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Johannes Huber, Geheimakte Leben - Wie die Biomedizin unser Leben und unsere Weltsicht verändert, Verlag Josef Knecht, Frankfurt a. Main 2000, 222 Seiten

Biomedizin - die neue kopernikanische Wende?

Die "Geheimakte Leben" werde derzeit immer intensiver "ausspioniert", "höheren Mächten das alleinige Bestimmungsrecht über unsere physische Existenz" entwunden, so Johannes Huber, promovierter Theologe und heute Professor für Endokrinologie und Reproduktionsmedizin in Wien. Die Biomedizin verändere unsere Weltsicht von Grund auf. Sie hole mittels Forschung und Internet "zum ganz großen Paukenschlag" gegen "Alter, Krankheit und Tod" aus, was selbst biologische Gipfelstürmer kurzatmig mache. Wie selbstbewusst sich diese neue - nach Kopernikus/Keppler/Galilei - Darwin - Freud - also vierte "kopernikanische Wende" darstellt, wird einleitend erläutert: "Wissenschaftler reklamieren mit Recht, dass man Menschen Eingriffe in das Erbgut nicht ersparen darf, wenn z.B. dadurch ihre Kinder von Erbleiden bewahrt werden können" (S.13). Die Zeitansage: "Säugetiere können nun - selbst nach Jahrzehnten - ihr eigenes ‚Ich' wieder abrufen, genauer: einen um Jahre oder Jahrzehnte versetzten Zwilling". Diejenigen, die jetzt noch heftig gegen das Klonen protestieren, könnten "in einer lebensbedrohenden Situation" davon profitieren! Solche Töne sind nicht neu. Wer heilen kann oder dies wenigstens eindrucksvoll verspricht, scheint Recht und vorrangige Rechte zu haben!

Wer in der Medizin zuhause ist, wird anlässlich der Begeisterungsausbrüche des Autors, seiner gewagten Schlüsse, manch unscharfer Definition (z.B. bei der Funktion der Gliazellen S. 92, Keimzellen S. 107, bei der ethisch relevanten Differenzierung der Herkunft von Stammzellen) und der durchgängigen Fortschrittslyrik nicht immer mitziehen: das "biologische Gold" für die "Wiedergeburt" (gemeint ist "Organtransplantation" i. w. S.) liegt da in den Stammzellen, die Chromosomen bilden den "heiligen Gral" des Zellkerns, das "Unsterblichkeitsenzym" Telomerase (S. 108ff) und andere "allmächtige Embryonalfaktoren" schwimmen im "magischen Ozean" des Zellleibs (Zytoplasma) usf! Resultat: Die Enthüllung dieser Mysterien verspricht "permanente" Jugend. "Der alte Mensch würde so mit Hilfe...jener Signalproteine, die schon einmal seine... Menschwerdung determinierten, wiedergeboren" (S. 111). Bei solchem Eifer bleibt die Sachlichkeit auf der Strecke. Wenn Ärzte auf dem Wege der Stammzelltherapie transplantieren, wiederholen sie nicht den Vorgang "Schwangerschaft" oder Geburt (vgl. S. 26: "zweite Schwangerschaft"!, "Embryonalisierung"!); sie benutzen die in diesen Zellen liegenden Potenziale und verstärken ihre Wirkung über mittlerweile bekannt gewordene Fermente, Hormone, Wachstumsfaktoren, wie sie in unserer Physiologie und Biochemie aus der Embryonalzeit - offenbar für die Zwecke des Ersatzes - verblieben sind. Die "Gesetze der Organbildung" während der Embryogenese sind insofern nicht "Quelle der Wiedergeburt" (Kapitel 3), auch wenn, wie in Kapitel 4 aufgezeigt, weltweit revolutionierende Ergebnisse auf dem Gebiet des Organersatzes und Heilungsmöglichkeiten erwartet werden: Die Medizin besorgt Ersatz und Hilfe. Nicht mehr, nicht weniger!

