Literatur

Rezensionen

Adrian Holderegger / Denis Müller / Beat Sitter-Liver / Markus Zimmermann-Acklin (Hrsg.), Theologie und biomedizinische Ethik-Grundlagen und Konkretionen, Verlag Herder Freiburg i. B. 2002

In pluralistischer Gesellschaft

Der bioethische Diskurs betrifft, so Adrian Holderegger, Moraltheologe an der Universität Fribourg, inzwischen nicht allein "Methoden- und Begründungsfragen", sondern veranlasst, über grundlegende Begriffe wie "Natur, Leben, Person und anthropologische Konzepte von Leben und Tod, von Machbarkeit und Endlichkeit, von Gestaltung und Geschick" neu zu verhandeln. Der wissenschaftlich-technische Vorstoß in "ethisches Neuland" ruft nach neuen Orientierungsmustern und kann nur interdisziplinär sinnvoll bearbeitet werden. Muss sich die Theologie neu positionieren? Diesem Thema stellte sich eine Gruppe von Ethikern auf einem internationalen (und interkonfessionellen) Symposium in Fribourg im Herbst 2001.

Theologische Ethik ist nicht nur vermehrt konfrontiert mit Sinn- und Identitätsfragen z. B. in der Transplantationsmedizin, sondern hat im Pluralismus ethischer Konzepte bisherige Plausibilitäten wie die "Heiligkeit des Lebens", die "Gottes-Ebenbildlichkeit des Menschen" oder die von Gott gesetzte Schöpfungsordnung neu, d.h. "in einer säkular verständlichen Sprache" zu interpretieren. Wie kann sie das Transzendente in der Immanenz aufzeigen? Wie kann Theologie im Verein mit der Philosophie das Verhältnis zwischen "gut" und "richtig" klären? Das pluralistische Milieu mit unterschiedlichen Weltanschauungen, Menschen- und Gottesbildern sollte nicht zu einer "ekklesiologischen Abschottung" führen: Christen sind kein "Heiliger Rest" (sondern dem Evangelium gemäß "Sauerteig). Auch darf nicht jede situative Schwierigkeit allein "an den Gewissensentscheid - den autonomen Entscheid der Betroffenen" delegiert und Ethik damit ganz privatisiert werden.

In der wichtigen Kontroverse zwischen oft unter Zeitdruck stehender praktisch-klinischer und der theoretisch-philosophischen Ethik sieht der Theologe M. Zimmermann-Acklin (Luzern) die besondere "Kompetenz der Theologie", mit ihrer doppelten Erfahrung aus der Seelsorge am Krankenbett und der theoretischen Bioethik - gerade in Kommissionen - vermitteln zu können. Dazu erhält der Leser am Beispiel des "Zürcher Modells", vorgestellt durch Ruth Baumann-Hölzle, praktische Anregungen zur ethischen Entscheidungsfindung in der oft krisenhaften neonatalen Intensivmedizin. Der Neugeborene "als von Gott geliebte Person" hat "Anspruch auf eine liebevolle Behandlung und Betreuung, die ihm entsprechen und die Grenzen menschlicher Handlungsmacht respektieren" (S. 315).

