Rezensionen
Otfried Höffe, Medizin ohne Ethik?, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. M. 2002, 262 S.
Otfried Höffe, Lesebuch zur Ethik, Verlag C. H. Beck oHG München 1998/ 2002, 438 S.
Medizin und die Macht der Moral
Ist die gegenwärtige Hochkonjunktur der Ethik in der Medizin nicht ein positives Zeichen der Zeit? Zeichen für eine enge "Verklammerung von Universität und Gesellschaft", für die "Zusammenarbeit von Natur- und Geisteswissenschaften" und dafür, dass man Philosophie aus dem "Elfenbeinturm in die Praxis" ruft? Allerdings wertet der Tübinger Philosoph und Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie der dortigen Universität, Otfried Höffe die Einrichtung von Ethikräten, von lokalen bzw. regionalen Ethik-Kommissionen, von Lehrstühlen für medizinische Ethik und die Eingliederung des Faches in die Ausbildung des Medizinstudenten etwas anders: sie sind "Krisensymptom einer moralischen Unsicherheit". Dies sei so besorgniserregend wie der erste "Besuch eines bislang gesunden Menschen beim Arzt". Ist die Medizin von Zeittrends infiziert und selbst erkrankt?
Das bisher geltende Berufsethos auf der Grundlage des hippokratischen Eides und seine Aktualisierungen im Nürnberger Kodex, Genfer Ärzte-Gelöbnis und in den Deklarationen des Weltärztebundes von Helsinki (1964) bleiben zwar gültig, aber reichen offenbar zur Beantwortung aktuell aufgetretener und sich stets erweiternder Fragenstellungen nicht mehr aus. "Medizinische Ethik" erklärt sich als "Folgelast des seit der Aufklärung (Roger Bacon, René Descartes) angereicherten und sich beschleunigenden Wissens". Diese Einschätzung hat nichts mit Skepsis gegenüber der Moderne oder Moralismus zu tun. Vielmehr erhebt Ethik als moralische Vernunft den Anspruch, das Selbstinteresse am "guten und richtigen Leben" (Beispiel: die Goldene Regel) zu thematisieren. Der Gang ins ethische Neuland unserer Tage ist markiert von Fragen wie: haben Stammzellen Menschenwürde, wo sind der Freiheit wissenschaftlicher Forschung Grenzen gesetzt, wo beginnt Missbrauch, zu welcher und zu wie viel Therapie ist der Arzt bei Ressourcenknappheit, in der Geriatrie, der Neonatalogie verpflichtet? Ist der Arzt im Notfall lediglich "Einsatzleiter von hochqualifizierten Apparaten"? Was halten wir, die Gesellschaft, vom "Sterbenlernen" angesichts der "Allmacht" medizinischer Technik? Haben nach demokratischer Regel nicht alle gleichen Anspruch auf die viel versprechenden(!) Biotechniken?
Grundsätzlich ist medizinisches Ethos ein Ethos des Helfens und Heilens. Während das Helfen für jeden Bürger -außer im Notfall - eine freiwillige Tugend, aber keine geschuldete Rechtspflicht ist, haben sich der Ärzte- und der Pflegestand beruflich darauf verpflichtet. Das moralische Minimum: "keinesfalls zu schädigen (primum nil nocere), und das oberste Gesetz (suprema lex): das Wohlergehen des Kranken, werden durch ein drittes Prinzip abgerundet: die aufgeklärte Zustimmung des Kranken zum Akt ärztlicher Hilfe".
