Rezensionen
Alexander Lohner, Der Tod im Existentialismus. Eine Analyse der fundamentaltheologischen, philosophischen und ethischen Implikationen. Schöningh-Verlag Paderborn 1997, 308 Seiten, 68.- DM
Der Tod als Vollendung
Das neue Buch von Alexander Lohner "Der Tod im Existentialismus" bezeichnet sich im Untertitel als eine "Analyse der fundamentaltheologischen, philosophischen und ethischen Implikationen". Obgleich das Werk also nicht in erster Linie die moralphilosophischen bzw. ethischen Aspekte der Todesthematik behandelt, ist die Lektüre des Buches für den an der Lebensrechtsfrage Interessierten doch von großem Gewinn. Alle Existentialisten waren sich nämlich über alle ideologischen Unterschiede hinweg - also unabhängig davon, ob sie der christlichen (Sören Kierkegaard, Max Scheler, Gabriel Marcel, Peter Wust), agnostizistischen (Martin Heidegger, Karl Jaspers) oder atheistischen Weltanschauung (Jean-Paul Sartre, Albert Camus) nahestanden - darin einig, daß dem Tod eine entscheidende Bedeutung für den Existenzwerdungsprozeß des Menschen zukommt. Insofern stellt Lohners Buch angesichts der heutigen Euthanasie-Diskussion auch einen positiven Beitrag dar, über den Sinn des Todes und des eigenen, bewußt erlebten und angenommenen Sterbens neu nachzudenken. Wie Lohner in seinem Einleitungskapitel "Wesen, Anliegen und Geschichte der Existenzphilosophie" (S. 13 - 22) demonstriert, ging es allen Existentialisten darum, den Einzelnen zu seiner Selbstwerdung aufzufordern, ihn aus der Uneigentlichkeit der Masse (des "Man", um es mit Heidegger zu sagen) herauszurufen zur Entscheidung der vollendeten Daseinsverwirklichung und Individualität. Von hierher gewinnt der Tod eine sinnbejahende Deutung. Nach Heidegger erringt der Mensch in der bewußten "Erfahrung des Vorlaufens zum Tode" seine letzte Persönlichkeitsvollendung. Der Tod birgt in sich die Möglichkeit, Vollendung des Daseinsganzen zu sein, insofern er als ein bewußter Abschluß übernommen und akzeptiert wird. Für Jaspers ist der Tod eine "Grenzsituation", an der der Mensch, indem er notwendigerweise an ihr "scheitert", seine Existenz vollziehen kann. Christliche Existentialisten, wie Kierkegaard, Wust oder Marcel, betonen die existenzstiftende Bedeutung des im Tode erprobten Vertrauens auf Gott, des bewußten Abschiednehmens von den geliebten Anderen und der Treue über den Tod hinaus.
Wenn heutige Euthanasiebefürworter aus falschem Mitleid fordern, man möge dem alten oder schwerkranken Menschen den Prozeß des Sterbens "abkürzen", trifft dieses auf den deutlichen Widerspruch aller Existentialisten, da dem Individuum so die Möglichkeit geraubt wird, seinem Leben einen letzten, vollendenden Sinn und Abschluß zu verleihen. Lohner erläutert die Todesreflexionen der Existenzphilosophen Max Scheler (S. 96 - 118), Martin Heidegger (S. 119 - 162), Jean-Paul Sartre (S. 163 - 196), Albert Camus (S. 197 - 208), Gabriel Marcel (S. 209 - 231), Karl Jaspers (S. 232 - 244), Peter Wust (S. 245 - 260) und Sören Kierkegaard (S. 261 - 267) ausführlich und - trotz der Komplexität ihrer Gedanken - verständlich und nachvollziehbar.
Dabei zeigt der Autor, daß die tiefen Reflexionen der Existentialisten auch als Gegenschlag zu der oberflächlichen und simplifizierenden Beschäftigung der sogenannten Lebensphilosophen mit der Todesthematik angesehen werden können. Aus diesem Grunde gewährt Lohner auch den Todesreflexionen der Lebensphilosophen Friedrich Nietzsche (S. 23 - 43), Ludwig Klages (S. 46 - 59), Oswald Spengler (S. 60 - 71), Rudolf Eucken (S. 72 - 81) und Georg Simmel (S. 81 - 93) breiten Raum und demonstriert deren Ungenügen. Die Natur ist für die Lebensphilosophen eine gigantische Kraft, Macht und Wirklichkeit, die alles Sein und Seiende durchflutet, immer neue Gestalten hervorgehen und wieder zugrundegehen läßt. Alle Kreaturen aber, inklusive des Menschen, seien nur "Mosaiksteine", temporäre Erscheinungen der Schöpferkraft des Kosmos. Auch komme dem Leben des Individuums allein die Bedeutung zu, die es im Gesamt der Natur einnimmt. Insofern sei auch der Tod des einzelnen Menschen relativ unwichtig, insofern "das Leben" weitergeht und neue Konfigurationen hervorbringt. Im Kontext dieser Ideologie fand der Gedanke der Euthanasie bei einigen Lebensphilosophen Zustimmung und Unterstützung, so vor allem bei Friedrich Nietzsche, der ohnehin eine "Umwertung aller (christlichen) Werte" anstrebte, wie Lohner ausführlich schildert. Nietzsche wollte die durch die jüdisch-christliche Moral gestörte eigentliche Naturordnung (mit ihrer Selektion und Ausmerzung alles Kranken und Schwachen) wiederherstellen (vgl. S. 30 - 43). Interessant ist - und Lohner weist ausdrücklich darauf hin -, daß einige Lebensphilosophen bereits Gedanken und Argumente entwickelt haben, die sich heute wieder bei den "neuen Bioethikern" (Peter Singer, Norbert Hoerster usw.) finden. So meinte bereits der Lebensphilosoph Oswald Spengler, ein Neugeborenes sei noch kein "eigentlicher Mensch" (vgl. S. 66 ff.).
Lohners Buch ist trotz seiner philosophischen Implikationen ein theologisches Werk - und es endet hoffnungsvoll. Der Autor zeigt nämlich auf, welche Argumente die christlichen Existenzphilosophen (Scheler, Marcel, Wust, Kierkegaard) bezüglich eines Lebens nach dem Tode entwickelt haben. Dabei enthüllt Lohner, daß sie hierbei Argumente und Denkmodelle vorweggenommen haben, die heute von maßgeblichen Theologen innerhalb der Eschatologie, also der Lehre von den letzten Dingen, aufgegriffen werden (vgl. v.a. S. 105 - 118, 217 - 231, 256 - 260, 268 - 296).
Stephanie Pfennig
Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 48 (4/1998)
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