Rezensionen
Hans Gleixner, Wenn Gott nicht existiert... Zur Beziehung zwischen Religion und Ethik, 254 S.,
Paderborn 2005, 29,90 Euro
Zur Beziehung zwischen Religion und Ethik
Was bleibt an verpflichtender Ethik, wenn Gott nicht existiert? Glaube und Vernunft: ist diese
„explosive Mischung“ aus fester Zustimmung einerseits und Denkunruhe andererseits erhellend für
den modernen Menschen und seine Fragen zur Moral oder doch nur lästige Beschränkung seiner
Autonomie? Etwa bei Embryonen verbrauchender Forschung? Atheistische Weltanschauung verneint
Religion - betont - um des Menschen willen. Es dominiert die Absicht, „sinnloses Leid zu vermeiden“.
Religiös fundierte Ethik, die auch das verzichtende Unterlassen kennt, steht demgegenüber unter dem
Verdacht heteronomer („theonomer“) Freiheitsbeschränkung. Deshalb verlangt man heute vielfach
eine säkulare „religionsbereinigte Ethik“, etwa wenn James Watson den Menschen zur
Selbstbestimmung des Evolutionsverlaufs (!) aufruft. Dieses megalomane Selbstverständnis gipfelt in
der These: der Mensch ist des Menschen Gott (A. Feuerbach).
Oder ist Religiosität nur „Vehikel für Moral“ - und Kirche „moralische Anstalt“, fragt der Moraltheologe
Hans Gleixner in den grundsätzlichen Überlegungen seines Buches. Zunächst sind falsche
Gottesbilder zu reinigen: Gott ist weder Lückenbüßer für unerklärliches Leid, noch strafender
Willkürgott, noch „Räuber menschlicher Freiheit“, noch der Weltabgewandte des Deismus. Auch ist
Religion nicht nur als Motiv, sondern als Bindung an metaphysische Wahrheit und als
„Letztverankerung von Ethik“ zu verstehen. Glaube fordert Vernunft und Erfahrung auf, in Freiheit
nach der „Nächstbegründung“ des sittlich Guten zu suchen, was sich in konkreten Situationen
bewähren muss. So verlangt die christliche Botschaft als Evangelium vitae den Schutz des
Menschenlebens von Anfang bis Ende, sowie Verantwortung - für die eigene Gesundheit wie die
fremde, im Umgang mit Kranken, mit dem Leiden und Sterben. Da die Bibel den persönlich-nahen
Gott verkündet und den Menschen als sein Ebenbild, ist alles Tun am Menschen an dieser personalen
Würde und Gottes barmherzigem Handeln auszurichten. Eugenische Selektion (PID, PND),
Embryonenverbrauch, Folter und Todesstrafe sind wie Abtreibung oder Euthanasie abzulehnen,
unmoralisch. Beispiel: beim sog. therapeutischen Klonen werden Formen frühesten menschlichen
Lebens, zum „Bio-Rohstoff“ für medizinische Zwecke reduziert. Die Qualifizierung therapeutisch ist
sprachliche Augenwischerei, denn nicht der geklonte Embryo wird therapiert, sondern ein Kranker
mittels dessen Substanz. Es ist weder vernünftig, noch ethisch gut, „einen Menschen, hier das
wehrloseste schwächste Glied der Kette bewusst zu opfern, um anderen... zu helfen“! Widerspricht
der religiöse Glaube also „den Denkvoraussetzungen eines modernen wissenschaftlichen
Weltbildes“? Nein. Wenn Gott nicht existiert, erscheint im Umgang mit sinnlosem Leid vieles moralisch
erlaubt, was der religiöse Mensch „als inhuman“ erkennen kann und begründet ablehnt.
Muss sich der Gläubige dann dem Verdacht der Unaufgeklärtheit ausgesetzt sehen und seine
religiöse Argumentation in eine säkulare Sprachkultur umschreiben, um sie dem Diskurs anzupassen?
Hierzu macht der religiös unmusikalische Philosoph J. Habermas ein Angebot praktischer Vernunft.
Der liberale Staat dürfe seine gläubigen Bürger nicht unfair ausgrenzen, vielmehr sollte man nach
allgemein akzeptablen Gründen suchen und diese jeweils in der eigenen Sprache ausdrücken;
wechselseitiges Sprachverständnis sei gefordert. Das entspreche der „Goldenen Regel“. Und:
worüber nicht mehr diskutiert wird, das ist nicht mehr in der Welt. Also von Gott reden, wo es um Ethik
geht!
Dr. Maria Overdick-Gulden
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