Bewegt sich die Philosophie noch auf der Höhe der Zeit? Während die Forschung atemberaubend weiterschreitet, ringt man um den vernunftgemäßen Konsens in bioethischen Fragen. Als "praktische Vernunft" ist Ethik auf Universalisierbarkeit angelegt und von partikulären Bedingungen unabhängig. So kann auch Bio-Ethik für sich keine Sonder-Richtlinien, etwa solche einer einseitigen Nützlichkeit, aufstellen oder verständliche Wünsche unhinterfragt bedienen. Bereits früh habe die Moralphilosophie (v. a. I. Kant) den Bacon-Descartesschen Utilitarismus einschränkenden Bedingungen unterworfen: nämlich "den Menschenrechten" und der "Menschenwürde" (s. Kap. 3 und Kap. 6.3). Das Prinzip Menschenwürde ist als höchstes Moral- und Rechtsprinzip erkannt und kann in weltanschaulich neutralen Staaten auch ohne Rückgriff auf religiöse Begründungen zur Geltung kommen. Die Sonderstellung des Menschen ergibt sich aus dem einsichtigen Gedanken einer "Stufenleiter der Natur" (scala naturae): der Mensch ist der "geistige Aristokrat", das animal rationale bzw. rationabile. Menschenwürde als Leitprinzip wurde historisch "entdeckt und fand zunehmend Anerkennung". Die Zugehörigkeit zur Gattung Mensch genügt für den Anspruch ihrer Achtung. Im Gegensatz zu den "relativen sozialen Würden", z.B. der "Verantwortungswürde" (Würde der moralischen Leistung eines Individuums) ist sie unverdiente "Mitgiftwürde jedes Menschen". Ähnlich (!) der Würde anderer Geschöpfe, aber von einmaliger Qualität, ist sie vorbedingungslos wie jene, aber von absoluter Geltung. Hier bestehen interkulturelle Übereinstimmungen: für Ostasien formulierte der konfuzianische Meister Meng Zi bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert, jeder Mensch habe "Würde in sich selbst, und eine gerechte Herrschaft wird diese achten"! Ambrosius von Mailand setzt als früher christlicher Theologe die biblische Gottesebenbildlichkeit mit der Würde gleich, Papst Leo der Große sieht sie durch die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus bekräftigt. In Afrika heißt es: ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch.
Francis Bacon vertrat die optimistische Auffassung, die "Leistungswürde" z. B. die von Forschern führe beim Mängelwesen Mensch linear und ohne Einschränkung zu immer weiterreichender Lebensqualität und letztlich zum Glück der gesamten Menschheit (i. S. eudämonistischer Ethik) und sei als "Nächstenliebe nicht zu begrenzen" (davon gebe es kein "zuviel"!); sie sei daher eine der "Mitgiftwürde vergleichbare moralische Größe". Hier zeigt sich nicht nur im nach hinein ein guter (?) Schuss Naivität, sondern schon beim Autor selbst, der zu den überragenden Erfindungen auch das Schießpulver zählte! Höffe warnt vor ähnlichen "humanitaristischen Fehlschlüssen" (Kap. 2.5). Seine Analyse: Wohltätigkeit gehöre nicht zu einer Elementarmoral (wie: nicht zu stehlen oder zu lügen); sie sei nicht "geschuldet", sondern freiwillige "Mehrleistung". Ergo: Rechtsverbote, z.B. nicht zu töten, haben klaren Vorrang vor "karitativer Zuwendung". Damit widerlegt sich der aktuell benutzte Einwand von Forschern, man enthielte einem Kranken die in Zukunft (vielleicht!) möglichen Behandlungsformen vor, wenn man Embryonenverbrauch und therapeutisches Klonen weiter verbiete. Auch das völkerrechtlich (1966) ausformulierte Recht auf ein erreichbares "Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit" darf nicht exzessiv i. S. einer Gesundheit "um jeden Preis" ausgelegt werden: der Lebensschutz hat Vorrang (Kap. 4.3). Auf ihn ist jedermann verpflichtet.
In diesem Zusammenhang wird die empiristische Auffassung John Lockes, die heute als Rechtfertigung für verbrauchende Embryonenforschung herangezogen wird (Singer u.a.), mit der empirismuskritischen Kants im Bezug auf den Menschen als Person und Rechtssubjekt verglichen. Immanuel Kant begründet Menschenwürde "nicht aus rein biologischen Eigenschaften". Diese definieren lediglich den Anwendungsbereich: die Menge derjenigen Wesen, die das nichtbiologisch begründete Prinzip Menschenwürde verdienen. Als logischen Fehlschluss bezeichnet Höffe, wenn man aus mangelnder Zurechnungsfähigkeit, nicht bekundetem "Lebensinteresse" (Embryo, aber auch Säugling, Kleinkind, geistig Schwerstbehinderter) auf einen Mangel an Rechtsschutzfähigkeit schließt (Kap. 4). Auch die von R. Merkel vorgeschlagene "Gattungssolidarität" ist für die stufenlose Anerkennung der Menschenwürde untauglich, weil Solidarität keinen absoluten Verpflichtungsgrund beinhaltet und so willkürliche Ausgrenzungen (z B. Behinderter) zulassen könnte. Höffe gibt zu bedenken, ob die Kontroverse nicht besser "vom unmittelbaren einschlägigen Prinzip, dem Schutz des menschlichen Lebens, aus zu führen sei - also vom Lebensrecht für Alle! Denn zweifellos erstreckt sich der Schutz von Leib und Leben auf Schlafende, Neugeborene und Geisteskranke. Für den Beginn dieses Rechtsschutzes setzt Höffe vernunftgemäß die Zeugungsphase an: "Was Kritiker als 'bloßen Zellhaufen' abtun wollen, trägt von Anfang an, als befruchtete Eizelle mit dem doppelten Chromosomensatz, das volle Lebensprogramm für die Entwicklung eines Menschen in sich" und entwickelt sich "als Mensch". Dieses Programm ist "radikal", nämlich bis zu den Wurzeln, und voll aktiver Potentialität und anders als die "Potentialität eines Marmorblocks für eine Statue. Embryonen sind in einem elementaren Sinn "frei", denn sie sind nur "dem eigenen Gesetz und dem eigenen Programm" unterworfen.
