Literatur

Rezensionen

Hubert Knoblauch, Arnold Zingerle (Hsg.), Thanatosoziologie. Tod, Hospiz und die Institutionalisierung des Sterbens, Berlin2005, 220 Seiten, 54 Euro.

Was ist Thanatosoziologie?

Thanatos, „der Tod ist groß“. Rilkes Diktum wird durch die breite gesellschaftliche Debatte um Sterbehilfe und Autonomie bestätigt. Seit der Popularität der Autorin Kübler-Ross hat sich auch die Soziologie der „death-awereness“ angenommen und erörtert in phänomenologischen und systemtheoretischen Untersuchungen die ars moriendi heute. Dazu legt die Görresgesellschaft jetzt eine anspruchsvolle Sammlung von Vorträgen aus den Jahren 1999 bis 2002 zu „Tod, Hospiz und Institutionalisierung des Sterbens“ vor. Der Tabuisierung des Todes in der Leistungsgesellschaft sei geradezu eine „Geschwätzigkeit des Todes“ gefolgt. Kein Wunder, - in einem vergreisenden Europa wird mehr gestorben als geboren! Überdies sind aus den unterschiedlichen sozialen Funktionssystemen inzwischen neue Todes-Perspektiven entstanden: seine „Verwissenschaftlichung“ in der Hirntoddebatte, die „Politisierung, Ökonomisierung, Judifizierung, Medikalisierung, die Rationalisierung und Säkularisierung“. Die private Frage nach einem guten, weil persönlichen Sterben wandelt sich zum: „Wie sterbe ich richtig?“ Und wie reden wir über das Sterben? Will die Patientenverfügung ein „formulargesichertes Sterben“ erreichen und letzte Unsicherheiten autonom vertreiben? Oder gerät sie zum Ausdruck eines moralisierenden Zwangs, sich (gefälligst) um die Sozialverträglichkeit des eigenen Ablebens zu kümmern und niemandem zur Last zu fallen?

Biografisch mag der Soziologe die sog. „Unsterblichen“ ausmachen, das sind Menschen, die auch in Alter und Krankheit so leben als lebten sie ewig, daneben die Gruppe der „Todesexperten“ mit lässiger Aufgeklärtheit oder religiösem Fundament und weiter die „Todesforscher“, welchen die Vergänglichkeit (Kontingenz) Anlass zur Frage wird: Wer bin ich eigentlich? Inzwischen drängt die moderne Gesellschaft in Gesetzen, Administration, pflegerischer wie medizinischer Professionalisierung längst zu einer Vereinheitlichung des Sterbens. Wird nicht das Sterben schon „professionell gemacht“: „qualitätsorientiert“ („in Würde sterben!“), „medikalisiert“, am Ende auf europäischer Ebene einheitlich „bürokratisiert“? Und sind vielleicht auch Hospiz und Palliativmedizin gefährdet, der Ökonomisierung durch großflächige Organisationsgeflechte und Wohlfahrtskonzerne nachzugeben und zu „Entsorgungsstätten“ zu mutieren?

Dazu legt der Band interessante Alternativen vor: Gegenstrategien der kommunikativen Aufmerksamkeit und Interaktion, sorgende Krankenbegleitung und „Nähe“ im Erfahrungsaustausch, im „Loslassen“ und pflegerischer Kompetenz. Für die heute weitgehend privatisierte Religiosität liegen eine Menge Ratgeber in der Bücherecke bereit, die allerdings kaum mehr an die klassische Tradition der ars moriendi oder die christliche Erlösungs- und Auferstehungshoffnung anschließen. Sie stehen im Windschatten theologischer Auseinandersetzungen über Diesseits und Jenseits, bieten Mögliches anstatt Notwendiges/Bindendes an, tragen nicht selten Züge der Esoterik. Die säkulare Aufwertung des Sterbens werde mehr von der Mitteilung persönlicher Erfahrung und einem Ethos des guten mitmenschlichen Umgangs getragen: ein verständnisvoll-harmonisches Milieu schaffe Vergewisserung über gutes Leben und Sterben. Die wieder erwachte Todesbewusstheit in der Gesellschaft ist Ausdruck einer Zeit, in der, nicht zuletzt medizin-bedingt, sich dem „aktiven Alter Jahre der Abhängigkeit“ anschließen können. Darauf müssen alle antworten, auch Pfleger und Arzt, indem sie dem Patienten seine je persönliche Sterberolle lassen und sie begleitend aushalten.

Dr. Maria Overdick-Gulden

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