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Rezensionen

Peter Radtke, Der Sinn des Lebens ist gelebt zu werden. Warum unsere Gesellschaft behinderte Menschen braucht, Verlag Sankt Michaelsbund, 2007,152 Seiten, Euro 12,90

Nicht der Nutzen, sondern der Sinn des Lebens zählt.

Bevor er geboren wurde, hatte er sich schon drei Knochenbrüche zugezogen. Diagnose: Glasknochenkrankheit! Obwohl er bis heute über 500 Frakturen überstand, fragt sich Peter Radtke, ob er schwer behindert sei. 1943, während die Aktion T 4 der Nazis lief, wurde er geboren und blieb dank seiner Eltern und des behandelnden Klinikarztes am Leben. Zwar sind seine Kindheit und Jugend von Schmerzen und Tränen gezeichnet, dennoch erinnert sich der Autor an die ersten „Erfahrungen auf dem Kindersitz des Fahrrades seiner Mutter“ und eine „heitere Kindheit“. Schreibt Gott nicht öfter „auf krummen Zeilen gerade“ - und vielleicht auf „geraden Zeilen“ schief? Radtke traf zeitlebens auch unzufriedene „normal ausgestattete, bewegungsfähige Zeitgenossen! „Der Sinn des Lebens ist gelebt zu werden.“ So oder so!

Weit davon entfernt, sich als Vorbild rühmen zu lassen, ist Radtke überzeugt, dass behinderte Menschen nicht nur Nehmende, sondern Gebende sind in jener „Qualität, die spezifisch dem Behindertsein innewohnt“. Stellt nicht gerade der Schwerstbehinderte den Prototyp des Menschen dar - den Wesens-Kern ohne flache, falsche Attribute? Als homo sozius ist jeder einmalig fragendantwortender Teil der Gemeinschaft, keiner ist losgelöst vom Ganzen.

„Anpassung“ oder „Normverweigerung“? Das ist nicht die Alternative, an der sich Leben entscheidet! Radtke, u. a. promovierter Germanist, Träger mehrerer Kulturpreise, gerühmter Schauspieler, TVRedakteur, weist für sich den Titel eines „Nichtbehinderten honoris causa“ selbstbewusst zurück, weil er real angenommen werden will: intellektuell, emotional und in seiner Physis, so wie sie ist. Heftig widersetzt er sich den Modeplänen des Enhancing: die Einmaligkeit menschlicher Existenz einem fremdbestimmten Soll-Zustand anzupassen. Die selbst-verständliche soziale Inklusion geschwächtabhängiger Mitmenschen aller Lebensphasen sei der sicherste Schutz vor den Phantasien der Gesundheitsideologen. Nicht Unabhängigkeit, sondern Selbstbestimmung ist der entscheidende „Beweis, dass Geist über Materie obsiegt“: Freisein innerhalb der Gemeinschaft, das hellt eingeschränktes Dasein auf. Sinnloses Leben gibt es nicht, hält Radtke sowohl einer pränatalen Selektion als „aktiver Sterbehilfe“ vor der Geburt entgegen wie auch der Euthanasie am Lebensende, die sich derzeit als „würdevoller Abgang“ anbiedert! Dahinter verberge sich das Geschäft mit unserer Angst vor drohender Isolation, - die selbst gar kein abruptes Ende wünsche, viel mehr nach Gemeinschaft und Begleitung beim Abschied rufe.

Die Symptomatik „Behinderung“ ist für eine funktionierende Zivilisation unverzichtbar, verweist sie doch auf das einmalig Personale, das Unersetzbare und letztlich Undefinierbare (Seele, Ebenbildhaftigkeit Gottes) jedes Menschen von seiner Zeugung an. Wäre eine Welt ohne Krankheit, Einschränkung und Leid schon „das Paradies auf Erden“? Nein, sie wäre „Entropie“, „Wärmetod“, totale Gefühlserstarrung. Wenn behinderte Menschen von Herzen lachen, zeigen sie die Kostbarkeit des Augenblicks: Lachen ist unser aller „carpe diem“!

Dort allerdings, wo „Bewegung endet“ (der Autor erfuhr dies nach einem Unfall), beschränkt sich der Aktionsradius, und die Zeit für das Alltägliche dehnt sich. Alles scheint sich auf „gegenwärtigen Stillstand“ einzurichten. Aktivität dagegen entfaltet sich im „erfahren“ – begreifen – verstehen, deshalb gehört zum Fortschritt, zur Bildung die Mobilität, und ist das Reisen gerade für den körperbehinderten und den alternden Menschen zu ermöglichen. Zumal die gute Erinnerung für die schwere Zeit des auferlegten Stillstandes am Ende der Kräfte ein Refugium bietet! Reise-Erfahrung, auch Lektüre, künstlerische Betätigung, Sport sind „Lebensmittel“.

Jeder soll die „Verkörperung einer Idee vom Menschen sichtbar leben“, jeder in seinem „So-und-nichtanders- Sein“. In einem selbstbewussten „So und nicht anders Sein-Wollen“!

Hier hat Kompetenz geschrieben: ein „Fisch unter Fischen“, der zugleich gegen den mainstream schwimmt. Keine erstickte Individualität, keine vereinnahmungsbereite Person. Der Text ist authentisch! Man muss ihn lesen und ist bereichert!

Dr. Maria Overdick-Gulden

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