Rezensionen
Peter Wißmann, Reimer Gronemeyer: Demenz und Zivilgesellschaft - eine Streitschrift
Mabuse-Verlag, Frankfurt a.M. 2008, 200 Seiten.
Sozialromantik ist das nicht.
Nein, was die Autoren Peter Wissmann und Reimer Gronemeyer bearbeiten, erweist sich als realistischer Auftrag in einer eigentlich erfreulichen immer höheren Lebenserwartung in der sog. westlichen Gesellschaft. Dieser bezieht sich jedoch nicht vornehmlich auf die "ewig Junggebliebenen", Dauertrainierten oder geistig präsenten Alters-Weisen; vielmehr muss sich die Zivilgesellschaft und die jeweilige "Kommune" auf den Bürger mit Demenz (wörtlich: den "des Geistes Beraubten") einstellen und ihm trotz seiner kognitiven Verluste einen sicheren Platz in der Gesellschaft, d.h. "Öffentlichkeit" einräumen. Demenz darf nicht als Tabu gelten, das aus der schnelllebigen sog. Wissensgesellschaft schamhaft wegzusperren bleibt. Trotz "Vieles" versprechender und kostspieliger medizinischer Forschung ergibt sich bis heute keine Therapie; so lässt sich zu Recht fragen, ob "Alzheimer" oder "Demenz" ihrem Wesen nach überhaupt Pathologien und ausschließlich im "Alzheimer Imperium" der Pharmaindustrie zu versorgen sind.
Wesentlicher noch sind die Fragen: ob sich der Mensch an sich im "cogito" raumzeitlicher Orientierung und Planung umfassend aufgehoben weiß; sich die Beurteilung von Wirklichkeit in "der Definition", der "Grenzziehung", erschöpft, obwohl die Grenze des Wissbaren - z. B. in der Physik - doch nicht erreicht werden kann? Weil sich die Realität vielleicht nur "als Potenzialität", als ein "unentschiedenes Sowohl als auch" offenbart (Hans Peter Dürr)!
Doch da ist noch unsere "Weisheit der Gefühle", die Intuition! Entdeckt sie nicht oft mehr als unser Verstand? Sich an der streichelnden Hand des Anderen zu orientieren, vermittelt schon dem Kind mehr Selbst-Sicherheit als ein technokratisches Pädagogikkonzept - und dem verunsicherten Alten weit mehr als ein raffiniertes "brain aging". "Gegen den Strich gebürstet" entpuppt sich der derzeitige gesellschaftliche Umgang mit Demenz als beängstigender Kampf gegen einen bislang unbesiegten "Feind der Menschheit" und verwehrt so den Blick auf den Menschen in seiner Ganzheit als leibgeistiges und soziales Wesen.
Neue Programme zur Inklusion von Mitbürgern mit Demenz zielen die Erschließung sinnesorientierter Wahrnehmungs- und Interaktionsräume an, welche die Kommunikation von Erleben und damit gesellschaftliche Teilhabe (u. a. über Musik/ Malen) eröffnen. So verbleiben nicht hoffnungslos Kranke, Dahinvegetierende, "Verblödete" und schließlich aus Kostengründen "Abzuschaffende". Für derartige "Endlösungen" scheinen sich in unseren Tagen trotz noch immer vorhandenen "Wohlstands" ja bedenkliche Symptome vorzubereiten.
Ohne eine romantische Verherrlichung oder Verharmlosung von Behinderung aller Art zu propagieren, soll "Demenz" als mitbürgerliche Aufgabe in Nachbarschaft, im Vereinswesen, in Kirche und Öffentlichkeit wahrgenommen werden und in der Kommune zum lohnenden Austausch führen. Bietet sich hier nicht die Chance zur Erkenntnis, dass wir alle vom Beginn unseres Daseins an von der Zuwendung anderer Menschen abhängig sind, von Anderen als soziale Wesen in gelebter Humanität wahrgenommen werden und von ihnen in unserer Würde wertgeschätzt bleiben?
Insofern bedarf es "neuer Kommunen", wie der 2. Teil des Buches anregt. Nicht die "Industrialisierung des Sozialen", wobei der alte Mensch zum "Pillenschlucker" und zum "Verpflegten" verkommt, führt zum Ziel. Generell bedarf es der "neuen Architektur des Sozialen" (Thomas Klie), da der "sensus communis" bereits innerhalb der aktiven Leistungsgesellschaft verloren geht: im "carpe diem" der Singles, der Selbstisolierung des PC-Freaks, in einer "Selbstbestimmung", welche die Entmündigung des Alten fordert und zur "Stilllegungsprämie" des Hochbetagten durch seine Erben tendiert. Hier kann sich die "heimliche Kraft der Schwachen" als Gesundungsmöglichkeit für die moderne Gesellschaft erweisen. Für die von den Autoren aufgezeigten verschiedenen Wege in einer neuen Praxis des Alltags sei gedankt. Wir stehen - wieder einmal - am Anfang. Als nicht nur denkende Naturen, sondern fühlende, einfühlende, lernende in Gegenseitigkeit!
Dr. Maria Overdick-Gulden
Veröffentlicht in: LebensForum Nr. 98 - 2/2011
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