Literatur

Rezensionen

Ingolf Schmid-Tannwald (Herausgeber), Gestern lebensunwert - heute unzumutbar. Wiederholt sich die Geschichte doch? Zuckschwerdt Verlag, 1997, 200 Seiten, Paperback, 15,20 Eur.

Rezension in "Der Frauenarzt"

Die derzeit hochaktuelle Auseinandersetzung mit dem Schwangerschaftsabbruch, einerseits induziert durch die Neufassung der §§ 218 und 219 sowie die problematische Diskussion in der Pränatalmedizin, die z.B. zur Erstellung des so genannten Schwarzenberger Manifests geführt hat, wird in diesem Buch aus anderer Sicht aufgegriffen. Das Buch ist entstanden aus der Tagung der Vereinigung "Ärzte für das Leben" im Sommer 1997 im Kloster Banz, welche sich mit der Frage der Selektion von Leben während der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzte. Dabei wird das Bewußtsein geschärft für Feinheiten semantischer Unterschiede, aber auch unscharfer Abgrenzung des damals und heute verwendeten Vokabulariums.

Die Selektion ungeborener Kranker, die Frage der Zumutbarkeit eines Lebens mit Krankheit und Behinderung für Eltern und Kinder und die Versuche ihrer regulatorischen Umsetzung werden kritisch erörtert und als Warnung an diejenigen weitergegeben, die meinen, daß die jüngste Zeitgeschichte dialektisch überwunden sei. Mit dieser Problematik haben sich 11 Autoren aus den verschiedensten Fachbereichen (Humangenetik, Psychiatrie, Politik, Pränataldiagnostik, Frauenheilkunde etc.) auseinandergesetzt. Auf der einen Seite werden die geschichtlichen und politischen Grundlagen beleuchtet, die zur Rechtfertigung der Vernichtung vermeintlich lebensunwerten Lebens gedient haben. Im weiteren Verlauf wird dargestellt, in welcher Weise der grundgesetzlich garantierte Lebensschutz durch Ausführungsbestimmungen progressiv denaturiert wurde. Schließlich wird der Bogen geschlagen zur aktuellen Diskussion über eine aktive Sterbehilfe, im Grenzgebiet zwischen dem Versuch der Hilfeleistung für verzweifelte Menschen und bewußter Tötung von Leben durch Ärzte.

In Deutschland werden zur Zeit etwa 200.000 bis 330.000 Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr durchgeführt, die ihre Begründung in der Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen und seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren, die nicht auf andere Weise abgewendet werden kann, finden. Waren es in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vor allem scheinbar wissenschaftlich begründete sozialdarwinistische und rassenhygienische Erwägungen, welche zu Zwangssterilisierung, Schwangerschaftsabbruch und Tötung menschlichen Lebens führten, ist es heute die zunehmende Bewertung des Individuums zu Lasten allgemein anerkannter ethischer Bewertungskriterien, welche im Zentrum der Diskussion steht. Dabei ist es wert zu bemerken, daß Chancen und Möglichkeiten bereits entstandenen Lebens, in Gesundheit und Krankheit, dem Kriterium der extrem weit verstandenen Unzumutbarkeit, zumindest kritikarm untergeordnet werden.

