Rezensionen
Stefan Heiner, Enzo Gruber (Hrsg.), Bildstörungen - Kranke und Behinderte im Spielfilm, Frankfurt a. M. 2003, Euro 18,90.
Bildstörungen
Es ist erstaunlich: bei aller Verdrängung von Sterben und Tod in unserer Gesellschaft existieren über 250 Spielfilme, welche die Diagnose Krebs - in den letzten Jahren aids - zum Thema haben und sich mit dem Schock der Diagnose und seiner Verarbeitung auseinander setzen: "Bildstörungen", die zurecht rücken und heilsam sind.
Der vorliegende Band umfasst 16 Beiträge von Filmschaffenden (Caroline Link, "Jenseits der Stille"), Medienwissenschaftlern, Filmkritikern (u. a. Goffredo Fofi, Rom), Schauspielern (Peter Radtke), Medizinethikern, Psychiatern und engagierten Menschen mit und ohne Behinderung. Er geht der Frage nach, wie kranke und behinderte Menschen seit über 100 Jahren in Spielfilmen vorkommen, wo sie voyeuristisch vorgeführt oder zur "Staffage werden"; wie oft gesunde Schauspieler in deren Rolle schlüpfen (z.B. in "Rain Man") und ob Authentizität dabei leidet oder gar verloren geht. Der Titel "Bildstörung" lässt sich in verschiedenen Perspektiven lesen. Einmal passen Behinderung, Autismus, Krankheit, Krebs nicht unbedingt in das Verständnis von glückendem und erfolgreichem Leben (wie die pränatale Selektionspraxis beweist - Anm. der Rezension). Alte Bilder laufen immer noch und bedienen transportierte Klischees vom "Sorgenkind". Zudem werden Behinderte in Spielfilmen viel zu oft als Träger des "Negativen" dargestellt ("Twoface" in "Batman", oder "Batman forever") - ein Grundmuster unreflektierten Denkens; die körperliche Andersheit, der "imperfekte" Körper werden als Symptom für seelische und moralische Deformierung gedeutet. Ein solches Bild ist buchstäblich "gestört". Andererseits muss ein solches Bild des "Normalen" durch den authentischen Schauspieler korrigiert, "gestört" werden, da niemand völlig unbehindert ist oder leben kann und jedes Leben fragil ist. Normal ist vielleicht doch nur das, "woran man sich gewöhnt hat"! Indem talentierte Schauspieler mit offensichtlicher Behinderung in Theater und Film in ihrem Selbstverständnis auftreten, kann beim Zuschauer mit der Einfühlung auch Einsicht wachsen. Die Rolle des behinderten Menschen liegt nicht in Extrempositionen wie "Randexistenz" oder "Superheld". Zwar gibt es die Hochtalentierten unter Behinderten, die unserer "normalen Vorstellung von überragender Begabung und Aktivität" entsprechen oder diese sogar übertreffen können. Sollte es aber nicht eher darum gehen, der Mitwelt ein Stück Lebensgefühl des Kranken oder Behinderten und seiner Sichtweisen zu vermitteln? Muss er unbedingt "der Bessere mit schlechteren Karten" sein? Soll er sich nicht ganz ungeschnörkelt als der "Behinderte" und in aller Offenheit als er selbst filmisch realisieren? Es muss zudem klar werden, dass es den behinderten Schauspieler nicht gibt, sondern dass es zwischen einzelnen Persönlichkeiten zu differenzieren gilt.
Die "arbeitsgemeinschaft behinderung und medien (abm)" verfolgt dieses Bewusstmachen in enger Zusammenarbeit mit Behindertenverbänden und Selbsthilfegruppen. Sie arbeitet mit Produktion und Ausstrahlung von Dokumentarfilmen (über 50 Filme), u. a. erfolgreich seit 1998/99 in Bayern, Tirol und Belgien in dem Pilotprojekt OBJEKTIV. Bei Filmvorführungen in Schulen schließt sich das Gespräch mit einem behinderten Menschen als Moderator an. Dabei bildet der Film die Brücke zum Verständnis von "Anderssein", der Moderator seinerseits vermittelt eine Glaubwürdigkeit, wie sie der Film (oder eine Lehrperson) allein nicht leisten kann.
Ein lesenswertes Buch, dem am Ende ein ausführliches Verzeichnis der besprochenen Filme angefügt ist und so besonders für Pädagogen, Filmverleiher und Bildungsstätten interessant ist. Auch mancher Filmemacher kann es mit Gewinn lesen.
Dr. Maria Overdick-Gulden
veröffentlicht in Lebensforum Nr. 70, 2/2004
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