Rezensionen
Christian Mürner / Adelheid Schmitz / Udo Sierck (Hg.), Schöne, heile Welt? Biomedizin und Normierung des Menschen, Verlag Libertäre Assoziation, Hamburg 2000, 187 Seiten
Über die Normierung des Menschen und des Lebens
Die Wege von der Zwangseugenik des Nationalsozialismus zur heutigen Konsumeugenik und den Visionen von Biowissenschaftlern im Zeitalter von "Genomics" zeichnet ein Sammelband über eine Vortragsreihe Biomedizin und Normalisierung in Hamburg sowie eine von der Fachhochschule Düsseldorf veranstaltete Tagung "Schöne, heile Welt? - Aktuelle Formen des Sozialrassismus" nach. Auf den Zusammenhang, der bereits zwischen nationalsozialistischem Massenmord und bürgerlicher "Normalität" bestand, weist Uwe Weß hin. Biopolitik, - nach dem Philosophen Michel Foucault eine besondere Form von Macht, - ist keine verfügende Obrigkeits-Instanz, vielmehr eine die Gesellschaft durchdringende Kräftevielfalt von "öffentlicher Meinung, wissenschaftlichen Projekten und Visionen". Beispiel: in einer Zeit, in der einerseits Erwachsene mit Down Syndrom als Künstler in Medien auftreten und akzeptiert sind, entschließen sich Schwangere andererseits bei positivem Test auf Trisomie 21 zu 97% zur Tötung ihres Kindes. "Normalität hat sich über Pränatale Selektion im Raum gesetzlicher Regelung etabliert." Weil die somatische Gentherapie bisher völlig ergebnislos ist und Forscher nicht warten wollen, "bis die Sonne erlischt" (James Watson), propagierten sie 1998 in Los Angeles die "Keimbahntherapie als wissenschaftliche Notwendigkeit": Der Mensch müsse "die Natur neu erfinden" (Daniel Cohen 1993). Schließlich werde "der globale Markt... die Gesetze des Handelns bestimmen", prophezeit Lee Silver: der "neue Mensch wird Ware", normiert und gestylt!
Linus S. Geisler nimmt kein Blatt vor den Mund: unter den Biowissenschaftlern finden sich "schamlose Schöpfer", die den Menschen "aus dem sezierenden... Blick des Züchters" betrachten, ihn als "Möglichkeitstier" für beliebige Experimente ge- und verbrauchen oder in biotechnischer Kunst anbieten. So versucht Lee Silver in seinem Buch "Remaking Eden" in einer suggestiven Neusprache (newspeak) das Klonen zu verharmlosen: "Wir machen nur Babys", schöne natürlich, veredeln sie "nur durch Eingriffe ins Erbgut" mittels "clever designs". Einschränkende Gesetze seien hier nutzlos, das biologisch "Gute" setze sich durch und wecke je neue Wünsche und Ansprüche an die Designer genomischer Erweiterung. "Man wird einfach die neue Version verlangen", sind sich Gregory Stock und Richard Seed sicher. Nicht nur in USA, auch in Deutschland wird Gentechnologie zum unabwendbaren globalen Schicksal hochstilisiert; ein angeblich unüberwindlicher Organmangel eröffnet die Jagd auf embryonale Stammzellen, und Heilungsversprechen versuchen, den gesetzlich verankerten Embryonenschutz auszuhöhlen. Wohin die "Lebenswissenschaften" im Zeitalter von molekularer Medizin ("Genomics") und Computerwissenschaft führen (können): Der Mensch gerät als Verschmelzung von Hardware und Software zur "Wetware" und in einen endlosen Zwang der Umgestaltung der Schöpfung zum "geklonten Paradies" (Lee Silver). Wenn DNS gleich Leben ist, das Schicksal in den Genen liegt, spricht sein Genom den Menschen schuldlos und erteilt den Menschen-Machern beim human engineering die Absolution - ihrer Evolution. Noch wird dies alles nur "gedacht, phantasiert... geschrieben" - aber wann wird solch massenhaftes Töten als weitere Konsequenz der Reproduktionsmedizin zum "Anspruch" legitimiert?
Weitere Themen: Wie sich durch die Transplantationsmedizin unser Körperbild zur "Organressource" verändert und "kannibalisches Begehren" (Jacques Attali) geweckt hat, weist Ingrid Schneider auf. Mit der Frage nach der "Verteilungs(un)gerechtigkeit" dieser Medizin legt sie die dabei den Ärzten abgeforderte - unhippokratische und ethisch "unmögliche" - Entscheidung über den Lebenswert (!) der jeweiligen Organempfänger offen: resultiert hier nicht die Abwägung von "Organbedürftigen" gegenüber "Organwürdigen"? Dass der postmoderne Fitnesswahn neue "Normalitäten" schafft und Ausgrenzungen zur Folge hat, gleichzeitig aber auch zu Frust führt und - wenn "Hochleistung" ausbleibt - kostspielige psychotherapeutische Interventionen nötig macht, beschreibt der Mitinitiator der Behinderten- und Krüppelbewegung Udo Sierck. Wird im politischen Kosten-Nutzenkalkül mehr Selbstbestimmung der Behinderten eine geringere soziale Absicherung bedeuten und damit die Solidaritätsverweigerung kaschieren, fragt Gerlef Gleiss. Die fremdnützige Forschung an behinderten und nicht zustimmungsfähigen Menschen, wie sie das Menschenrechtsübereinkommen zur Biomedizin bisher vorsieht, instrumentalisiert den Menschen und versagt dem Kranken und Gebrechlichen die gebotene Achtung seiner Würde (Beitrag Köpcke-Duttler). Kann man wirklich über alles reden, fragt schließlich Kathrin Braun; bedeutet "offene Diskussion" eine Rede "ohne moralische Grenze", auch wenn sie das menschliche Lebensrecht in einzelnen Lebensphasen oder bei Behinderung in Frage stellt? Gibt es ein Recht auf "Nicht-Reden" - wie es ein solches auf "Nicht-Wissen" gibt?
In der Schwangerenvorsorge sollte anstelle der defizitorientierten selektiven pränatalen Diagnostik ein unabhängiges psychosoziales Beratungsangebot überwiegen und zur Stärkung der Handlungskompetenz von Müttern beitragen, so Karin Griese zum Thema "Kind nach Maß". Wie wirken sich die Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung in der Neugeborenenmedizin aus, fragt Michael Bentfeld. Die bedrückenden Erfahrungen der medizinischen Lebensbeendigung in den Niederlanden zeichnet Chris Rutenfrans nach: "die Norm, welche medizinische Lebensbeendigung verbietet", sei "unter Berufung auf außergewöhnliche Fälle von Leiden" bedingt außer Kraft gesetzt worden und letztendlich ganz entfallen: das Dammbruch-Syndrom! Erika Feyerabend befürchtet, dass unter dem Begriff der Patientenverfügung "ärztliches Tötungsrecht" ins deutsche Rechtsleben zurückkehrt. Auch bei uns werde das Sterben bereits unter der Illusion von Selbstbestimmung zum leichten, schnellen, kostengünstigen und unauffälligen (=normalen) Abgang vorgeplant. Mahnender Hinweis, die wuchernden Entwürfe solcher "normalisierender Verfügungen" gründlich zu prüfen, ob sie die Zuwendung und Achtung vor dem individuellen Leben und Sterben des Menschen unterlaufen und irgendwann "erübrigen" könnten!
Maria Overdick-Gulden
Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 61 1/2002
nach oben
Zurück zur Übersicht Rezensionen
|