Auch die schwierige Situation der Ärzte mit der neuen Rechtslage wird diskutiert. Beim Schwangerschaftsabbruch sind die Ärzte die unmittelbaren Vollzieher der mittelbar vom Staat geduldeten vorgeburtlichen Kindstötung, aus welcher Indikation auch immer. Noch schwieriger wird die Situation bei der aktiven Euthanasie, deren Befürworter den betroffenen Patienten einen sanften "Suizid" im Vergleich zu dem langsamen, ggf. qualvollen Sterben, in Aussicht stellen. Gefordert wird hierbei, die Palliativtherapie mit Verbesserung der Lebensqualität zu verbessern und so eine dem Menschen würdige Begleitung seines letzten Lebensabschnittes zu ermöglichen. Das vorliegende Buch ist eine reichhaltige Quelle von Gedanken, welche dazu anregen, sich mit den ärztlichem Handeln zugrundeliegenden Wertvorstellungen erneut auseinanderzusetzen. Auch wenn die Parallelität zur jüngsten Europäischen Geschichte nicht in jeder Hinsicht überzeugend hergeleitet werden kann, was im übrigen von den Autoren auch gar nicht intendiert zu sein scheint, bereichert das Büchlein in sehr informativer Weise die heutige Diskussion um Schwangerschaftsabbruch und Sterbehilfe. Es gibt allen, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen müssen, wertvolle Denkanstöße.

C. Kienholz-Ohly / A.T.Teichmarin 9/98


Rezension in "Der Gynäkologe"

Gestern „lebensunwert heute „unzumutbar Wiederholt sich die Geschichte doch?

Unter diesem provokativen Titel findet sich ein leidenschaftliches Plädoyer für das Leben. Das Buch basiert auf einer Veranstaltung der Hanns-Seidel-Stiftung und der Vereinigung Ärzte für das Leben im Sommer 1997 in Kloster Banz. Die Autoren zeigen die Entwicklung der Einstellung zum menschlichen Leben von den Massentötungen im Dritten Reich bis zum „Kind-als Schaden-Beschluß des Bundesverfassungsgerichtes vom 12.11.1997 und endet mit einem Auszug aus dem Schreiben von Johannes Paul II. an die katholischen Bischöfe Deutschlands vom 11.Januar 1998. An konkreten Beispielen mit Fakten und Zahlen wird aufgezeigt, wie im Nationalsozialismus die Einstellung der Menschen zur Qualität menschlichen Lebens beeinflußt wurde. Wenn man das Buch liest, beginnt man ganz allmählich zu verstehen, wie es zu den Massentötungen des Dritten Reiches kommen konnte.

Der Beginn liegt in der Bewertung und Einteilung des Lebens in wünschenswertes und weniger wünschenswertes Leben. Zuerst war es der „Gnadentod für unheilbar Kranke, dann waren es die geistig Behinderten und die psychisch Kranken, dann die eugenisch Anderen, und schließlich Gesunde, deren Tötung straffrei wurde. Der Tötung aus medizinischen Gründen und für medizinische Versuche folgte die Massentötung politischer Gegner und unerwünschter Gruppen. Das Volk wurde langsam und zielgerichtet an die Selektion wünschenswerten und weniger wünschenswerten Lebens gewöhnt. An der Geschichte anknüpfend unternehmen die Autoren den Schritt in die Gegenwart am Beispiel des Schwangerschaftsabbruches. Wieder ist es möglich, straffrei gesundes Leben zu töten. Nach einer Schätzung der Bundesärztekammer werden pro Jahr zwischen 200.000 und 330.000 Kinder vorgeburtlich getötet in 20 Jahren sind dies 4 bis 6 Millionen getöteter Ungeborener. Es genügt dem „modernen Menschen nicht mehr, die Zahl der Kinder und den Zeitpunkt der Zeugung durch Empfängnisverhütung zu steuern (quantitative Familienplanung), man will auch den Nachwuchs in seinen Inhalten bestimmen (qualitative Familienplanung) und sich das Recht nehmen, fehlende Verantwortung bei der Empfängnisverhütung im Nachhinein durch straffreie Tötung des gezeugten Kindes im Mutterleib zu korrigieren.

