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Ulrich Lüke, Das Säugetier von Gottes Gnaden – Evolution - Bewusstsein – Freiheit, Freiburg i.Br. 2006, 336 S.

Das Säugetier von Gottes Gnaden.

Das ist brandaktueller Stoff: ständig warten die Naturwissenschaften mit neuen Entdeckungen auf und Theologie soll antworten. Lassen sich experimentell erworbenes Sachwissen um Mikro- und Makrokosmos und der Glaube an einen Mensch gewordenen Gott verbinden? Handelt es sich um zwei exklusive Wahrheitswelten,- hier Evolutionstheorie, dort biblischer Schöpfungsbericht? Was hat das Säugetier Mensch mit Gottes Gnade zu tun? Faktisch betrachtet die Lehre vom Menschen (Anthropologie) die Unverwechselbarkeit des konkreten Menschen in zwei getrennten Dimensionen: geistesgeschichtlich als einzigartiges Subjekt - naturwissenschaftlich als beobachtbares Objekt. Doch nicht jeder Mensch muss Naturwissenschaft betreiben; aber er wird sich irgendwann philosophische Fragen stellen, etwa: Woher komme ich? Was bin ich? Gibt es Sinn in Bezug auf mein Leben?

Christliche Tradition sieht in der Schöpfung Gottes Spuren. Der Mensch gilt als „Abbild Gottes“ in der Weise guter Verwaltung der natürlichen Welt sowie im Mitschöpfertum bei der Weitergabe menschlichen Lebens. Muss dieser Glaube zum angeblich unüberbrückbar gravierenden Widerspruch zur Evolutionstheorie werden? Nein, sagt der Professor für Systematische Theologie Ulrich Lüke, der auch Biologie studiert hat, nein, wenn man die Genesisberichte der Bibel als theologische Grundaussage zur Schöpfung begreift und nicht als historischen Bericht missversteht. Auch kann der Theologe Technik akzeptieren, wenn er trotz achtenswerter Fortschritte kritisch bleibt und intellektuell auf Augenhöhe mit den Experten diskutiert. Eine solche Zusammenarbeit erwies sich traditionell als fruchtbar. Im 17. Jahrhundert untersuchte der Münsteraner Weihbischof Nils Stensen systematisch Fossilien, um Gottes Spuren in der Schöpfung nachzugehen und Carl von Linné leitete akribisch Gottes Planung aus dem Aufbau der Geschöpfe ab. Kreation und Evolution sind historisch keine Kampfbegriffe, selbst J. B. Lamarck, der den Gedanken von der Konstanz der Arten aufgab und einen den Lebewesen innewohnenden Vervollkommnungstrieb annahm, wurde kirchlich akzeptiert. Der Augustinermönch Gregor Mendel fand die Züchtungsregeln für den intraspezifischen Artwandel und leitete die Genetik ein! Lag es nicht in Gottes Wille, dass sich alles um uns und bei uns selbst vervollkommne? Ist denn in Kosmogenese und Erdgeschichte die Zunahme der Komplexität und die Optimierung der Lebewesen zu übersehen?

Anders geriet die Einschätzung bei den Grundannahmen von Charles Darwin im 19. Jahrhundert: die natürliche Überproduktion an Nachkommenschaft, die Variabilität der Typen unter den Nachkommen und die Selektion der Bestangepassten „durch natürliche Zuchtwahl“. Wenn Zufall und selektive Notwendigkeit über den Fortbestand auch der Menschheit entschieden, war dann noch ein Schöpfergott nötig? Ist dann nicht der „alte Bund zerbrochen“, wie der Nobelpreisträger Jacques Monod meinte? Oder bleibt ein „intelligent design“ denkbar, das jenseits der Evolutionsmechanismen wirkt? Wenn sich der Naturalismus aber zur allein zuständigen Weltanschauung aufbläht, Wissenschaft ihren Kompetenzbereich verlässt und zur unkorrigierbaren „alles erklärenden Ideologie“ verkommt in einem sturen Reduktionismus, den Konrad Lorenz als „Nichts-anderes-Alserei“ kritisiert, dann ist zu fragen, ob man denn definitiv wisse, was „Natur“ sei und ob es nicht Perspektiven darüber hinaus gebe.

Biologen sprechen wie selbstverständlich vom Bauplan der Organismen, ohne den präformierenden Planer anzunehmen. Zugegeben, diesen Schöpfer aus Plan und Geplantem abzuleiten, ist nicht zwingend, aber mindestens ebenso redlich, wie ihn abzulehnen. Die Grundfrage bleibt: warum ist überhaupt etwas – und nicht nichts? Woher kommt dieser Trend zur Vielfalt? Und ist der „Zufall“ wirklich ein Beleg für Plan- oder Ziellosigkeit? Mathematisch ist er immerhin das Ergebnis eines hochkomplexen determinierten Vorgangs. Könnte nicht gerade er der Modus göttlicher Zielführung sein? „Gott passt auf keine Stellenausschreibung“, diese Aussage, ursprünglich kess gemeint, trifft wohl den Nagel auf den Kopf – der „Unberechenbarkeit“ und „Übergröße Gottes“ wegen (Anselm v. Canterbury, Nikolaus v. Kues)! Gott lässt sich wissenschaftlich weder beweisen noch evolutionstheoretisch aus der Welt verweisen.