Der vorliegende Band ist offen für den pluralistischen Diskurs. Hans-Martin Sass betont die grundsätzliche Vereinbarkeit von religiöser und nicht-religiöser Ethik in konsensfähigen "mittleren Prinzipien ethischen Handelns" ("Abwägungsmodelle"), stellt sich dann allerdings kämpferisch in einer weit ausholenden Schilderung der Skandalgeschichte der Religionen gegen die Versuche, "gewisser Glaubensgemeinschaften" zur "Dominierung und Disziplinierung staatlicher und gesellschaftlicher Regeln". Dass sein Theologieverständnis in manchen Punkten unklar ist, kann man hinnehmen, bedenklich allerdings erscheint der Kurzschluss: weil es innerchristliche Glaubenskriege und Grausamkeiten gab, darf die katholische Kirche im Jahr 2002 nicht öffentlich gegen die Vernutzung menschlicher Embryonen sprechen! Sass übersieht (?), dass bereits I. Kant und das preußische Landrecht - alles andere als Vatikan-Hörige - das menschliche Lebensrecht von der Zeugung an als vernunftgemäß bestätigt haben, was unsere Verfassung übernommen hat. Der texanische Arzt und Philosoph Tristram Engelhardt Jr. hingegen misstraut der Vorherrschaft der Vernunft und hält aus orthodoxer Gläubigkeit heraus die Differenz zwischen einer inhaltsreichen Ethik unter "moral friends" und einer Minimalethik unter "moral strangers" für unüberwindbar. Der evangelische Theologe Martin Honnecker wendet sich gegen den genetischen Determinismus ebenso wie gegen einen Krankheitsbegriff, der mit Reparaturbedürftigkeit identifiziert wird, andererseits auch gegen missglückte Metaphern der Kritik an der medizinischen Reproduktionstechnik: sie wolle "Gott spielen", den "gläsernen Menschen" oder den "homunculus" erschaffen. Er will eine versachlichte Debatte. Beim "zentralen Streitpunkt", dem Status des Embryos, den er zu Recht mit der Abtreibungsregelung in Verbindung bringt, gerät er allerdings in argumentativen Notstand, wenn er unter Hinweis auf die seit über 120 Jahren kirchlich endgültig abgelehnte historische Theorie der Sukzessivbeseelung und antike Sichtweisen, mit dem Verweis auf die international bereits praktizierte Forschung oder mit dem "ontologischen" Vermerk, der Embryo sei keine aktuale, sondern "nur" potenzielle Person, einen gradualistischen, d.h. gestuften Lebensschutz bevorzugt. "Werdendes menschliches Leben" sei wohl die angemessene Beschreibung des Embryo. Dem gemäß sei PID (nur) "therapeutisch" indiziert, Grundlagenforschung (nur) vertretbar, "soweit es um die Nutzung zum Absterben verurteilter, 'überzähliger' Embryonen geht". Wenn Honnecker die katholischerseits eindeutige Ablehnung der Abtreibung "rigoros" nennt, darf man fragen, ob nicht in dem von ihm vorgeschlagenen Kompromiss bei PID und einer gesetzlich geregelten Embryonenforschung etwas durchaus "Rigoroseres" steckt, da ein Mensch in der ersten Da-Seins-Phase dabei jede Chance verliert, sein Leben zu entfalten und wir, - die wir glaubten, ihn erzeugen zu müssen, - die dem Christen angemessene "Option für die Schwachen", die Honnecker an anderer Stelle einfordert, versagen. Wenn man sich zu Gott als dem "Schöpfer, Erhalter und Vollender allen Lebens"(!) bekennt (S. 105), sind dann nicht andere Konsequenzen für bereits entstandenes Menschen-Leben zu ziehen?

Der Theologe und Sozialethiker Johannes Fischer, Zürich, unterstreicht, dass theologische Ethik keine normative, sondern primär eine erklärende ("hermeneutische") Disziplin sei, aufbauend auf den autochthon christlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe. Das Christentum sei keine Gesetzesreligion, sondern eine solche der Freiheit. Das Liebesethos stehe im Mittelpunkt, was den Autor nicht hindert, den "überzähligen Embryonen" und dem erzeugten ("therapeutischen") Menschenklon das Attribut "werdende Menschen" abzuerkennen und sie dem Schutz der Menschenwürde ganz zu entziehen (S. 166ff). Ist ein solcher "Entscheid" ethisch richtig - wenn doch wir es sind, die den Embryonen die weitere Entwicklungsmöglichkeit verweigern? Ist dies nicht eine Stellungnahme gegen die Liebe zum Leben, das "leben will"? Man wird bei der Lektüre erinnert an den Aufklärer Diderot, der 1749 in seinem "Brief über die Blinden für die, welche sehen", schrieb, dass wir eine Ameise ohne Bedenken zertreten, einem sichtbar großen Tier dagegen unseren Respekt zollen. Vielleicht fällt es Theoretikern bisweilen schwer, Rationalität gegen Einsicht auszutauschen, wenn es um das Unscheinbare, das Anfanghafte, dessen unaufdringliche Seinsmacht und sein entsprechendes Lebens-Recht geht?