Das Buch ist keine Stellungnahme gegen die vorgeburtliche Diagnostik. Die Autoren weisen vielmehr darauf hin, daß die Pränatalmedizin dazu beitragen kann, das Ungeborene in seinen Chancen auf Leben zu unterstützen. Machte sich das Leben der ersten Wochen früher nur durch die indirekten Zeichen der Schwangerschaft bemerkbar, so kann man heute sein Kind schon in den ersten vorgeburtlichen Lebenswochen sehen - moderne bildgebende Verfahren wie die Sonographie machen es möglich. Das Wunder des Lebens ist heute im wahrsten Sinn des Wortes unübersehbar. Es ist nicht nur eine Frage des Glaubens, ob die Tötung vorgeburtlichen Lebens zulässig ist. Es ist eine Frage der eigenen Wertigkeit. Ist Menschsein denn wirklich nur eine Sache und damit nach aktueller Auslegung des Bundesverfassungsgerichtes möglicherweise ein Schaden? Dürfen wir es alleine den Kirchen überlassen, den Schutz des Lebens einzufordern?! Ich denke: nein!

Es darf nicht wieder dazu kommen, daß Menschen sich das Recht herausnehmen, über das Leben anderer Menschen zu entscheiden. Die Autoren des hier besprochenen Buches fordern uns alle auf, uns aktiv für die Würde und die Besonderheit des menschlichen Lebens einzusetzen - diesem Appell sollten wir folgen. Das hier besprochene Buch ist mir durch Zufall in die Hände gekommen und hat mich auf einer langen Bahnfahrt begleitet. Ich bin froh, es gelesen zu haben.

Mein Resümee: ein hochinteressantes, klares und sachliches Buch, an dem man nicht vorbei kann.

U. Gresser (Heidelberg) Der Gynäkologe 9-98


Rezension in "Das Goetheanum" 43/1998

Eine Dokumentation zum Thema Gefährdeter Schutz des Lebens

Im Sommer 1997 fand im Kloster Banz (Bayern) ein Kooperationsseminar der "Ärzte für das Leben" und der Hanns-Seidel-Stiftung zu dem oben genannten Thema statt. Nun liegt glücklicherweise der Tagungsband vor. Der Schwangerschaftsabbruch ist, biologisch-phänomenologisch betrachtet, die Tötung eines ungeborenen Menschen. Es handelt sich bei dem noch Ungeborenen um einen sich entwickelnden Menschen als Menschen (und nicht erst zum Menschen!). Einige Zahlen sind erschreckend: Pro Jahr werden 200 000-330 000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt; in den letzten 20-30 Jahren haben wir damit die gleiche Größenordnung erreicht wie in der Nazizeit. Ein auf Schwangerschaftsabbrüche spezialisierter Arzt dürfte heute die Zahl der Tötungen erreicht haben, die damals bei der T4-Aktion* erzielt wurde. Angesichts der Dimension des heutigen Tötens erweist sich daher die fehlende Vergleichbarkeit von damals und heute als ein verhängnisvolles Verknüpfungstabu gerade die vermeintliche Gewißheit, ohnehin auf der guten Seite zu stehen, kann leicht blind machen für die eigene Verfügbarkeit.

Die Utopie beziehungsweise Sehnsucht nach einem besseren, neuen, glücklicheren und leidfreien Menschen hat damals wie heute einen hohen Preis: sie kostet Menschenleben; sie beseitigt das angebliche Leiden durch Eliminierung des vermeintlich Leidenden selbst. Die Aufgabe des Arztes, Hilfe in Situationen der Krankheit und des Leidens zu leisten, und seine Garantenfunktion gegenüber Leben werden unterhöhlt und gefährlich pervertiert: wenn er bei Konflikten (Mutter-Embryo) die Unzumutbarkeit feststellen soll und eine Konfliktseite (den Embryo) tötet; wenn er dem Kranken so begegnet, daß er, statt ihm die gebotene Hilfe anzubieten, den Hilfesuchenden eliminiert (Euthanasie).