Für den Lebensrechtsgedanken sind die Kapitel 6 und 7 des Buchs von besonderem Interesse. Zuvor stellt der Autor die philosophische Anthropozentrik vor. Der Mensch, das denkende Tier, kann forschend nach-denken. Der Vogel fliegt, ohne über Aerodynamik zu spekulieren, bis schließlich der evolutionär späte Großhhirnbesitzer im Ikarusmythos den Gründen nachgeht und Leonardo da Vinci die Flugregeln analysiert. Heute fliegt der schwingenlose Mensch höher als der Vogel. Vielleicht lässt sich einmal aus der Kenntnis weiterer Evolutionsmechanismen auch die Wirkung des Elements „Zufall“ auf die Zielstrebigkeit der gesamten Evolution ermitteln. Eines ist sicher: jedes aus dem „Ur- Design“ Hervorgegangene hat eine intelligente Struktur und ist deswegen vom Menschen denk-, erkenn- und zu Zwecken brauchbar. Die erkennbare Struktur in der Entfaltung von der physikochemischen zur biologischen und kulturellen Evolution ermöglicht erst alle Wissenschaft. Ist es dann unter Niveau, an einen Designer zu glauben? Ist er es, der „eine Welt macht, die sich macht“?

Ist der Mensch „Krone der Schöpfung“? Dass er das noch nicht ist, zeigen Geschichte und Gegenwart. Konrad Lorenz meint: „Weit davon entfernt, im Menschen das unwiderruflich unübertreffliche Ebenbild Gottes zu sehen, behaupte ich bescheidener und, wie ich glaube, in größerer Ehrfurcht vor der Schöpfung und ihren unerschöpflichen Möglichkeiten: Das langgesuchte Zwischenglied zwischen dem Tier und dem wahrhaft humanen Menschen sind wir.“ Das mahnt an, dass der Mensch für seine Erkenntnismethoden und seine sittliche Norm eine unausweichliche Verantwortung trägt: Anthropozentrik ist also steter Läuterung bedürftig! Die immer wieder aufgeworfene Frage nach einem „anthropischen Prinzip“ im Kosmos, nach dem „die Evolution auf die Entstehung denkender und liebender Wesen“ hinziele, bringt uns in der Frage ´Gott oder Natur` nicht weiter. Wenn wir uns dadurch relativieren, dass es auch anderswo im Weltall denkende Wesen geben kann, was verlieren oder gewinnen wir damit? Ist es nicht so, dass der Mensch prinzipiell die Gänze des Entfaltungsplans nicht durchschaut, weil er dessen integraler Teil und sein rationales Denken begrenzt ist?

Wann wurde der beseelte Mensch irdische Wirklichkeit – wann war phylogenetisch, also in der Evolutionsgeschichte, der Rubikon der Hominisation überschritten? Als der Mensch an ein Weiterleben seiner Toten glaubte und als ein Selbst offen wurde für eine transzendente Größe, die er als göttlich verehrte und mit der er Zukunft verband! „Der Mensch – das betende Tier“ (Alister Hardy, Biologe) bestattete seine Toten mit Grabbeigaben als Zeichen der Hoffnung. Das mag zurückreichen bis zum homo habilis, der vor 2,5-1,2 Millionen Jahren lebte (S.142f). Ontologisch ist die individuelle Seele nach christlicher Tradition dem Menschen koexistent und lässt sich als „personale Gottesrelation“ umschreiben. Ab wann gilt der einzelne Mensch heute als beseelt? Im Kontext der Karyogamie! Im Begriff Seele drückt sich die Gottunmittelbarkeit eines jeden Menschen von seinem Anfang an aus. Das begründet seine Würde in Gleichheit (S.165). Persönliche Beseelung bedeutet zu aller erst das Gewolltsein des einzelnen Menschen durch Gott: der Mensch ist das, was er vor Gott ist. Und dies ist unauslotbar. Wie steht es um die ontologische Richtigkeit der Haeckel`schen Rekapitulationstheorie, die Lebenswissenschaftler und pharmazietechnisch interessierte Kreise heute wieder neu auflegen wollen? Sie ist längst durch genetisch embryologische und evolutionsbiologische Daten, also rein naturwissenschaftlich, widerlegt.

Zur Individualität in der Zwillingsfrage: die biologische Teilung des frühen Embryo, auch das Embryonensplitting und das Klonen bedeuten nicht die Auflösung der Individualität. Sie sind vielmehr die bereits fortgeschrittene Lebensäußerung der Urzelle, also ihre „Vermehrung“; denn das ursprünglich eine Individuum trägt in seiner Frühzeit – analog zur Zellteilung - „die Möglichkeit für eine Mehrzahl von Individuen in sich“. Biologisch wird die Individualität „durch die Neukombination der Gene in der Reifeteilung und die Konjugation der Gameten ab dem Zeitpunkt der Genexpression“ konstituiert (G. Rager; H. Hepp; B. Wuermeling). Die Zygote ist erstmalige Repräsentanz eines eigenen genetischen Programms im unwiederholbaren Dialog mit seiner Umwelt. Sie ist qualifiziert als „vermehrungsfähige Ganzheit“ (S.161).

