des Menschen berührt wird, verläuft die nicht überschreitbare Grenze. Forschungsfreiheit steht unter dem grundgesetzlich verankerten Vorbehalt der Unantastbarkeit der Menschenwürde: der Mensch und sein personales Leben sind "heilig". Andererseits ist jenes "Bild der Wissenschaft", das sich am biblischen und am vernunftgemäßen Bild der menschlichen Person orientiert, keineswegs primär "die spezifisch gottfremde Macht", die zu bekämpfen wäre, sondern wird, wo sie sich der Wirklichkeit unvoreingenommen und ehrfürchtig öffnet, zum bewussten oder vorbewussten "Nachdenken der Gedanken Gottes", so hatte bereits Romano Guardini formuliert und den Autor bestätigt.

Dr. Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 89 1/2009 (verkürzte Fassung)

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