Damals in der Nazizeit war die Vernichtung "lebensunwerten" Lebens rechtlich gesehen illegal, deshalb "geheimgehalten": heute ist die Vernichtung "unzumutbaren" Lebens beim Schwangerschaftsabbruch per Gesetz legalisiert, auch wenn er nicht von der Verfassung gedeckt ist: Tendenzen, andere "unzumutbare" Lebenszustände töten zu können (Wachkoma. Gehirntod, Tötung auf Verlangen), sind nicht zu übersehen. In der unlösbaren Konfliktsituation der Organentnahme wurde der sogenannte "Hirntote" für tot erklärt: Damit ist nicht mehr der einzelne Arzt verantwortlich, sondern das System, "der Apparat). Der Vorgang ist gleichsam anonymisiert. Die heute real existierende Angst vor straf- und zivilrechtlichen Konsequenzen führt oft dazu, daß der Arzt den Weg des geringsten Widerstandes geht, weg von der individuellen Verantwortung für sein Tun zum Wohle des Erkrankten (Fürsorgepflicht). Begriffe wie der aktuelle Stand der medizinischen Wissenschaften sind Tore eines solchen Apparates: methodisch fragwürdig, da nicht objektiv, sondern vom Denkstil abhängig; hinter der Anonymität kann sich der einzelne verstecken; sie sind Ausdruck unserer Zeit. die durch ein rein rationales und militaristisches Denken geprägt ist. Der Staat steckt den Rahmen ab, der einzelne entscheidet, der Arzt vollstreckt, der Staat zahlt die Tötung als "Sachleistung". So im Falle des Schwangerschaftsabbruches. Die Bundesärztekammer erläßt umstrittene Richtlinien, der Staat legt per Gesetz den Hirntod indirekt als den Tod des Menschen fest und gibt der Bundesärztekammer das Monopol, den Stand der medizinischen Wissenschaften festzustellen (einmaliges Vorgehen!). Es handelt sich um Zirkelschlüsse, um in sich geschlossene Konstruktionen und das Beharrungsvermögen eines militaristischen Denkstils zu erhalten.

Solche und andere sich selbst tragende Zirkelschlüsse werden verharmlosend als flankierende Maßnahmen verschlüsselt. Könnte nicht ein Ausweg aus diesem Apparat folgendermaßen aussehen: Aufhebung der Zwangsmitgliedschaft in der Ärztekammer sowie Nichtbezahlen des Schwangerschaftsabbruches durch Krankenkasse oder/und Staat? Der Schwerpunkt dieses interessanten Buches liegt eindeutig im Bereich des Schwangerschaftsabbruches: Etwa ein Drittel unseres Nachwuchses pro Jahr (meist gesund, aber "unzumutbar) verliert rechtswidrig das Leben - dies in einer Gesellschaft, die unter der "Alterspyramide" leidet, in der das Rentensystem mangels Jüngerer nicht mehr tragfähig ist: in einer Gesellschaft, in der ein Recht auf einen Kindergartenplatz postuliert wird, aber "das Recht auf Leben" in praxi nicht mehr ohne weiteres existiert! Schwangerschaftsabbruch ist schon lange eine zusätzliche Säule der Familienplanung geworden!

Neben vielen lesenswerten und fundierten Arbeiten möchte ich einige wenige nennen. Alexander Lohner zeichnet in brillanter Weise die Argumente und geistigen Wurzeln der neuen Bioethik nach: Rechtfertigung des Tötens waren damals rassenhygienische, ökonomische und sozialdarwinistische Ansichten; heute sind es Hedonismus und Präferenz-Utilitarismus, die unter dem Deckmantel von "Leidensverminderung, "Selbstbestimmung" und "Zumutbarkeit" auftreten.

