Rezensionen
Michael Emmrich (Hrsg), Im Zeitalter der Bio-Macht. 25 Jahre Gentechnik - eine kritische Bilanz, Mabuse-Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1998, 473 Seiten
25 Jahre Gentechnik - eine kritische Bilanz
Die Futurologie sei in den letzten Jahrzehnten "demütiger geworden" und Ernüchterung dort eingekehrt, wo anfänglich überschäumender Fortschrittsglaube und expansive Machbarkeitsgelüste walteten. "Schließlich sollte man den Nestroyschen Aphorismus über den Fortschritt im Gedächtnis behalten, nämlich: ‚daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist' (Linus S. Geisler, S 58). Trotzdem werden von Genetik und Biotechnik immer wieder neue Hoffnungen geweckt, die sie im nachhinein enttäuschen. "Daß die Gentechnik bisher für den kranken Menschen so gut wie nur marginale Erfolge vorweisen kann und die Vision der Überwindung des Krebses und der Ausrottung von Erbkrankheiten bisher bloße Utopien" blieben, "räumen selbst engagierte Verfechter ein" (S 61). Noch ist Gentherapie real nicht "das Wundermittel", allenfalls ein Traum von Milliardenmärkten. Als ethisch hochproblematisch erweist sich auf dem Feld der Gentherapie, dass die molekularbiologische Grundlagenforschung im Gegensatz zur Medizin dem rein wissenschaftlichen "Erkenntnisinteresse" verpflichtet ist. Sie unterstehe "einem vollständig anderen Wertsystem" als die Medizin, die sich einem konkreten Patienten und seiner Leidensgeschichte zu widmen habe, so Hiltrud Breyer (S 189). Für den Molekularbiologen bestehe "Heilung" lediglich in der "Wiederherstellung der Funktionsweise eines Gens".
Der Gedanke der Menschenzucht steht hinter einem abnormen Kinderwunsch
Indessen gedeihen umstrittene Projekte wie die "Gender Clinic" in London, in der Peter Liu künftigen Eltern die freie Geschlechterwahl ihrer Kinder anbietet (S 60). Die ursprünglich als Behandlung einzelner Fälle von Sterilität gedachte in-Vitro-Fertilisation weitet sich bei den immer älteren Erstgebärenden zur allmählichen Norm und bietet sich inzwischen in 19 verschiedenen Techniken an. Sie verbindet sich mit möglichst früher Embryokonservierung (samt der ihr eigenen Entsorgungs-Problematik) und der Forderung nach Präimplantationsdiagnostik, um einer unheiligen Allianz von "abnormem Kinderwunsch" und einer "Nur-das-beste-Kind-Mentalität" zu entsprechen. Ein Intelligenz-Projekt für "wirklich kluge Kinder" wird in USA derzeit mit drei Milliarden Dollar gefördert (S 62)!
Klaus Dörner versucht, in historisch groben Zügen die Entwicklung des Biologismus im 18. Und 19. Jahrhundert nachzuzeichnen und stellt eine Überlegung von J. P. Sartre an den Anfang des Buches: "Bei der Entwicklung eines Menschenbildes müsse man von dem je unerträglichsten Menschen ausgehen; denn würde man ihn überschlagen, hätte man ihn... zur Sache degradiert", käme man "nur zu einem unvollständigen Menschenbild". Sartre bezog sich auf den Sträfling Jean Genet, als er sagte: "Denn man muß schon wählen: Wenn jeder Mensch der ganze Mensch ist, muß dieser Abweichler entweder nur ein Kieselstein oder ich sein."
Die bürgerlich-aufgeklärte Machtgesellschaft des Industriezeitalters griff auf utilitaristische Tradition zurück. Ihr philosophisches Sprachrohr, der Engländer J. Bentham plädierte in seinem Buch Panopticon von 1791 für den Bau von Inspection Houses, in denen Irre, Krüppel, behinderte und kranke Menschen unter Totalaufsicht gebracht werden sollten. Solche Institutionen sollten im Prinzip des herrschaftlichen Klassensystems zugleich auch als Modell für Alten- und Pflegeheime, Arbeitshäuser und Fabriken gelten. Damit begann die Ethik der Interessen, die Ethik der Würde in Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit wieder zu verdrängen. Die etwa 10% behinderter Menschen, die es damals wie heute gab, wurden zu Zeiten des "Überlebens der Tüchtigsten" allmählich zu "Untermenschen" und "Ballastexistenzen", bis 1920 durch Binding und Hoche die "Freigabe der Vernichtung lebensunwertens Lebens" bewußtseinsmöglich wurde (S 29). 1892 schrieb der "damals weltweit angesehenste Psychiater und Sozialreformer August Forel aus der friedlichen Schweiz": "Wir bezwecken keineswegs,... einen Übermenschen zu schaffen, sondern nur die defekten Untermenschen allmählich... durch willkürliche Sterilität der Träger schlechter Keime zu beseitigen und dafür bessere, sozialere, gesundere und glücklichere Menschen zu einer immer größeren Vermehrung zu veranlassen": Eugenik pur!
