Rezensionen
Regine Kather, Person – Die Begründung menschlicher Identität, WBG, Darmstadt 2006, 240 Seiten,
Euro 59,90
Person als Einheit von Leib und Geist.
„Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“, so die Präambel der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1949, „bildet die Anerkennung der allen Mitgliedern
der menschlichen Familie innewohnende(n) Würde“. Dieser Eigenwert des Menschen gehört zu
seiner Natur und umfasst die biologische Gattungszugehörigkeit ebenso wie die Einbindung in die
soziale Gemeinschaft. Würde wird nicht zugesprochen oder verliehen, ist nichts „worauf man sich erst
in einem mühsamen Prozess der Konsensfindung erneut einigen“ müsste. Oder doch? Ist die über
Jahrhunderte bestehende Grundannahme von der Wertschätzung personalen Lebens (7. Gebot vom
Sinai) in der Zeit biotechnischer Möglichkeiten nicht längst zerbrochen? Ja, war sie im allgemeinen
Denken überhaupt je ganz angenommen? Die Freiburger Philosophin Regine Kather geht dieser
Frage zunächst in einem historischen Rückblick von der Antike (Plotin, Augustinus, Boethius) über die
Scholastik bis zur frühen Neuzeit nach.
Für Thomas von Aquin war die Person als das „Durch-sich-selbst-eins-sein“ gekennzeichnet. In der
Kosmologie des Nikolaus von Kues ist die Idee der Individualität und der Beziehung der Seienden mit
einander im absoluten Sein zusammengefasst: Gott ist der gemeinsame Grund ihrer Existenz. Jeder
Mensch ist „einzigartig“ in seinem Wesen und seinerseits „wesentlich für das Ganze der Menschheit“.
Jeder hat seine besondere Bedeutung, so auch der schwerbehinderte Mensch. Dieser cusanische
Gedanke leitet die Wirkungsgeschichte der Individualitäts-Idee ein: bei Leibniz (Seele und Körper
zusammen sind die Person; die notwendige Beziehung zu anderen und ihre „Zeugenschaft“
verbürgen unsere Identität), Goethe („Jede Anlage muss entwickelt werden“), Henri Bergson (jeder
Mensch hat seine Zeit, seine Melodie des „inneren Lebens“) und Alfred N. Whitehead (Person ist
bipolare Entität, die im offenen Austausch mit der jeweiligen Umwelt steht).
Parallel zu dieser Sicht unternahm man in der Neuzeit den Versuch, alle körperlichen Prozesse (nur)
naturwissenschaftlich zu erklären. Bei Descartes wird der Mensch zur „denkenden Sache“, der Körper
zur bloßen res i. S. eines Uhrwerks. In der Folge führt John Locke die mentalistische Trennung der
Begriffe Mensch und Person ein, die in die gegenwärtige bioethische Debatte ausgreift. Die Identität
der Person beruht danach nicht mehr auf ihrem Wesen, sondern ausschließlich auf dem
Bewusstseinsakt. Peter Singers Utilitarismus schränkt den Personenstatus und damit den staatlich
gebotenen Lebensschutz noch weiter ein: auf geäußerte Lebensinteressen und Wünsche. Wie kein
anderer vor ihm hatte I. Kant die Person durch die sittlich-praktische Freiheit als Selbstzweck
bestimmt und sah in deren Autonomie die Würde des Menschen verbürgt. Doch selbst bei ihm ist der
Mensch noch „Bürger zweier Welten“, in Kants Philosophie bleibt die körperliche Konstitution für die
Bestimmung der Person weitgehend irrelevant: sie ist Gegenstand empiristischer Wissenschaft.
Wie aber begegnen Menschen einander? Genügen Selbstbezug, Autonomie, die Erfüllung von
Interessen oder die Maximierung des „Glücks der großen Zahl“ in der zwischenmenschlichen
Gemeinschaft? Martin Buber antwortet: „Der Mensch wird erst am Du zum Ich.“ Das Grundwort heißt
Ich-Du, und es ist ein anderes als das Grundwort Ich-Es oder Ich-Er/Sie. Denn nur das „Ich-Du“ kann
„mit dem ganzen Wesen“ gesprochen werden. Die Perspektive der dritten Person (Es, Er/Sie) kann
nur halbherzig oder kaltherzig ausfallen. Im Überschreiten zum Du eröffnet sich dem Menschen mit
der Teilhabe an Welt (ästhetischer Genuss, Selbst-sein und -verwirklichung) auch die Teilnahme
(Emotion, Verantwortung, Möglichkeit des Versagens, Hingabe, Liebe). Im Ich-Du-Wort transzendiert
die Person den Werktag des Ich: „Ich und Du, im Dasein getrennt, sind eins in der Transzendenz“
(Karl Jaspers).