Neue Perspektiven sollen bioethische Entscheidungen erhellen und "angemessener" gestalten: die anthropologischen Konstanten der "Abkünftigkeit, Empfänglichkeit, Gelassenheit und Abschiedlichkeit" (Jean-Pierre Wils) und eine "Perspektive der Endlichkeit" (Beat Sitter-Liver). Sicher darf die "therapeutische Versessenheit", d. h. in jedem Fall alles nur Mögliche an Medizintechnik einzusetzen, im Einzelfall hinterfragt werden, sicher sind Grenzen der Machbarkeit im Hinblick auf das Patientenwohl wahrzunehmen, und zwar nicht (nur) aus ökonomischem Interesse. Doch dies kann auch eine Verführung bedeuten: die missbräuchliche Berufung auf solche Prinzipien im Hinblick auf Euthanasie am Beginn und Ende des Lebens, wie die angeführten ethisch strittigen Beispiele (S. 219f) bereits nahe legen. Auf formale ethische und juristische Richtlinien zu Gunsten von "Perspektiven" in einer das Patientenleben unmittelbar betreffenden Entscheidung ganz zu verzichten, bedeutet, schließlich der Beliebigkeit preisgegeben zu sein. Deswegen bleibt jede solche Perspektive "der obersten Leitidee: der Würde des Menschen ... unablösbar verpflichtet" (S. 226). Auffallend allerdings ist, dass bei der Diskussion der "Problemfelder - Lebensanfang und Lebensende" eine "Perspektive des Anfanghaften" im Bezug auf die (zwei!) Grenzen des Lebens, nämlich Zeugung und Tod, nicht ausdrücklich zur Sprache kam. War diese Perspektive etwa nicht der Rede wert?

Einzig Dietmar Mieth (Tübingen), der das "Proprium christianum und das Menschenwürde-Argument in der Bioethik" in seinem theologisch fundierten Beitrag entfaltet, führt neben der "Gottebenbildlichkeit" und der geschöpflichen "Endlichkeit" das Motiv der "Verletzlichkeit" in den Diskurs ein, das bei nicht-zustimmungsfähigen Menschen, Foeten und Embryonen "vorrangig" und besonders behutsam zu berücksichtigen sei. "Die Aura der Verletzlichkeit, ein äußerer Schmelz des nicht zu berührenden Schmetterlings" umgibt sie, die uns gegenüber Ohnmächtigen! Mieth sieht bei seinen vorgestellten Denkmodellen - der Offenbarung als Selbsterschließung Gottes gegenüber der Vernunft; der Seinsteleologie als dem Vervollkommnungsstreben; des Gottesappells im "Antlitz des anderen"; der normativen Kraft gelebter Überzeugung und nicht zuletzt der Inkarnationstheologie, der Annahme der Menschennatur durch Christus als Impuls für die vernünftige Fassung des Ethischen - prinzipiell keine andere Möglichkeit als die ausnahmslose Anerkenntnis der Menschenwürde bei allen "menschlichen Lebewesen, die in Entwicklungskontinuität zu uns stehen "(S. 141).