Trotz Emanzipation behinderter Menschen darf wieder utilitaristisch geplant werden
Trotz der nach 1945 allmählich einsetzenden Emanzipation behinderter Menschen und ihrer engagierten Selbsthilfegruppen, trotz des aufkommenden Verständnisses für die "bunte Unterschiedlichkeit des kommunalen Milieus" und eine bereichernde menschliche Vielfalt darf in der heutigen Bioethikdebatte wieder utilitaristisch gedacht werden und mit dem Renommee der Wissenschaftlichkeit "das Lebensrecht der letzten 10%... zum Gegenstand der öffentlichen Meinung gemacht werden" (S 36). Allerdings ergibt sich heute "die Chance, für die nächste Zeit die Ambivalenz zwischen Individualrationalität und Sozialrationalität", zwischen unbedingtem Lebensrecht und falsch verstandener Autonomie oder beeinflussender Ökonomie, wenigstens offenzuhalten (S 43).
Wollen wir den "gläsernen Menschen" und einen Biologismus, der soziale Probleme über den Genbefund wegdefinieren möchte (S 45ff)? Befürworten wir den "Zwang zur Normalität" in genetischer Beratung, pränataler Diagnostik, in prädiktiver Gendiagnostik und Sreening-Programmen (Therese Neuer-Miebach S 69ff)? Was setzten wir - außer dem Lebensrecht weg-selektierter Embryonen - aufs Spiel, wenn wir sogenannten "Hochrisikopaaren" die Erfüllung ihres Wunsches nach einem "gesunden Kind" durch die Präimplantationsdiagnostik gesetzlich einräumen würden? Werden dabei nicht auch "die Rechte des zukünftigen Kindes verletzt"? Darüber hinaus kann "der Zusammenhang von Pränataldiagnostik und Präimplantationsdiagnostik… als Phänomen der ‚Normalisierungsgesellschaft' verstanden werden: ...'Eugenik' (entsteht) als soziokulturelles Projekt, ... welches sich über vermeintlich ‚autonome' Einzelentscheidungen vollzieht." Existiert nicht vielmehr wie bisher die alternative Möglichkeit, durch Adoption den Kinderwunsch zu erfüllen, hakt Sigrid Graumann nach (S 103ff). Die einzige Schranke gegen Embryonenforschung über das geöffnete Tor einer einmal etablierten PID "bietet zur Zeit nur das Embryonenschutzgesetz". Im Übrigen bestehe rein wissenschaftlich derzeit nirgendwo Bedarf für die Forschung an menschlichen Embryonen, solange "entscheidende Fragen und Prozesse der Embryonalentwicklung noch nicht einmal an Tieren gründlich erforscht" seien, so Regine Kollek (S 135ff). Mit der "Dolly-Methode" (=Klonen mit Körperzellen) sei das derzeitige Embryonenschutzgesetz zu unterlaufen, das Gesetz müsse nachgebessert werden, drängt Michael Emmrich (S 192ff). Läßt sich "die Wissenschaft im Klonfieber" aber stoppen? Dem mehrfach risikobelasteten Konzept der Xenotransplantation wendet sich Manuel Kiper (S 203ff) zu.
Zur Anwendung von Gentechniken in Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion äußern sich Beatrix Tappeser und Claudia Eckelkamp kritisch und werfen der Politik vor, sich vom vorbeugenden Verbraucherschutz verabschiedet zu haben (223ff).