Vieles ist interessant, was der Autor über die Potenzialität des Anfangs, der Embryonalzeit vermittelt, aber das liest sich anderswo konkreter, stringenter und vermutlich ebenso 'bewegend' (Kapitel 3, 4 und 5). Es ist ein Anliegen des Autors, die Harmonisierung der originären Darwin'schen Lehre von der Evolution mit der Lamarck'schen Theorie der Adaption (Kap. 10) zu erreichen: das Genom ist nicht stabil, so wie es dem kundigen Laien vom Atom, seinen Elektronen und den Elementarteilchen längst geläufig ist. Das Atom ist teilbar, wandlungsfähig bis zur "Selbstaufgabe" in reine Energie. Analog ist kein Gen-Dogma mehr vertretbar; die Mutation ist kein "Zufall", und das "survival of the fittest" anachronistische Behauptung. Gene sind, - weil 'lebendig' - variabel, "springend" und rekombinierend, mutierend. Sie korrespondieren mit Faktoren im Zellleib (Cytoplasma), die ihrerseits die Umwelt kontaktieren, von ihr geprägt und zu Reaktionen "bewegt" werden: so im Phänomen der "springenden Gene", des "Genomic Imprinting", im Verhalten der "Reversen Transkriptase" usf. Alles Lebendige fließt, ist ein Stück weit 'frei'-gelassen, es agiert, aber nicht richtungslos und blind "zufällig". Der Neodarwinismus ist widerlegt.

Huber rekurriert auf die Tiefenpsychologie von Grofs und Tarnas und macht in Fortführung von C. G. Jung als "ersten Archetypen" "die leibliche Geburt" zum existenzprägenden Faktor, in dem Angst, Verlust, Todesnähe, Stress und schließlich Befreiung vorgebildet 'werden'. Von hier aus wagt er den Sprung zu Erkenntnistheorien über "Gott und die Welt", zur Relativitätstheorie und unserer beschränkten Vorstellungskraft (S. 135 ff). Erkenntnis der Welt: "Weltanschauung" wird aus der Wirkung des Geburtsereignisses, der lebensbedrohenden Abnabelung und der dadurch beförderten "Imprägnierung durch die Außenwelt" erklärt; auch "haben begrenzte physikalische Gesetze unseren Organismus beeinflusst", die Welt unserer "Kohlenwasserstoffmoleküle", die Zellreaktionen "und damit die Funktionen unseres Gehirns" imprägniert. Der Mensch: ein "Kohlenwasserstoffgeschöpf", das nur in seinen Kategorien der Chemie, Physik der Gravitation und Kausalität denken und begreifen kann (S 129-142). "Alles Verstehen ist durch den Geburtsvorgang programmiert" (S. 139). Alles hat sich uns damals als "Bild" eingeprägt, und wir haben die Bilder nur deswegen, weil dies alles existiert. Das "Geworfensein" aus dem "paradiesischen" "magischen Ozean" der Fruchtblase und des Uterus, die Prägungen durch den Geburtsvorgang als die Quelle unserer Erfahrungen schlechthin zu stilisieren, das Entscheidende im gesamten Werdegang des Menschen am Geburtsereignis festmachen zu wollen, ist die verständliche Perspektive des Gynäkologen - aber es bleibt eben nur die seine! Der Geburtsvorgang schaffe oder aktiviere (?) alle Archetypen, am Ende sogar die Gottesvorstellung. Sich von hier aus dem biblischen "Ebenbild Gottes" (bei Huber "Abbild") anzunähern, liegt nicht jedem, auch nicht dem, der für seine Geburt und sein Leben von Herzen dankbar ist oder durch einen erfolgreichen medizinischen Eingriff wertvolle Überlebenszeit geschenkt bekam. Aus der Sicht des Autors wird die Geburt zum "Schlüsselerlebnis", insofern sie "das Grundverständnis der religiösen Interpretation unserer Welt vermittelt" (S. 210). Solche Mystik liegt nicht jedem!

