Rezensionen
Stefan Rehder, Grauzone Hirntod. Organspende verantworten., St. Ulrich Verlag Augsburg 2010, 190 S.
Hirntot?
Die wesentliche Frage bei der sog. postmortalen Organspende blieb bis heute unbeantwortet, stellt Stefan Rehder in seinem akribisch recherchierten und als Lektüre dringend empfohlenen Buch fest. Zwar hat der Hirntote, strenge Diagnostik vorausgesetzt, den "point of no return" überschritten und weitere Heilmaßnahmen sind erfolglos. Er kann bei respektvoller Pflege dennoch für kurze Zeit "überleben". Was darf der Arzt mit ihm tun: in sein Sterben eingreifen, ihn als bereits Toten betrachten und ihm Organe entnehmen? Obwohl er warm durchblutet mit Spontanreflexen agiert und bei ihm Stoffwechselvorgänge ablaufen, die als organismische Integrationsleistungen, somit als Lebenszeichen zu werten sind?
Die Grauzone um den "Hirntod" ist seit dessen Begriffsfestlegung in der Intensivmedizin im Jahr 1968 bis heute alles andere als biologisch oder anthropologisch erhellt. Im Gegenteil: sie ist eine Zone zunehmender Zweifel! 1967 hatte sich der Chirurg Barnard bei der weltweit ersten Herztransplantation über geltende ethische Standards hinweggesetzt, was ihm schwere juristische Vorwürfe einbrachte. Die nachfolgenden Transplanteure strebten juristische Sicherheit an; "Wissenschaft" identifizierte den Hirntod mit dem "Tod des Menschen", da der Organismus dann sein zentrales Integrationsorgan verloren habe. Seit diesem Anfang blieb der "Hirntod" trotz vieler Warnungen (Hans Jonas) mit den Interessen der chirurgischen Medizin kontaminiert. Der Hirntote ist trotz diverser eigens formulierter Ethiken nicht zur Leiche geworden. Würde umgekehrt denn die - ganz tote - Leiche mittels künstlicher Beatmung warm und lebendig?
Die Zahl der Organbedürftigen steigt infolge des demographischen Wandels an. Transplantate schenken Lebenszeit: Monate und immer öfter erfüllende Lebensjahre. Doch dem Bedarf entspricht die Spendenwilligkeit nicht. So überlagert die Debatte um die Organ-Gewinnung die offenen Fragen nach der Erlaubtheit der Explantation am Hirntoten. Nach der "erweiterten Zustimmungslösung" wird derzeit die Zulassung der "Widerspruchslösung" erwogen, was kaum Anderes heißt, als eine Art sozialer Verpflichtung zur Organabgabe ("Spende"?) vorauszusetzen. In USA und im nahen Ausland erlag man in den 1980-er Jahren der harten "Versuchung" zur Organbeschaffung, indem man nach dem Maastricht Protokoll dort die "Non-Heartbeating Donors" bis heute als Spender "wertet".
Wie schwer, ja unmöglich es ist, Tod und Leben zu "definieren" und die ungetrennte Einheit der Person philosophisch zu erfassen, reflektiert Rehder in einem zentralen Kapitel über die Seele anhand der historischen Theorien von Substanzdualismus und Hylemorphismus. Den Hirntod als den "Tod der Person" vom Tod des menschlichen Körpers (res extensa) zu trennen, wäre das die ethische Lösung? Aber ist und bleibt der Mensch nicht sein Leben lang Person mit Lebensrecht?! Könnte man etwa beim Hirntoten auf ein Nachwirken der bereits entschwundenen Seelenkraft spekulieren, wenn hirntote Schwangere ihre Kinder monatelang reifen lassen? "Spekulation" als Entscheidungsbasis?
Ist der Hirntod nicht viel mehr (irrtumsanfällige) Prognose als Diagnose? Die Frage richtet sich an die ärztliche Kunst in der hippokratischen Tradition und der Aufklärung: ihr "Objekt", der Patient, von gleichem Stand wie der Arzt, ist Selbstzweck, Subjekt, Mit-Mensch! Dem der Arzt nie "Henker werden" darf, damit Staat und Justiz nicht zerbrechen! Trotz aller "janusköpfigen Medizin" (M. de Ridder) der Moderne muss der Arzt Anwalt des Lebens bleiben, sich dem assistierten Selbstmord wie der Euthanasie verweigern. Solange die öffentliche Debatte allein um ein erhöhtes "Organaufkommen" kreist und Mediziner (Savulescu/Wilkinsen in Oxford) neuerdings auch neurologisch Schwergeschädigte, Teilhirntote, geistig Schwerstbehinderte in den Blick der "Spende" nehmen, verdunkelt sich "das Wesen des Arztes". Vielmehr hat man sich der Wahrheit hinter der bisher geltenden "Definition" zu stellen. Rehder schlägt ein Moratorium mit der Entwicklung verbesserter Diagnostik vor, während dessen Organentnahme nur bei unzweifelhaft Toten gestattet ist. Irren ist menschlich - wahres Suchen menschlicher! Zumal in der ärztlichen Kunst!
Dr. Maria Overdick-Gulden
Veröffentlicht in: LebensForum Nr. 96 - 4/2010
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