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Richard Luchs, Life Science - Eine Chronologie von den Anfängen der Eugenik bis zur Humangenetik der Gegenwart, LIT Berlin 2008, 512 Seiten

Life Science - die alten Wurzeln der gegenwärtigen Humangenetik

Eine Fülle von Daten aus über zwei Jahrhunderten drängt sich da auf 450 Seiten "Chronologie". Es ist, wie der Autor gleich zu Beginn des Werkes einräumt, keine lückenlose historische Darstellung der Problematik um "unser Erbgut". Zu vielfältig waren und bleiben die Einflüsse psychologischer und weltanschaulicher Einflüsse auf das Menschenbild, die Anthropologie. Richard Fuchs zeichnet den Weg von der offenen Eugenik des 18. Jahrhunderts über den Sozialdarwinismus (Begriff aus 1879) zum Rassismus in den USA und in Europa auch anhand charakteristischer Bilddokumente anschaulich nach. Francis Galton hatte mit Darwins Thesen die moderne Zivilisation kritisiert: sie verhindere die "notwendige natürliche Auslese"; es sei eine allgemeine Degeneration zu befürchten, wie schon Arthur de Gobineau "wissenschaftlich" prophezeit hatte. So erhielt die Darwinsche Theorie eine Akzentverlagerung zum Mechanismus der Selektion (Huxley, Lederberg, Muller 1939). Bald wurde das "social engineering" von dem rassenhygienischen Element der deutschen Eugeniker Schallmeyer und Ploetz überholt. Anfang des 20. Jahrhunderts erfolgte die Radikalisierung: die Besorgtheit um völkische Reinerbigkeit, - auch im Ausland verbal, literarisch und in der Praxis mittels Sterilisationen "Erbkranker" (noch bis in die 1960-er Jahre!) vollzogen, - läuft rasch auf ihr menschenverachtendes Extrem in der Brutalität des Naziterrors mit Millionen Opfern an Geschändeten und Ermordeten zu.

Endet mit den Grausamkeiten der Konzentrationslager diese Unmenschlichkeit der westlichen Welt? Hat der Nürnberger Ärzteprozess (1946/47) "bereinigend" auf Justiz und Medizin gewirkt? Der vorliegende Band klärt hier detailliert auf. Wie steht es in anderen Ländern und Kulturkreisen um den Selektionsgedanken? Ist dort die Illusion vom "bereinigten Volkskörper" beseitigt? Oder ist sie auf wissenschaftlichem Niveau unter intimeren Vorzeichen und verbrämenden Begriffen weitertradiert und im Gewand moderner biotechnischer Machbarkeiten in die Angebote der Medizin zurückgeflossen - Beispiel: Ciba Symposium 1962?! Sympathisiert nicht die Gesellschaft weiter mit dem Gedanken der "erbbereinigten Familie", trotz besserer Erkenntnis und böser Erfahrung?

Auf welche Interessen stoßen humangenetische Wissenschaft und Biotechnik, insbesondere der Gynäkologie und Geburtshilfe, der Psychiatrie und Geriatrie heute? Welche Rolle spielen Ökonomie und Soziologie bei der "Bewertung" von Menschenleben im Hier und Jetzt?

Zwar wird sozialdarwinistisches Gedankengut theoretisch und "offiziell" als amoralisch, antisozial und unwissenschaftlich abgelehnt; nur Rechtsextremismus lässt sich öffentlich über die angebliche "Ungleichheit" der Menschen aus! An die Stelle diffamierender Äußerungen treten jedoch psychologische Mechanismen der Mitleidsbekundung: dies und jenes Menschenleben sei doch "nicht lebenswert", ja "unzumutbar"! Die Versprechungen der Biotechnik tun das Ihre in immer weiteren oft "unbedachten" Angeboten: der Präimplantationsdiagnostik, die ein Selektionsverfahren sensu stricto darstellt, sowie jenen Praktiken, die mittels Auswahl ganz bestimmter Embryonen bei der IvF erwünschte Designerkinder zu Therapiezwecken oder zum family balancing "reproduzieren" (vgl. Indienbericht aus 2002) oder dem sog. Anspruch auf das gesunde Kind entgegenkommen.

Bis zum September 2007 reicht die aufschlussreiche "Chronologie" des Autors, die sich als Nachschlagwerk gerade zur Biopolitik unseres Landes bestens empfiehlt und die zunehmenden "Wort-Brüche" in Politik, Justiz und Medizinethik sachlich aufdeckt.

Ergänzt wird der Band durch eine umfangreiche Literaturliste, ein ergiebiges Personen - und Sachregister sowie die Liste über Bioethik-Institute mit parlamentarisch gewählten oder von der jeweiligen Regierung ernannten Personen.

Dem Leser verbleibt letztlich die Gewissensfrage, welchen persönlichen Beitrag er zur Unantastbarkeit der Menschenwürde leisten kann - als Arzt, als Krankenpfleger/in, als Wissenschaftler, als Politiker, als aufmerksamer und zum Protest bereiter Bürger.

Dr. Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: LebensForum Nr. 93 - 1/2010

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