Ingolf Schmid-Tannwald scheut keine Tabus, klar arbeitet er die Nähe zur Nazivergangenheit heraus: propagandistische Vorbereitung, Selektion, Tötung durch Ärzte, damals auf wenige Anstalten konzentriert, heute wohnortnah und flächendeckend in Arztpraxen und Krankenhäusern. Er zeichnet die Geschichte des § 218 nach, die Auflösung des Lebensschutzes Ungeborener, den Weg von der medizinischen Indikation über die Fristenlösung hin zum Beratungskonzept: Die Entscheidungslast liegt alleine bei der Frau. Die Ärzteschaft hat ihre Garantenstellung zum Schutz des Lebens aufgegeben, die Tötung ist privatisiert, alles geschieht öffentlich, das Wesentliche bleibt verborgen.

Herbert Csef schildert Probleme und Gefahren der Euthanasie in Holland. Eindrücklich wird immer wieder darauf hingewiesen, wie Dammbrüche im vorgeburtlichen Lebensbereich ihre Spiegelwirkung am Lebensende ausüben (Hirntod-Debatte). Jeder einzelne (Ärzte und Handelnde) muß für seine Tat und deren Folgen persönlich die Verantwortung übernehmen: Die Flucht in den Apparat (anonym und daher gefährlich) öffnet Tore für unkritische Machbarkeit (bioethisches Denken).

Das Buch ist von einem guten, tief-christlichen Geist getragen: Entsprechungen der Geschichte werden mit bewundernswerter Offenheit analysiert; Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit gegenüber der heutigen Situation kommen deutlich hervor, der Schutz des Lebens in all seinen Lagen ist tiefes Anliegen und Sorge der Autoren. Das Buch ist in meinen Augen ein Juwel, das begeistern kann. Die Lektüre und Vertiefung der einzelnen Aussagen anhand der umfangreichen Literatur sind für jeden, der sich mit moralisch-ethischen Fragen beschäftigt und dabei die Würde des Menschen schützen will, ein Muß und zugleich eine Bereicherung.

Paolo Bavastro, veröffentlicht in: Das Goetheanum 43/1998

*T4 ist eine Tarnbezeichnung, die für Tiergartenstraße 4 steht. Zur Organisation der Euthanasie in der NS-Zeit entstand in der Kanzlei des Führers eine 400 Personen umfassende Dienststelle, die sich ab April 1940 in einer Villa in der oben genannten Berliner Hergartenstraße befand.


Rezension in "Zeitschrift für das Lebensrecht" der Juristen-Vereinigung Lebensrecht

Der im medizinischen Fachverlag Zuckschwerdt erschienene Sammelband dokumentiert die Beiträge einer Tagung der "Ärzte für das Leben" in Kooperation mit der Hanns-Seidel-Stiftung in Kloster Banz im Sommer 1997. Die Autoren sind Ärzte, Juristen, Historiker und Philosophen. Sie beschäftigen sich mit dem Ungeist, der zur organsierten Tötung sogenannten "lebensunwerten" Lebens geführt hatte sowie dessen Modellcharakter für die massenhafte Tötung gesunder Menschen im Dritten Reich. Dabei geht es den Autoren um einen bewußten Tabubruch. Er besteht darin, daß die Autoren vor dem geschichtlichen Hintergrund des Nationalsozialismus die heutige Praxis der Selektion und Tötung sogenannter unzumutbarer" ungeborener Kinder behandeln. Das ist gefährlich. Denn Vergleiche von heutigen Ereignissen mit solchen im Dritten Reich gelten, so will es die "political correctness", prinzipiell als unangemessen, weil damals "andere Maßstäbe" gegolten hätten.