Gegenüber Kritikern einer moralischen Begrenzung der Forschung (wie H. Markl) stellt der Autor klar: zweifelsfrei liegt in der befruchteten Eizelle menschliches Leben vor, und das "ist der Verfügung anderer entzogen" (Kap 4.2). Selektionsmaßnahmen wie PID sind moralisch abzulehnen, weil sie gegen "das Recht jedes Schwachen, Zweck an sich selbst und niemals bloß Mittel eines Stärkeren zu sein", dem Menschenwürdeprinzip also, widersprechen. Wer sich für die Auseinandersetzung mit weiteren "Einwänden (Abhängigkeit des Embryos vom mütterlichen Organismus etc.) gegen die uneingeschränkte Schutzwürdigkeit des frühen Menschenlebens interessiert oder beim "Recht auf Güterabwägung" hinzulernen will, erhält aus der Lektüre wertvolle Argumentationshilfen. Überdies: Wer "die Autorität des erfolgreichen Forschers zu schwärmerischen Träumereien mißbraucht, wer... mit den entsprechenden Hoffnungen zunächst 'moralische', dann finanzielle Unterstützung sucht, handelt gewiß unmoralisch".
Dass Forschung zudem nicht als "Samariterdienst" ("Ethik des Helfens) aufgefasst werden kann, ergibt sich schon aus ihrer öffentlichen Finanzierung, während der Samariter bekanntlich für die ersten Pflegekosten des unter die Räuber Gefallenen selbst aufkam.
Weitere Themen des Bandes sind: Gesundheit und sinnerfülltes Leben, der Entwurf einer gerontologischen Ethik und der Vorschlag einer neuen Krankenversicherung angesichts knapper Ressourcen. Das Kapitel zur Schwangerschaftskonfliktberatung und zum von Höffe kritisierten Ausstieg der katholischen Kirche aus dem staatlichen Abtreibungssystem bringt keine neuen Argumente; hier wäre vom Autor eine Korrektur zu bedenken, hat doch der ergangene "Heilbronner Richterspruch" gegen einen gewaltlos demonstrierenden Lebensrechtler die bestehende "Verdunkelungsgefahr" durch das "Mitmachen" deutlich genug gemacht.
Der Band schließt mit Thesen in Bezug auf "Innovation und Ethik". Ob es im Blick auf Nutzen oder aber nutzenfrei geschieht, das natürliche Streben des Menschen nach Wissen hat einen "moralischen Rang". Da sich der Mensch als das sowohl zur Erkenntnis und zur "technischen Innovation" begabte Wesen darstellt und große christliche Lehrer wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin die autonome Vernunft verteidigten, war im sog. Abendland die Bereitschaft der Gesellschaft für Neuerungen kontinuierlich gegeben. Die sozialen Innovationen in Justiz, Pädagogik, Demokratie können hier verhindern, dass sich die Macht des souveränen Wissens zerstörerisch auswirkt. Schließlich fördert die Naturabhängigkeit des Menschen und seine Bedrohung nicht nur die not-wendenden medizinischen und technischen Innovationen, sondern auch seine "Humanität": im Gebot zur Hilfe für Notleidende und der Nächstenliebe, in der Erkenntnis der Menschenrechte und der Abwehr von Missbrauch durch die Rechtsmoral. Letztere ist "der Preis für die Entgöttlichung der Natur": schon in früher Zeit haben sich Ärzte deshalb im hippokratischen Eid einer wissenschaftlichen Selbstverpflichtung unterworfen. Um wirklich "nicht zu schaden und weiterhin im "Wohl des Kranken" das oberste Gesetz zu sehen, sind heute neben einer Technik-Risiko-Forschung international geltende bioethische Kriterien und globale juristische Kontrollinstanzen zu entwickeln und politisch durchzusetzen. "Schließlich fehlt eine Ethik der Bescheidenheit aus der Einsicht, dass wir unsere Lebens-Welt nie zum leidfreien Paradies umgestalten können." Der Pleonexie, dem Immer-mehr-haben-und-erreichen-wollen, ist Weisheit entgegen zu setzen, eine "medizinische Sokratik". Und: "statt der innovativen Forschung hinterherzuhinken, ist der Diskurs begleitend, sogar vorausschauend" zu führen. Denn wenn schon der Wappenvogel der (moralischen) Weisheit, die Eule der Athene, nur am Abend fliegt, warum dann nicht am Abend vorher?
