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Rezensionen

Annelore Napiwotzky, Johann-Christoph Student (Hrsg.), Was braucht der Mensch am Lebensende? Ethisches Handeln und medizinische Machbarkeit, Stuttgart 2007, 199 iS.

Ethik an den Grenzen des Lebens.

Was der Mensch am Ende des Lebens wesentlich braucht, das bringen der Psychotherapeut und Palliativmediziner Johann-Christoph Student und die Psychologin Annelore Napiwotzky in einem so eben erschienenen Sammelband von Kurzreferaten zur Sprache. Letztlich geht es nicht um das bestmögliche Angebot der Medizin, sondern um ethisches Handeln angesichts dessen, was dem Sterbenden im Krankenhaus, im Pflegeheim, im Hospiz oder zuhause gut tut. Wie lässt sich vermeiden, dass uns anvertraute Menschen zu Opfern unserer eigenen Gefühle - Ängste, Wut, eigener Überdruss, Mitleid oder Liebe – werden, die uns zu ethischen Fehlschlüssen verleiten? Kann eine Patientenverfügung verbindlich klären, ob aktueller Wille und Wünsche des Wachkomapatienten oder des Demenzkranken, die als schwer behinderte Personen und nicht als Sterbende zu gelten haben, mit jener Willensäußerung aus gesunden Tagen kongruent sind? Nein, sagen die Mitautoren des Bandes: Psychologen, Pflegeexperten, Ärzte, Theologen. Die rechtliche Wertung einer vorliegenden Patientenverfügung allein oder gar der „gemutmaßte Wille“ des Kranken darf nicht zur sozial normierten Regelung bei aussichtsloser Krankheit erhoben werden. Denn unter solch juristischem Deckmantel können sich strafbare Tötungshandlungen (Nahrungsentzug, Abschalten des Atemgeräts, Morphingaben in tödlicher Absicht) „neutralisationstechnisch“ zur moralischen Grauzone entwickeln (Beitrag Klie S. 31ff). Das Recht hat zwar den Einzelnen in seiner Würde und Selbstbestimmung zu schützen, keine Frage! Aber in erster Linie hat das Gesetz jeden davor zu bewahren, das Objekt anderer zu werden. „Das Leitbild der Selbstbestimmung“ ist das Leitbild der Starken! Verbundenheit, Zugehörigkeit und Solidarität sind jedoch mindestens gleich bedeutungsvoll für unser Mensch-Sein, zumal in den Lebensphasen von Ohnmacht, Abhängigkeit, Schwerbehinderung, Bewusstseinverlust und im Sterben. Unser Grundgesetz schützt beides: die Selbstbestimmung und das Leben.

Dessen bewusst, gehen Hospizbewegung und Palliativmedizin ihren eigenen Weg. Sie legen Sterbenden und Verzweifelten den Mantel der Fürsorge an, lindern Schmerzen, erfreuen mit Musik und Gespräch, haben offene Augen und Ohren für Bedürfnisse psycho-sozialer Art, nehmen teil an bedrängenden Sorgen und letzten Fragen. Sie binden den Todkranken in das Miteinander von Familie und Pflegeteam ein, lassen Gemeinschaft erfahren. Das bedeutet zugleich für Angehörige Entlastung und schließt deren Trauerbegleitung mit ein. Auch da heiße es: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ (Mk 10,51). Denn Trauer ist individuell, da gibt es kein rezeptartiges Bewältigungs-Schema. Die ethische Komplexität medizinischer Entscheidungen am Krankenbett bedarf in zunehmendem Maß ethischer Diskurse in klinischen Ethikkomitees sowie der Selbstreflexion (Supervision) der an ethischen Entscheidungen Beteiligten: Ärzte, Pflegekräfte, Angehörige, Psychologen und Seelsorger. Von der Bedeutung der zur Norm ausgeweiteten Pränataldiagnostik für die allgemeine Wahrnehmung einer Ethik der Menschenwürde spricht eine Beraterin. „Die Hauptsache gesund“ ist ein verständlicher, aber ebenso verfänglicher Wunsch. Deutschland als das „ultraschallreichste Land“ mit 60-80 % sog. Risikoschwangerschaften (!) führt Mütter in das Dilemma von Schuld und Verantwortung, Versäumnis und Rechtfertigung, Ökonomie und bedingungsloser Annahme des Lebens, so wie es ist. Die gesellschaftliche Reflexion darüber lässt (noch) auf sich warten.

Als differenzierender Beitrag zur Ethik im Umfeld von Behinderung, Krankheit, von Sterben und Tod ist dieser Band allgemein zu empfehlen, er ist - in mehrfacher Bedeutung - gut verständlich geschrieben und ein vielstimmiges Plädoyer für das Leben an seinen Grenzen.

Dr. Maria Overdick-Gulden

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