Nun behauptet Schmid-Tannwald, Leiter der Familienplanungsstelle an der Frauenklinik im Münchner Klinikum Großhadern, ebenso wie die anderen Autoren keine völlige Deckungsgleichheit von Umständen und Ereignissen. Der Herausgeber vertritt aber die Ansicht, daß wenn man den Schwangerschaftsabbruch einmal als das nehme, was er ist, nämlich die Tötung eines ungeborenen Menschen", dann erweise sich "die behauptete fehlende Vergleichbarkeit von damals und heute als ein verhängnisvolles Verknüpfungstabu". Eine "Entabuisierung des Verknüpfungstabus" gehört somit zum erklärten Ziel der Publikation. Sie soll die Öffentlichkeit über die ,,Hintergründe und die perfekte Organisation unseres lautlosen Tötungssystems" aufklären. Parallelen zwischen der Vernichtung von in der Vergangenheit "lebensunwert" qualifizierten Menschen und heutigen als "unzumutbar" qualifizierten Menschen, lassen sich, so Schmid-Tannwald, dann erblicken, wenn man beginnt, sie für möglich zu halten. Schmid-Tannwald errechnet bei geschätzten rund 200.000 bis 330.000 vorgeburtlichen Kindstötungen pro Jahr in Deutschland innerhalb von 20 Jahren auf eine Größenordnung von rund vier bis 6 Millionen getöteter sogenannter ,,unzumutbarer" Kinder. Sie sei vergleichbar mit der millionenfachen Eliminierung sogenannter ,,lebensunwerter" Menschen, wobei heute anders als damals "ein Mehrfaches dieser Zahl als Schwangere, Freunde, Ärzte, medizinisches Personal, Beraterinnen von Beratungsstellen, Angestellte von Krankenkassen usw. mehr oder weniger um die Abläufe und Zusammenhänge weiß". Heute wie damals seien es Ärzte, die töten. Heute wie damals geschehe dies auf Kosten der Gesellschaft.

Für den Herausgeber besteht eine entscheidende Gemeinsamkeit der historischen wie der aktuellen Lage in den gesellschaftlichen Bewertungsmaßstäben und ihrer Verantwortung im Leistungssystem. So habe sich die Vorstellung, daß der Wert des Menschen nach dem Wert seiner Erbanlagen bemessen werden könne, in den letzten Jahren nicht verflüchtigt. Im Gegenteil: Heute lasse sie sich "mit Hilfe der Methoden der Humangenetik in Verbindung mit der Pränataldiagnostik subtiler und unauffälliger verwirklichen als im Dritten Reich", schreibt Schmid-Tannwald. Anders als damals, so der Autor weiter, sei die genetische Selektion, die durch das massenhafte Töten erreicht wird, heute "privatisiert", was den Druck zur Selektion noch erhöhe. "Aus Angst vor dem Unverständnis und der Entsolidarisierung durch die Gesellschaft", lassen immer mehr Eltern ihr Kind wegen tatsächlicher oder nicht auszuschließender genetischer Normabweichungen im Mutterleib töten. Die Gesellschaft erwarte von den Eltern heute ein "verantwortungsvolles Handeln", das "die Tötung des behinderten Ungeborenen mit einschließt". Schmid-Tannwald: "Man spricht von qualitativer Familienplanung und tötet unter anderem 'aus Mitleid', so wie früher."

Die Autoren des Sammelbandes legen die Wurzeln des Zeitgeistes von damals und heute frei und weisen Unterschiede wie Gemeinsamkeiten auf. Rolf Wienau, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Freien Universität Berlin, zeigt in seinem reich mit historischen Fakten bestücktem Beitrag, welchen ,,Modellcharakter" die Vernichtung sogenannten ,,lebensunwerten" Lebens im Dritten Reich hat. Herbert Csef beleuchtet das Feld heutiger "aktiver Euthanasie" und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklung in den Niederlanden. Unter dem Titel "Abtreibung als Staatsaufgabe" beschreibt der Jurist Wolfgang Philipp, wie der Sozialstaat sich selbst ad absurdum führt. Der Berliner Theologe und Philosoph Alexander Lohner legt schließlich in einem ausgezeichneten Beitrag die Argumente und geistigen Wurzeln heutiger Bioethiker" bloß. Den Anspruch des Buches, der Verschleierung der staatlich finanzierten Massentötung entgegenzutreten und das Verknüptungstabu zu durchbrechen, hat das Buch eingelöst.

Stefan Rehder, Roetgen 2/98

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