Rezensionen
Jean-Claude Guillebaud, Das Prinzip Mensch. Ende einer abendländischen Utopie?, München 2004,
480 Seiten, Euro 25,00.
Ende einer abendländischen Utopie?
Nach den menschlichen Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts, dem Nazi-Terror, dem
Holocaust, dem Einsatz von Atombomben und Napalm und den russischen Gulags setzte man auf
den vernünftigen Konsens, dass „der Mensch und das von ihm getragene Prinzip Menschlichkeit“
unantastbar sein müssten. Aber „Menschlichkeit“ ist nicht erblich. So ist sie heute unter veränderten
Paradigmen in erhöhter Gefährdung in dem weltweiten Geflecht aus Wirtschaft, Informatik und
Genetik, in das - entgegen vieler altruistischer Vorgaben und „Verheißungen von Leidverminderung“ -
längst auch naturwissenschaftliche Forschung und Medizin eingebunden sind und in dem sie sich
ökonomisch ausrichten. Für den langjährigen Mitarbeiter bei Le Monde Jean-Claude Guillebaud steht
fest, dass Gentechnologie und Bio-Wissenschaften weltweit ganz vorrangig materialistisch orientiert
sind. Vom Leben selbst wissen sie nichts.
Indem der Mensch genetisch kaum unterscheidbar vom Affen und als „anderes Tier“ interpretiert wird,
sein Geist neurobiologisch in Nervennetz und Synapsenfunktionen zu verdunsten droht, im Menschen
die Maschine immer detaillierter entdeckt ist, seine Organe zum Verkauf angeboten werden, der
Embryo - entgegen manch wohlgefälliger Definition - als Nichtperson behandelt und als Mittel
verbraucht wird, erodiert das „Prinzip Mensch“. Homo sapiens sapiens wird ungeachtet seines
theoretisch gelegentlich noch zugestandenen Selbstzwecks immer mehr zur Sache. Die Grenzen von
Mensch zu Tier, Maschine, zu patentierbarem Produkt und reiner Biomasse sind „porös“ geworden.
Es sei Zeit für eine totale „Destruktion der Subjektivität“ und das „Ende des Ich“, meint die
philosophische Begleitmusik des Kognitivismus. „Wir müssen lernen, nichts weiter zu sein als die
Neuronen der Erde“, kommentiert beispielsweise Joel de Rosnay. Der Philosoph und UNESCOBerater
Philippe Quéau sieht im Internet das „kollektive Gehirn“ entstehen: als eine „Utopie im
Werden“. Ehemaligen Marxisten gilt die planetare Intelligenz als Bestätigung des „Internationalismus“
(Dan Sperber), als Kollektivismus mit menschlichem Antlitz, hinter dem das Individuum zurück zu
stehen hat.
Der Schwede Ostergren hatte 1945 vorgeschlagen, die Anthropologie I. Kants auf den Kopf zu stellen
und das Gen als den autonomen Organismus anzusehen, der sich für seine Fortpflanzungszwecke
des Menschen bedient. Für den Zeitgenossen Richard Dawkins sind wir „Überlebensmaschinen... zur
Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden“. Die Realität dieser Teilchen wird
zum autonomen „Ego der Evolution“, hinter dem das Subjekt mit seiner Willensfreiheit verschwindet.
Moral und „Werte werden zu neurobiologischen Produkten“ auf dem Boden „biologischer Diktate“. Der
neue Nihilismus, der sich auch in der Deep Ecologie zeigt – dort wird der Mensch wieder zum Teil der
Natur und hat hinter (!) das Recht von Tieren, Pflanzen, Wäldern und Seen zurückzutreten - , trifft sich
mit mythischer New-Age-Spiritualität, Theosophie und einem westlich (fehl-) interpretierten
Buddhismus. In einer zunehmend banal erscheinenden Welt greife man, so der Autor, zu tröstlichen
Anleihen bei der östlichen Weisheitslehre. Während dort die Ego-Losigkeit und Offenheit für alle
Wesen das erlösende Ziel sei, werde dies in der okzidentalen Buddhismus-Version umgestaltet zur
„Befreiung von der Mühsal, man selbst zu sein“ und verantwortlich zu handeln, was zur friedlich-freien
Entfaltung des Ego in „wahrer Selbstverwirklichung“ führe. Westliche Forscher, die gedanklich das
Menschliche des Menschen, seinen Sonderstatus, abschaffen, suchten hier nach Heilung ihrer
Entdeckungen. Wo aber bleiben in der Karmalehre die Menschenrechte, wenn der Behinderte z.B. als
der gesehen würde, der für seine Fehler in früheren Leben zu büßen hätte?
In einer historischen Analyse untersucht der Autor die lange Tradition des Materialismus in Frankreich
und hebt den Titel „l’ homme machine“ des Arztes Julien O. de Lamettrie (1747) hervor. 1912 verfasst
der Arzt und Nobelpreisträger Charles Richet sein Hauptwerk (und „Manifest“) „La Selection
humaine“. Über alle Katastrophen der Humanität hinweg überlebten in Europa wie in USA die
verheerenden Ideen des Sozialdarwinismus. Eugenik bildet heute das weltweit, auch in China und
Japan akzeptierte ideologische Unterfutter für den biotechnischen Fortschritt. Besonders die Genetik
sieht der Autor „in den Klauen der Ideologie“, in welcher der Begriff der „Normalität“ totalitär geworden
sei. Nach Tristram H. Engelhardt, dem „Papst der amerikanischen Bioethik“, hätten wir zwischen
menschlichen Personen und „menschlichen Nicht-Personen“ zu unterscheiden. Wir leben also in einer
„rückschrittlichen Moderne“, die in die Gedankenwelt eines Francis Galton zurückfällt und „Allgemeine
Menschenrechte“ leugnet. Im Sozialdarwinismus werden neben Behinderung auch Kriminalität, Armut
und Asozialität zum genetisch determinierten Untermenschentum gerechnet: Gene sind zur „Macht
des Schicksals“ geworden.
Wie aus der „unaufhörlichen Verkettung von illusionären Aufschwüngen und bitteren Enttäuschungen“
der Moderne herausfinden? Wie die Trennung von Denken und Leben, von Laborpraxis und
Mitmenschlichkeit überbrücken? Etwa über Sloterdijks Rückgriff auf „nietzscheanische Überlegungen
zur genetischen „Größerformatierung“ im „Menschenpark? Oder den Relativismus eines Richard
Rorty, der sich an jedes beliebige Menschenbild „dialogisch“ und „sympathisch“ anpassen will? Als
katastrophal sieht der Autor eine Technophilie, die den Nihilismus als Emanzipationsmöglichkeit und
wesentliche Triebkraft der Menschheitsgeschichte sieht (wie der Belgier G. Hotois, Ethikberater bei
der EU). Eine solch „überstürzte Kapitulation der kritischen Intelligenz“ sei haarsträubend. Ohne
Metaphysik falle es schwer, die Menschheit ontologisch zu definieren. Ja, aber ist nicht „der
Mensch...das einzige Tier, das schlichtes Wasser von Weihwasser unterscheidet“ (L. A. White) und
also über Spiritualität verfügt? Erst wenn die Wissenschaft ein offenes Bündnis mit den Grundwerten
jüdisch-christlicher Tradition einzugehen bereit ist, wird sie nach Guillebaud den Herausforderungen
der Gentechnologie „menschenwürdig“ begegnen. Das „Prinzip Mensch“ ist vom Monotheismus, der
Gott als den Urheber und Garanten einer fundamentalen Freiheit bekennt, nicht zu trennen.
Dr. Maria Overdick-Gulden
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