Literatur

Rezensionen

Kather Regine, Was ist Leben? Philosophische Positionen und Perspektiven, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2003, 264 S.

Reflexionen über das, was Leben ist

"Jede Zeit hat ihr erlösendes Wort." Die Terminologie des achtzehnten Jahrhunderts kulminiert in dem Begriff der Vernunft, die des neunzehnten Jahrhunderts im Begriff der Entwicklung, die gegenwärtige im Begriff des Lebens. Jede Zeit bezeichnet damit etwas Verschiedenes, Vernunft hebt das Zeitlose und Allgemeinverbindliche, Entwicklung das rastlos Werdende und Aufsteigende, Leben das dämonisch Spielende, unbewußt Schöpferische heraus. Und trotzdem wollen die Zeiten alle dasselbe fassen, wird ihnen der eigentliche Bedeutungsgehalt der Worte nur das Mittel, um nicht zu sagen der Vorwand, jene letzte Tiefe der Dinge sichtbar zu machen, ohne deren Bewußtsein alles menschliche Beginnen ohne Hintergrund und sinnlos bleibt (H. Plessner 1975). Wir schreiben das Jahrhundert der "Life Sciences". Was aber ist "Leben"? Diesem Thema wendet sich Regine Kather, Dozentin für Philosophie an der Universität Freiburg i. Br. und Associate Professor an der Universität Bukarest, zunächst in einer philosophiegeschichtlichen Analyse von der Antike bis zum Neodarwinismus der Neuzeit zu. Sie legt das Wissenschafts-Konzept "Mechanisierung biologischer Prozesse in der Neuzeit" offen, die dann zur Auflösung des cartesischen Dualismus von Körper und Geist im Materialismus (de La Mettrie) führt. In der "Geschichte der Evolution" verliert der Mensch seine Sonderstellung: seine Verwandtschaft mit den Tieren und Pflanzen lässt sich über die Gemeinsamkeit alles Lebendigen - in Stoffwechsel, Selbstreproduktion, angeborenen Verhaltensweisen, letztlich über die genetische Ausstattung und ihre Mutagenität - belegen. Nicht ein göttlicher Schöpfungswille gilt nunmehr als causa prima und gibt das Ziel der Schöpfung vor (wie etwa bei P. Teilhard de Chardin als zunehmende Vergeistigung und kosmische Einigung in Christus); vielmehr entsteht und vergeht im Zusammenspiel von Zufall und naturgesetzlicher Notwendigkeit, in trial and error, Art um Art, ohne Richtung und Ziel, ohne Sinnhaftigkeit und höhere Bedeutung. An die Stelle der ‚Kette der Lebewesen´ (s. Schöpfungsbericht) tritt die Metapher vom ‚Baum des Lebens´ (Ch. Darwin 1837, veröffentlicht 1859; propagiert von Ernst Haeckel 1866). Demnach entfalten sich die komplexen Lebensformen nicht nur vertikal - dies auch (!), - sondern Leben "verzweigt sich vielfältig und horizontal". Zwar drückt sich auch noch in diesem evolutionären Lebensmodell eine Hierarchie aus, es gibt ein Unten und Oben: die einfacheren Formen sind die Basen für komplexere Lebensformen, aber letzteren, den Baumästen und -zweigen wird kein ontologischer "Mehrwert" beigemessen (S. 83). (Heute weiß man, dass die genetische Information für das Neuauftreten einer Spezies allein nicht ausreicht. Auch wurden bereits historisch Zweifel am Baummodell angemeldet und anstelle dessen die Metapher ‚Busch´ bzw. ‚Koralle´ erwogen. Für die vermuteten 30 Millionen existierenden Arten, von denen derzeit knapp eine Million entdeckt sind, müsste man wohl einen ‚Supertree´ als Bild ausmalen).

Frau Kather hat Physik, Philosophie und Religionswissenschaften studiert, ist daher mit den unterschiedlichen wissenschaftlichen Zugängen, Methoden und deren Erkenntnisgewinn vertraut. Man wird dem Begriff ‚Leben´, so die Autorin, nicht gerecht, wenn man ihm ausschließlich die biologischen Elemente von Stoffwechsel, Selbstreproduktion und Mutagenität subsumiert und das evolutionär aufgetretene "Psychische", die Ästhetik und die zunehmende Bewusstheit übersieht. Vor allem der Mensch und sein Leben, von Natur aus auf Kultur angelegt (er schreibt und liest z.B. Bücher), gehen weder einseitig in einem materialistischen Monismus auf, der Verhaltensweisen, Erkenntnisstruktur und Werte allein aus der genetischen Information ableitet, auch nicht in der Deutungsweise der Soziobiologie unter deren Paradigma ‚Überlebensstrategie der Gene´ - noch ist der Mensch ‚nur reine Vernunft´, eine ‚res cogitans´ i. S. Descartes. Der Mensch ist Teil der Natur, die genuin menschliche Lebenssphäre aber ist die Kultur mit ihren Bedeutungszeichen und Symbolen, mit denen Menschen einer bestimmten Epoche die Natur, ihren Lebensraum, ihr Zusammenleben, aber auch sich selbst zu verstehen versuchen.