Beim aktuellen Thema der Stammzellenforschung plädiert Beat Sitter-Liver für die ethisch unproblematische und mittlerweile vielversprechende Therapieentwicklung mit adulten Stammzellen (S. 224). Ausführlich befasst sich A. Holderegger mit der Problematik der Embryonenforschung. Der Rückgriff auf den ethischen Schlüsselbegriff der "Menschenwürde" habe den Vorteil, allgemein vermittelbar zu sein als der "dem Menschen a priori eignende 'Anspruchsstatus'". Aber wie groß ist der "Kreis der Menschenwürdigen", wie groß die Reichweite des Würdebegriffs? Der Autor hält "Grenzziehungen" für unzulässige "Selektionen" und den Vergleich mit der Abtreibungsregelung abwegig, da die bei der Schwangerschaft bestehende "symbiotische, biologische Einheit" von Mutter und Kind zwischen Embryo und Mediziner sicher nicht vorliegt. Auch ist der "Philosophie, die davon ausgeht, der Mensch durchlaufe ein vegetatives, sensitives und schließlich ein geistiges Stadium" durch das Wissen der Embryologie "der Boden entzogen". Die "umstrittene" Potenzialität des Embryos ist als "formgebend", also prinzipiell prägend aufzufassen, auch wenn sie durch äußere Stimuli mit- und ausgeformt werde: sie ist "in einem aktiv und formbar". Unter diesen Voraussetzungen "ist jeder abgestufte Schutz der Integrität eine äußere" willkürliche "Setzung, deren Kriterien immer mit einer bestimmten praktischen Absicht gesetzt werden". Zugleich ist der Mensch "mehr als die Summe seiner Gene", denn innerhalb seines biologischen Spielraums "antwortet" er auf Umwelt und entfaltet sich in diesem Kontext in seinem personalen Vermögen. Wenn wir "überzählige" Embryonen, die ohnehin "dem Tod geweiht" sind, forschend verbrauchen mit der Intention, anderen Menschen zu helfen ("Gattungssolidarität"!), kehren wir "das Verhältnis von Heilgebot und Schadensverbot um", das in der Medizinethik allgemein gilt: "nil nocere" ist dem "bene facere" vorrangig! Aus keinem Grund können wir den Embryo wie eine Sache behandeln, denn er gehört zur "kommunikativen Gattungsgemeinschaft" der Menschen, die davon lebt, dass jedem die gleiche Achtung entgegen gebracht wird. Nach Jürgen Habermas bleibt keine Alternative als die, den Embryo in der "Antizipation seiner Bestimmung wie eine zweite Person" zu behandeln.

Am Ende der "kühnen Mischung" weiterer lesenswerter Referate versucht der Moralphilosoph Walter Lesch (Löwen), der den "Streit der Fakultäten" hautnah kennt, eine Synthese. Die Unschuld wissenschaftlicher Forschung sei längst verloren gegangen, (Natur-)Wissenschaft stehe selbst unter Ideologieverdacht (S. 354/357). Ein eindimensionales Wissenschaftsverständnis wird der Vieldimensionalität bioethischer Probleme nicht gerecht und kann zur "Diktatur der Therapieziele" und zur "totalen medizinischen Kontrolle aller Lebenspläne" führen. Insofern darf auch ein "Reinheitsgebot" philosophischer Reflexion die Frage nach "angewandter Ethik" nicht abwiegeln. Philosophie und Theologie müssen vernehmbar mitreden. Lesch sieht den Ethiker nicht einseitig als "normativen Grenzwächter", sondern als Kundschafter, ob und wie bisherige Tabus vernünftigerweise und sinnstiftend transzendiert werden können. Der katholische Bischof von Angers Jean-Louis Bruguès definiert "Pluralismus" als "die Trauer über die nichtvorhandene Wahrheit", die auch demokratische Mehrheiten in Diskurs und Abstimmungsverfahren nicht herbeizwingen können. Von der Moderne oft zurückgewiesen, sei die Kirche indes für die pluralistische Gesellschaft zu deren "ältestem institutionellen Gedächtnis" geworden: hier ist der "Vorrang des persönlichen Gewissensentscheides gegenüber sozialen Erwägungen" und Zwängen sowie die Würde jedes Menschenlebens ohne Zeitgrenzen bewahrt. "Reduzieren die Ethiken des 'Konsenses' und damit auch die Bioethik die Ethik nicht auf eine einfache Problematik der Humanwissenschaften?" Vielleicht kann die Frage der Transzendenz als die große Herausforderung des Menschen über den "Umweg des Gedächtnisses" in der Bioethikdebatte doch gestellt werden!? Die Auferstehung der Metaphysik doch stattfinden?

Für den Kreis an theoretischer Ethik Interessierter gibt das Buch bemerkenswerte Denkanstösse und Verweise auf die Vielseitigkeit moralischen Empfindens. Zur Systematisierung von Ethik trägt es allenfalls indirekt bei, und das war wohl auch so beabsichtigt.

Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 64 4/2002

nach oben

Zurück zur Übersicht Rezensionen