„Die Stellung des Menschen im Kosmos“ wird von Max Scheler evolutionstheoretisch und bereits
verhaltensbiologisch beschrieben. Ihm gilt jedes Lebewesen als System. In seinem einmaligen „Fürsich-
und-Innesein“ sei es nie objektiv zu beschreiben. Der qualitative Quantensprung aus der
Lebenswelt vollzieht sich beim Menschen in der Begabung mit Geist. Der Mensch ist „weltoffen“, die
Person Einheit in der Vielfalt von Akten. Wenngleich Scheler Mensch- und Personbegriff nicht
identifiziert und zwischen keimhafter Anlage und der Aktualisierung des Geistes unterscheidet, lenkt
er den Blick auf die Verantwortung im Umgang mit allem Lebendigen: die instrumentelle, formalmechanische Naturbetrachtung (Biotechnik!) gefährdet den Menschen selbst. Verkennt er den
höhere Rang der Lebenswerte vor dem Nutzwert, macht er letztlich auch vor dem verbrauchenden
Zugriff auf Seinesgleichen nicht Halt und missachtet seine Würde.
Im systematischen Hauptteil des vorgelegten Buches versucht die Autorin eine Überwindung des
heute wirkmächtigen mentalistischen Konzepts, indem sie die Person in der Vielfalt ihrer
Ausdrucksformen, ihrer umfassenden Leiblichkeit und Zwischenmenschlichkeit vor Augen stellt.
Neben Zeit-, Raum- und Selbstbewusstsein, technischem Wissen, Rationalität gehören sämtliche
Facetten der Intelligenz - Gefühle, ethische Urteile, existenzielle Erfahrung, Orientierungswissen,
Welt-Anschauung - zur Deutung des Personbegriffs. Person ist die Einheit all dieses Erlebens und der
Vielheit von Akten, sprachlichen und nichtsprachlichen Mitteilungsformen.
Bei der derzeit vorherrschenden verobjektivierenden Wahrnehmung des Leibes in der verkürzten
Perspektive des „Es, des Körpers als physikalisch-chemische Stofflichkeit,“ entsteht
erkenntnistheoretisch eine zu kritisierende Asymmetrie. Denn der Leib ist nicht nur Gattungsmerkmal
oder gar genetisch/neurobiologisch determinierter Organismus, sondern Ausdruck und Medium der
Individualität in qualifizierter Welterschließung, in Freude und Leid, Schmerz und Wohlgefühl, Erfolg
und Versagen. Die Einheit physischer und geistiger Prozesse beginnt bereits pränatal und löst sich
erst im Sterbeprozess wieder auf: insofern ist der menschliche Leib wesentliches Element der
individuellen Biografie. Der Säugling lächelt, wenn er die Melodie wieder erkennt, die ihm seine Mutter
während der Schwangerschaft sang. Durch die Fähigkeit, schon pränatal Bewegungen zu erlernen,
die in dieser Form anderen verwehrt bleiben, wird der Leib zum Element individueller Biografie:
erkennt man den andern doch auch an der Art, wie er sich bewegt und „wie er sich gibt“! Unser Leben
ist von Anfang an ein evolutiver Prozess. So ist der Leib „erzähltes Leben“. Umgekehrt ist
Bewusstsein „verkörpert“: der Leib ´weiß` ganz existenziell, sich vor dem Sturz auf einen spitzen Stein
zu schützen. Der persönliche Leib kann durch das Ich in ihm gestaltet werden, sagt Edith Stein.
Erst in der Kommunikation kommt der Mensch zum Selbst. Seine Identität findet er nicht allein im sich
reflektierenden Ich (Solipsismus), auch nicht in einem rein funktional bestimmten Verhältnis zu
anderen in der entfremdenden Perspektive der dritten Person, sondern im Grund-Wort Ich-Du. „Mit
dem Du-Sagen begreife ich, dass der andere kein Ding ist, sondern ´wie ich`“ (F. Rosenzweig). Der
andere ist die Antwort auf die Frage nach mir selbst. Damit ist die Möglichkeit glaubwürdiger
Zeugenschaft wie auch meine Verantwortung für denjenigen aufgezeigt, der noch nicht, nicht mehr
oder nie selbständig leben kann.
Aufgrund der Globalisierung biotechnischer Verfahren geht die Autorin im letzten Kapitel auf
religionsphilosophische Aspekte der Personbestimmung in anderen Kulturen ein. In den
monotheistischen Religionen ruft Gott den „Menschen beim Namen“. Im Buddhismus ist alles
Lebendige „heilig“. Zu Recht wird darauf verwiesen, dass gerade in der christlichen Tradition der
Personbegriff über die Grenze der Menschheit hinausreicht: Engel und die Dreifaltigkeit Gottes
werden personal gedeutet. Mit überzeugenden Argumenten erinnert die Autorin zugleich an den
Schöpfungsauftrag und plädiert entgegen dem Trend der Zeit für eine Erweiterung des
Lebensschutzes aus Verantwortung für alle fühlenden Mitgeschöpfe, mehr als dies in der Geschichte
und der von Technik dominierten Gegenwart realisiert wurde.
Ein umfassendes Literaturverzeichnis erhöht den Wert dieser hochaktuellen philosophischen Analyse.
Dr. Maria Overdick-Gulden
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