Wie denkt man sich die "Entstehung des Belebten aus dem Unbelebten" innerhalb der Evolutionstheorie? Grundsätzlich gilt: (natur-)wissenschaftliche Aussagen beruhen auf empirischen Daten, die nach methodisch streng geregelten Verfahren gewonnen werden. Die Sammlung solcher Daten erfolgt aufgrund einer gezielten und damit zugleich begrenzten (!) Fragestellung. Was man nicht in das System bisheriger Aussagen einordnen kann, gilt somit als "unrichtig". Dann aber sind "die Daten, die eine Hypothese bestätigen,... nie reine Fakten", wie gerne behauptet wird, denn sie werden "maßgeblich durch das Begriffssystem mitbestimmt, das die Beobachtung leitet" (S. 84)! Während der nur methodologische Reduktionismus keine Seinsaussagen macht, versucht der ontologische Reduktionismus, die Eigenschaften von Organismen durch kausale Wechselwirkung einfacher Teilsysteme zu erklären und letztlich die Entstehung des Lebens aus den Elementarteilchen einsichtig zu machen. Der Schlüssel zum Leben liegt dann in der Kybernetik, und Leben ist "nichts anderes als" ein physikalisch-chemischer Prozess, gekennzeichnet durch ‚Metabolismus´ und ‚Selbstproduktion` auf der Basis von ein paar Strängen aktiver DNS, was durch die Theorien der Emergenz (Mayr, 1984), der Hyperzyklen im Rahmen der "Selforganization" (M. Eigen) und der Systemtheorie verfeinert, ergänzt und erhärtet oder als Informations-Wachstum über den Gen-Code erklärt wird. Wie aber Relativitäts- und Quantentheorie bereits für die Physik zeigten, haben wissenschaftliche Theorien ihre jeweiligen Gültigkeitsgrenzen und lassen "Wirklichkeit nur partiell" verstehen. So ermöglicht z.B. die soziobiologische Sicht zwar Einsichten in menschliches Verhalten, sie übernimmt sich aber deutlich, wenn sie darüber hinaus auch Ethik, Liebe, Verantwortung, Religiosität allein in "Überlebensstrategie" aufgehen lässt. Gerade deshalb müssen Erfahrungen(!), die sich nicht in bisher "gültige Theorien" einordnen oder im Experiment wiederholen lassen, nicht "unrichtig" sein; vielmehr vermögen sie, den bisherigen Rahmen des Beobachteten zu sprengen und das Wissen zu erweitern.

Vor allem gibt es Grenzen der "Objektivierung": denn Lebewesen sind auch "Subjekte" der Evolution (S. 127). Bereits die Zelle als Lebenseinheit folgt nicht nur der Formel: Leben = Materie + Information - auch dies, wie schon die Antike wusste und dennoch gleichzeitig einen Wertbezug herstellte: Leben ist ein "Gut", und es ist im ästhetischen Sinn "schön"! Vielmehr versagt der moderne Funktionsbegriff von "Information" bei dem Versuch, ihn auf das Lebendige anzuwenden. Wie die Neurobiologie zeigt, ist Leben zugleich Kommunikation, und zwar sowohl ein Austausch mit eigenen inneren Zuständen, Stimmungen, Vorstellungen wie auch mit äußeren Objekten und anderen "Subjekten". Es kommt zu Ausdruck, Austausch und Erfahrung über qualifizierte Wahrnehmung. Die Zelle als Lebenseinheit ist nicht nur chemisches Milieu, sie schon nimmt qualifiziert wahr (was man in der Stammzellforschung derzeit intensiv auslotet), sie agiert und re-agiert auf Reize, und zwar in individueller Weise, weder automatisch noch monoton. Damit erschließt sie sich Umwelt. Leben ist ein Spiel mit Regeln und Spontaneitäten. Lebewesen sind Funktionsganzheiten, als solche sind sie zugleich "offene Systeme" mit Beziehungen zur Umwelt, und viel mehr als der "Kampf ums Dasein" bildet das Zusammenspiel verschiedener Lebensformen die Grundlage der Biodiversität. Dabei ist auch Kognition nicht als bloßer "Rückkoppelungsmechanismus" zu verstehen, um das Dasein zu erhalten, wie es die Systemtheorie (Maturana; Riedl) sieht, sondern als ein Verstehen von Bedeutungen, Symbolen und Sprache. Evolution ist die Zunahme an Komplexität und Integration, "eine zunehmende strukturelle physisch-psychische Differenzierung"!, aber "nicht einfach Vermehrung von Vielfalt, sondern reichere äußere Struktur bei größerer innerer Einheit".