Die Aushebelung ethischer Ansprüche in bezug auf das frühe Menschenleben stütze sich im Allgemeinen auf 4 Scheinargumente, so Lüke. Wie einst bei der Kernkraftdebatte werde panisch auf den uneinholbaren Vorsprung ausländischer Forschung verwiesen. Dann mache man auf die relativ großzügige Abtreibungsregelung und deren Widerspruch zum deutschen Embryonenschutzgesetz aufmerksam; dabei übersieht man das Opfer von jährlich 200.000 toten Kindern und das demografische Desaster! Die spätere Nutzung durch im Ausland gewonnene Ergebnisse sei zudem Heuchelei. Dem ist ethisch zu widersprechen: Wissen, gleich welcher Herkunft darf, ja manchmal muss es genutzt werden! Der verbotene Embryonenverbrauch sei ein sittlich unvertretbarer Rigorismus. Dem widerspricht der grundgesetzlich und ethisch strikt gebotene Lebensschutz: sonst verfallen wir in modernes Sklaventum! Besonders aufmerksam geht Lüke auf die undifferenzierten winkeladvokatischen Argumentationen des Rechtsphilosophen Reinhard Merkel ein, der in seinen Beispielen auf die „prima vista Anschauung“ eines gesunden Volksempfindens setze. Zudem konterkariere er die Sophistik seiner Beweisführung damit, dass „er dem zum Therapeutikum degradierten Embryo“ alles das zuschreibt, was er ihm bei der Frage nach seinem Menschsein abspricht.

Der lückenhafte Lebensschutz am Anfang verleitet zu einem solchen am Lebensende: die Unterjüngung der Gesellschaft rüttelt am Generationenvertrag. Die unsicher gewordene Bestimmung des Todeszeitpunkts begünstigt Formen des bewusst eingeleiteten „passiven, des assistierten bzw. medizinisch aktiv beförderten Frühablebens.“ Ressourcenknappheit tut das Ihre. Personale Emotionalisierung bei Pflegekräften, Ärzten, Angehörigen, ja auch beim Patienten selbst steht in Gefahr, eine gewissenhafte rationale Entscheidung einzuschränken bzw. zu verhindern. Patientenverfügungen werden verabsolutiert.

Ein weiteres Kapitel führt in die derzeit viel diskutierte Thematik der Neurobiologie und Neurotheologie ein, die richtiger Theoneurologie heißen müsste; denn deren Aussagen stützen sich einseitig auf neurologische Untersuchungsergebnisse. „Man glaubt gar nicht, was man alles glauben muss, um nicht zu glauben“ - um den Größen: Gott, Geist, Wahrheit und Freiheit, auszuweichen. Man kann zur Kenntnis nehmen, dass religiöser Praxis „evolutionäre Selektionsvorteile“ zugesprochen werden. Doch das geht nicht auf Kosten der menschlichen Freiheit, die nach wortführenden Neurobiologen (Singer, Roth) „nichts anderes als Illusion“ sei; Ich-Bewusstsein und Handeln seien in Neuronen- und Neurotransmitteraktivität begründet. EEG, CT u. a. Diagnosegeräte machen jedoch nur lokal aktivierte feuernde Neuronen sichtbar, nicht aber unsere Gedankenwelt! Lüke rät zu wissenschaftlichem „Weiterüben und einschlägigem Diskurs“ um der einen Wahrheit willen.

Denn der Christ glaubt aufgrund des Entgegenkommens Gottes in Schöpfung und Inkarnation an die grundsätzliche Erkennbarkeit der Welt, an den letzten Sinn der Weltgeschichte, an die eine Wahrheit, an Güte und Menschlichkeit und die Möglichkeit umfassenden Heils. Gott ist Mensch geworden, und so wird er „genau das, was heute im Genscanning und Ultraschall bestimmten Wünschbarkeitskriterien unterworfen und selektiert,... genau das, was heute – kaum gezeugt – zu Stammzellen zerlegt wird... Er wird bis zur Ununterscheidbarkeit das übel zugerichtete Opfer einer katastrophalen Lynchjustiz“. Zugleich ist er „der Anfang einer neuen Bewegung nach seinem Tod: Weg, Wahrheit, Leben“.

Keine leichte Kost ist diese Lektüre, da sind sich die Rezensenten durchweg einig. Aber sie ist in ihrem Tiefgang literarisch würzig zubereitet und spannend wie ein Krimi bis zum hoffnungsvollen Schluss: Gott transformiert „die heillose Zeit in zeitloses Heil“.

Dr. Maria Overdick-Gulden

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