In solcher Fortschrittseuphorie tritt im Konflikt "Leben gegen Leben" (S 39ff) die ethische Argumentation für/gegen das therapeutische Klonen mittels embryonaler Stammzellen zurück. Huber rekurriert auf das allzu griffige Argument, dass Abtreibung bei Unzumutbarkeit aufgrund einer Indikation oder Beratung ja "straffrei" bliebe, er deswegen auch die "Unzumutbarkeit" des Wartens auf ein Organ nachvollziehen könne (S. 40). Wird straffrei praktiziertes Unrecht also zur bioethischen Motivation zu einem "Immer-Weiter-So"? Verstärkend zählt Huber auf den Publikationserfolg, den die Heilung eines Prominenten durch "embryonales Gewebe" erzielen und wie dies die Begehrlichkeiten wohl aller nach sich ziehen würde! Als ethisch "weniger brisant" sieht der Autor das Klonen über die Dolly-Methode (=Ersatz des Kerns einer Eizelle durch den Kern einer reifen Körperzelle des künftigen Empfängers). So schaffe man sich einen "Ableger" mit vorteilhafter genetischer und immunologischer Identität. Dieser sei zwar "personell verschieden" (S.44), aber "kein neues genetisches Material, kein neues Individuum", nicht auf "natürlichem Weg" zustande gekommen, sei irgendwie eben ein anderer Fall von "Mensch"! Kein Wort mehr über Ethik!

Ob man das christliche Mysterium der "Inkarnation" begrifflich so weitläufig und ungeschützt interpretieren kann, wie Huber vorgibt, bleibt theologischem Nachdenken überlassen. Wer Menschwerdung aber mit der Geburt als dem eigentlichen Ereignis im Menschenleben beginnen lässt und interessenbesetzt zu determinieren sucht, verschweigt die neunmonatige prägende Lebensreise zuvor und die - Gott sei gedankt! - zu allermeist viel längere Erfahrenszeit danach. Eine auf physiologischen und psychologischen Vorgängen aufbauende "Geburtsphilosophie" erweist sich als eingeschränkt. Der Geheimakte Leben, in der Vieles mit Vielem in unerforschten Dimensionen komplex zusammenhängt, wird sie sicher nicht gerecht. Es regt an, sich Inkarnation auch so vorzustellen: Gott bedient sich des Stoffes der Menschen, "der KH-Moleküle, der postnatalen Hypoxie...," um sich zu offenbaren (S 151). Aber warum setzt der theologisch vorgebildete Reproduktionsmediziner nicht schon beim Menschenkeim an, über das Geheimnis der Inkarnation auch i. S. des christlichen Credo nachzudenken? Warum enthält er sich der Antwort, ab wann die Heiligkeit des menschlichen Lebens beginnt - gerade aufgrund des Weihnachtsgeheimnisses? In der Tradition der katholischen Kirche wurde die Empfängnis Mariens zum Fest! Hier war die traditionelle Glaubensperspektive dem begeisterten Geburtshelfer spirituell ein Stück an Erkenntnis voraus: ohne embryologische Detailkenntnis, allein aus der lebensweltlichen Erfahrung und der Wertschätzung menschlichen Lebens: aus der Lebens-Achtung gläubiger Menschen!

Wer Gottes Existenz aus der Tatsache zu erweisen sucht, dass es den Gottesbegriff in unserer Gedankenwelt gibt und dieser gleichsam archetypisch "eingeprägt" ist, - weil der Mensch "Abbild" der ihn umgebenden Phänomene, Dinge, Naturgesetze, der "Wirklichkeit" ist - , wird kaum zum Glauben bewegen können. Anders vermutlich der, welcher über das vorgegeben Wandelbare, das in der "Schöpfung" Anzutreffende, die Anwesenheit seiner selbst und seiner Mitwelt zu staunen vermag: er ist zumindest auf dem "Philosophenweg". Ob er dann schon glauben kann, bleibt ein nicht-biologisches Geheimnis. Davon sollten wir uns "kein Bild machen", weder ein reduktionistisches, psychologisierendes noch magisches: denn "es ist in keines Herz gedrungen...."!

Das Buch regt an, detaillierte biomedizinische Kenntnisse einzuholen; dies aber eher anderswo - dem Inhalt fehlt es in weiten Strecken an Exaktheit und Konkretion. Nicht jeder Nachdenkliche kann den von Huber versuchten Weg von der Molekularbiologie zur Inkarnationstheologie auf seiner argumentativ schwankenden Brücke mitvollziehen. Von Geist ist denn auch kaum die Rede! So geraten die Hinweise auf die sittliche Potenz im Christentum und der Appell an die christliche Theologie zur Auseinandersetzung mit der Biomedizin auf den letzten Seiten des Buches wenig überzeugend - trotz des wohlwollenden Vorworts von S. E. Kardinal König.

Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 57, 1/2001

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