Geht es den Lebewesen innerhalb der Evolution bis hin zum Menschen wirklich, wie behauptet, nur um Selbsterhaltung - und nicht auch um Sensitivität für Reize bis hin zum Gewinn von immer mehr Freiheit und immer deutlicherer Individualität? Um das Lernen in der "Einfühlung" (M. Scheler), auch über Artgrenzen hinweg? Um die Entfaltung von individuellen Möglichkeiten, um Welterschließung? Leben ist "selbstzentrierte Individualität", sagt Hans Jonas.

In einzelnen Fähigkeiten (Formen der Sensitivität, des Bewusstseins, des Intellekts) gibt es den Verbund zwischen Pflanze, Tier und Mensch, aber erst das Zusammenspiel von Selbstbewusstsein, sozialer und technischer Intelligenz, von Sprache und Zeitbewusstsein erklärt die spezifisch menschliche Form der Welterschließung und den Sprung in der Lebensweise zwischen hochentwickelten Tieren zum Menschen. Letztlich ist die entfaltete Möglichkeit, aus dem Wissen anderer zu lernen, Grundlage der Kultur als der Eigentümlichkeit des menschlichen Lebens (Kap. V). Dabei ist der Mensch als "personale Lebenseinheit naturgebunden und frei, gewachsen und gemacht, ursprünglich und künstlich zugleich" (H. Plessner), Bürger mehrerer Welten also. Seine Symbolik entfaltet er in Sprache und Mythos, in Kunst, Wissenschaft und Technik. Seine Konstitution ist "Weltoffenheit": in dauernder Auseinandersetzung mit der Mit- und Umwelt erweist sich seine Sonderstellung, er ist weit weniger durch die Selbsterhaltungstendenz charakterisiert als vielmehr durch sein Wagnis der Selbstüberschreitung, in der "Bewusstseinsprogression".

Es ist das Verdienst dieses Buches, naturwissenschaftliche Theorien und erkannte Plausibilitäten detailliert zu würdigen und zu vertiefen, aber auch deren jeweilige Erklärungsdefizite und "missing links" im Bezug auf einen umfassenden Lebensbegriff aufzuzeigen. Über die wissenschaftlichen Methoden, die unser derzeitiges Weltbild dominieren, werden bestimmte Züge der Natur verständlich, sie lassen zunehmend staunen, aber sie vermitteln kein vollständiges "Lebenswissen", das Selbstbewusstheit, Lernen, Zeitbewusstsein, kurz: den einfühlenden, selbstreflexiven und erkennenden Menschen mitumfasst. Zugunsten der 3. Person (Objektivität) wird die Perspektive der 1. Person (Subjektivität) mit ihrer Emotion, Erfahrung, qualifizierten Wahrnehmung und Reflexion geopfert. Doch beruht gerade die kulturelle Vielfalt auf der Fähigkeit, unterschiedliche Intentionen zu verfolgen, auf verschiedenen Wegen Erkenntnisse zu erreichen, sich in unterschiedlicher Sprachsymbolik zu "erklären". Wird wie in der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung die Welt der Subjektivität und ihres Ausdrucks ausgeblendet, ist "Wirklichkeit verkürzt" gedacht; "denn jedes Merkmal unserer Erfahrung und unseres Erlebens hat Anspruch auf Wirklichkeit" (E. Cassirer). Im Grunde ist das Vorgehen der Naturwissenschaft, wenn sie ausschließlich in Ding- und Kausalketten erklärt, eine Form subjektiver Vorentscheidung zu einer Verengung, und sie verliert damit, trotz aller Erfolge, einen Teil ihrer Allgemeingültigkeit und Relevanz. Der Religionswissenschaftler Hans Jonas kommt zu dem Schluss, dass die "reale Welt von anderer Art und verwickelter gebaut (ist) als die Naturwissenschaft erlaubt". Es geht um Seinswahrheit. Wird Empirie in einem umfassenden Sinn verstanden, dann gehören psychisches Erleben und religiöse Erfahrungen zum Menschenleben, sie sind "Chiffren der Transzendenz" (K. Jaspers). Aus dem "Sein der Gottheit ergibt sich die Bewertung des Lebens als etwas, das gut ist und sein soll". Das setzt ethische Implikationen in Ökologie, Bioethik und Humanmedizin (Kap. VII).

Die von R. Kather vorgelegte naturphilosophisch-anthropologische Studie der verschiedenen Sinnebenen von ‚Leben´ und ihre Bedeutung für den Menschen richtet in kompetenter Weise den Blick darauf, dass die Macht des Wissens im technischen Fortschritt die subjektiven Seiten des Lebens defizitär beschreibt, den Menschen verkennt, und deshalb interdisziplinärer Ergänzung bedarf. Selbst dann ist ‚Leben´ immer noch mehr als das, "was im Rahmen begrenzter Methoden und Begriffssysteme aussagbar ist".

Dr. Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 67, 3/2003

nach oben

Zurück zur Übersicht Rezensionen