Ethik - ein gemeinsames Erbe.
Gleichsam als Beleg, dass Ethik kein kulturelles Sondergut christlich-westlicher Kultur ist, hat Otfried Höffe seinen 1998 erstmals erschienenen Band "Lesebuch zur Ethik. Philosophische Texte von der Antike bis zur Gegenwart" jetzt in dritter überarbeiteter Auflage vorgelegt. Die Bandbreite des Materials reicht von außereuropäischer und vorphilosophischer Ethik (indische, chinesische, altägyptische Weisheitslehren) bis zu Texten von Camus, Rawls, Spämann, Singer. Die auf die gemeinsame Grundfrage nach dem "gelingenden Leben" erfolgten Antworten werden als kulturelles "Erbe der Menschheit" vorgestellt. Immer wieder durch Krise und Kritik herausgefordert, hatte philosophische Ethik als "praktische Philosophie" zu antworten. Zum antiken Eudämonismus, den Verbindlichkeiten der Sinaigebote gegenüber Gott und Mitmensch tritt in der christlichen Ethik das Thema Freiheit in einer neuen Tiefendimension hinzu. Der Autonomie-Gedanke vom Willen, der sich selbst die Gesetze gibt, hat von der Pflichtenethik Kants bis heute seine Aktualität und Faszination nicht eingebüßt, vielmehr die Reflexionen von Nietzsche und anderen Moralkritikern eher als konstruktive, denn als destruktive Elemente integriert. Bei aller sozialgeschichtlichen Differenz zwischen dem Damals und dem Heute ergibt sich angesichts der verbleibenden moralphilosophischen Grundfragen eine gewisse "Zeitgenossenschaft", "eine eigentümliche Gegenwart der Vergangenheit".
Die Macht der Moral.
"Moralische Argumente spielen in der Öffentlichkeit eine... tragende Rolle." Moral entscheidet über die Integrität von Personen; historisch gesehen, initiiert sie Veränderungen in Rechtssystem und überschreitet zudem Kulturgrenzen. Menschenrechte, im westlichen Kulturkreis erstmals ausformuliert, werden nahezu weltweit, zumindest verbal, anerkannt. Bei jeweiligen Verletzungen legt das menschliche Gewissen, zugegeben nicht immer effektiv, sein Veto ein. Dennoch ist Moral dem Missbrauch durch "Moralismen" ausgesetzt, wie an den Strategien der moralischen Diffamierungen persönlicher oder sozialer Gegner oder der interessengeleiteten "Abwertung unliebsamer Programme im politischen Wettstreit" abzulesen ist. Man weiß: "Interessen zählen, Moral zählt mehr, und weiß dies wiederum politisch", auch populistisch, zu nutzen. Oder "man misst Unrecht mit verschiedenen Ellen", betreibt also Doppelmoral. In der Biomedizin entzieht man sich der "Urteilskraft, man verschleppt den Güterabwägungsprozess" und überlegt sich noch immer, ob es "mit einem längst selbstverständlichen Prinzip, dem Lebensschutz Forschung an Embryonen", eine Selektion, die sich als "Diagnostik" verkauft und sich auf diese Weise Forschungsmaterial beschafft, oder das sog. therapeutische Klonen geben darf. Gewiss ist die Moral keine wehrlose Angelegenheit. Als eine Instanz, die über die Integrität einer Person, folglich über Selbst- und Fremdachtung entscheidet und auch zur Koexistenz der Kulturen wesentlich beiträgt, enthält sie ein großes Machtpotential. Dennoch bleibt Moral in ihrer Aktualisierung zwischen Macht und Ohnmacht eingespannt und nach Ansicht des Autors stets prekär. Sie ist empfindliches Gut.
Maria Overdick-Gulden
Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 65 1/2003
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