Die programmatische Kritik der Bündnis90/Die Grünen zu Fragen der Gentechnologie in den letzten 15 Jahren, die Marina Steindor in diesem Band darstellt (S 367- S 440), fände der Leser interessanter, wenn sie nicht so detailgetreu, langatmig und gelegentlich personbezogen aufgelistet wäre. Auch bei der Autorin Claudia Stellmach, die sich mit der Bioethik-Deklaration der UNESCO (S 275-340) gründlich auseinandersetzt, hätte ein Weniger an Text vielleicht ein Mehr an Deutlichkeit gebracht. Wichtig der Hinweis: Die Präzisierung des häufig zitierten Begriffs Menschenwürde und seines Geltungsbereiches blieb in der Deklaration ausgeklammert und wurde offenbar nicht angestrebt. Die verabschiedete Fassung untersagt so gut wie nichts; u.a. ist das von Deutschland geforderte Verbot der Keimbahnintervention in der Deklaration erst gar nicht zu finden. Gefährlich: "Die Deklaration entwickelt... das Konzept eines ‚balancierten' Verhältnisses zwischen Rechten der Individuen und Rechten der Allgemeinheit, das den bisherigen Konsens des Vorrangs individueller Menschenrechte auszuhebeln imstande ist" (S 335).
Wieviel Fortschritt verträgt der Mensch? "Ein ‚wahlfreies' Ziel hat Hans Jonas den Fortschritt genannt, und den guten Ausgang von Fortschrittsbemühungen als ‚Gnade' bezeichnet" (S 67). Doch sollte man nicht fahrlässig mit solcher Gnade umgehen, vielmehr die Chance nützen, die verhängnisvolle Unausgewogenheit von zuviel unkontrollierter Macht der Experten in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik und zu wenig Diskurs auszugleichen (S. 66). Die kritische Öffentlichkeit würde dann aus ihrer jetzigen undankbaren Zwangsrolle heraustreten können. Das Human-Genom-Projekt beansprucht weltweit zu agieren. Von der Bioethikkonvention des Europarates sind nach Unterzeichnung durch EU und alle Nicht-Mitgliedstaaten etwa 740 Millionen Menschen betroffen (S 270). Im Gegensatz zu vielen erläuternden Behauptungen bricht diese Konvention aber "mit der Tradition der ethischen Verpflichtung, wie sie im Nürnberger Kodex von 1948 formuliert ist". Letzterer schreibt "in seiner Eindeutigkeit unüberbietbar fest: Forschung an Menschen ohne deren Einwilligung ist nicht statthaft". Nach der Bioethik-Konvention gibt es aber "zukünftig tendentiell zweierlei Arten von Rechten, solche für Menschen im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten und Abwehrmöglichkeiten" und solche, die für "incapacitated persons" (Nichteinwilligungsfähige) gelten sollen. Bei geistig schwer Behinderten, Embryonen, Dementen, Kindern ist die Würde "nicht mehr länger unantastbar" (Michael Emmrich S 345). Bereits 1994 bekannte der Generalsekretär der CDBI: Der Entwurf hat "zum Ziel, sowohl generelle Prinzipien als auch Regeln zu definieren, die das menschliche Wesen hinsichtlich der Anwendung von Biologie und Medizin schützen sollen". "Der Text definiert (aber) nicht die Begriffe ‚menschliches Wesen' oder ‚Person'", vielmehr "wird die Definition den verschiedenen nationalen Gesetzgebungen überlassen" (S 345). Gegen das weltweite bioethische Netzwerk, das sich in Expertengremien etabliert und demokratischer Wahl wie öffentlicher Einflußnahme entzieht, tritt Ursel Fuchs mit bekanntem Engagement auf (S 261ff). "Bioethik - eine mysteriöse Disziplin mit ungewissen Grenzen?"
Gleichgültigkeit gegenüber einer wissenschaftlich-unfehlbaren Verdinglichung des Menschen und seiner lebendigen Umwelt und ein möglicher Triumph des utilitaristischen Denkens können verheerend, für manches menschliche Wesen tödlich sein. Dazu braucht kein Prophet eine neue Apokalyptik zu entwickeln - das liegt auf der Hand. Zum Teil, - Gott sei Dank, - liegt Einiges auch in unserer Hand. Die vorliegende Sammlung von Aufsätzen gibt - trotz einiger (vermeidbarer) Längen - Anlass dazu, sich kritisch auf die "Biomacht" in ihrer Vielgestalt einzustellen, die Kritik ethisch, religiös-weltanschaulich zu vertiefen, sich solidarisch insbesondere mit Benachteiligten zu erklären und politisch auf allen Foren für das Grundgesetz einzutreten: "Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Maria Overdick-Gulden
Veröffentlicht in: Lebensforum Nr.52 4/1999
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