Vorträge
"Wo beginnt unsere Geschichte? Wo sind die Quellen unseres individuellen Lebens? Welche versunkenen Abenteuer und Leidenschaften haben unser Wesen geformt? ... Ohne Frage, wir sind tiefer verwurzelt, als unser Bewusstsein es wahrhaben will. Niemand, nichts ist zusammenhanglos."
Grenzen der Prävention "unerwünschter" Schwangerschaften *
Von Prof. Dr. med. Ingolf Schmid-Tannwald
Vortrag als Download im PDF-Format inkl. Abbildungen (1804 kb)
Zusammenfassung:
Die naturwissenschaftliche Beschreibung des individuellen Beginns menschlichen Lebens ist im Prinzip für menschliche und nichtmenschliche Lebewesen gleichermaßen gültig. Die biologischen Prozesse beim Menschen werden aber in der zwischenmenschlichen Beziehung in Gang gesetzt und Schwangerschaften verändern die menschliche Lebenswelt. Deren modellhafte Beschreibung, wie sie die phänomenologische Soziologie erbracht hat, darf daher in einer wissenschaftlichen Darstellung des menschlichen Lebensbeginns nicht fehlen.
Menschen sind beobachtende Lebewesen. Sie wandeln ihre äußeren Wahrnehmungen sowie ihre Bedürfnisse autonom in Bedeutungen um und konstituieren auf diese Weise ihre je eigene subjektive Wirklichkeit. Daraus können sie mit einem anderen Menschen aktiv einzigartige gemeinsame (bipersonale) Wirklichkeiten aufbauen und durch ein in die Zukunft entworfenes sinnhaftes Handeln weiter entwickeln. Um ihre Beziehungen zu ihren Mitmenschen zu erhalten und ihr Überleben zu sichern, ist ständig die Passung mit der Umgebung aufrecht zu erhalten und ggf. wiederherzustellen (Anpassung). Dies gilt auch für die Verwirklichung des Kinderwunsches, der in der Regel autonome und ganzheitliche Entscheidungen der Frau zugrunde liegen (Selbstbestimmung). Aber auch Veränderungen der Passung und die Notwendigkeit sie wieder herzustellen, können zu einer Schwangerschaft führen.
Objektiv sind Schwangerschaften bekanntlich erst mehrere Wochen später durch den biologischen Schwangerschaftstest nachweisbar. Sie können das zwischenmenschliche Beziehungsgefüge belasten und schwere Konflikte auslösen.
Das sog. Abtreibungsrecht eröffnete einen straffreien Weg, um jene Schwangerschaften nachträglich zu beseitigen, die sich als nicht erwünscht erweisen (Fremdbestimmung).
1. Naturwissenschaftliches Menschenbild und der "Verlust an Lebensbedeutsamkeit"
Bilder oder Vorstellungen vom menschlichen Leben einerseits und andererseits das Phänomen des menschlichen Lebens, wie wir es im Alltag erleben, sind zweierlei.[2] Die Naturwissenschaftler etwa, beschreiben nur die naturwissenschaftlichen Anteile bzw. Abschnitte des Lebens. Daher kann die Biologie, mit den Worten des Biologen und ehemaligen Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Hubert Markl, auch nie alles erfassen, "was am Menschen und für den Menschen wichtig ist."[3] Zuvor schon hatte der Philosoph Edmund Husserl auf die Grenzen der Beschreibbarkeit des Menschen durch die "Tatsachenwissenschaften" hingewiesen, die nur "Tatsachenmenschen" machen, aber wegen des damit verbundenen "Verlustes an Lebensbedeutsamkeit" die "brennenden Fragen" nach "Sinn oder Sinnlosigkeit dieses ganzen menschlichen Daseins" "prinzipiell" nicht erfassen können.[4] Antworten auf Lebensfragen aber, erwartet man vom Arzt bzw. der Heilkunde auch heute noch.
Jedoch ist auch vielen naturwissenschaftlich ausgebildeten Medizinern die Beschränktheit der Aussagen der Biologie über das menschliche Leben nicht bewusst und das hat Auswirkungen auf die Art der von ihnen betriebenen Heilkunde. In Fällen von sog. ungewollten Schwangerschaften etwa, gehen sie vom gängigen Fortpflanzungsmodell aus, das im Prinzip keinen Unterschied zwischen Menschen und nicht-menschlichen Säuge- und Wirbeltieren macht und beschränken sich darauf, das biologische Zustandekommen der Schwangerschaft abzuklären und das "Schwangerschaftsprodukt" zu entfernen. Eigenem Bekunden nach lassen sie sich dabei von "Verständnis und Hilfsbereitschaft für die Frauen"[5] leiten, handeln auf deren Wunsch und mit deren Einverständnis, weshalb sie sich im Einklang mit dem ärztlichen Heilungsauftrag sehen. Nicht als ihre Aufgabe betrachten sie es, die Verwurzelung des neu entstandenen Menschen in seinen Mitmenschen zu berücksichtigen sowie die "Lebensbedeutsamkeit" des Ereignisses für die Beteiligten aus der zwischenmenschlichen Vorgeschichte zu verstehen. Denn, wie sollte die Trivialität, dass nur leibhaftige Menschen im Alltag die biologischen Prozesse überhaupt in Gang setzen müssen, ihre naturwissenschaftlich fundierte, gesellschaftlich anerkannte und rechtlich abgesicherte Handlungsweise in Frage stellen können?
Doch gerade an der Missachtung dieser ursächlichen Zusammenhänge setzt die Kritik eines solchen Verständnisses vom ärztlichen Heilungsauftrag an. Erst das Verstehen des zwischenmenschlichen Geschehens im Vorfeld des Biologischen berge den Schlüssel zu einer Kunst des Heilens.[6] Dazu gehöre die sorgfältige Beachtung der Vorgeschichte, weshalb sie der Kunst der Anamneseerhebung eine hohe Bedeutung einräumen. Entsprechend dringend fordern sie ein umfassenderes wissenschaftliches Menschenbild.[7] [8] [9]
Bei unserer Thematik ist die zwischenmenschliche Vorgeschichte unverzichtbar und so zeigt sich, dass der menschliche Organismus nicht lediglich ein biologisches Produkt ist, sondern das Resultat eines alltäglichen zwischenmenschlichen Handelns. Er ist sowohl ein biologisches Erzeugnis als auch ein Zeugnis des Handelns seiner Eltern in ihrer Alltagswelt; diese wiederum ist "das zusammengesetzte Ergebnis vieler Handlungen vieler Handelnder".[10] Diese Zusammenhänge ließen sich erst lange nach dem Beginn des naturwissenschaftlichen Zeitalters regelhaft beschreiben.[11] Bis dahin konnte nur das naturwissenschaftliche Modell der Fortpflanzung zumindest die Entstehung der einzigartigen biologischen Eigenschaften menschlicher und nichtmenschlicher Lebewesen regelhaft darlegen. Erst die modernen Erkenntnisse der phänomenologischen Soziologie ermöglichen es, nun auch die unermessliche Vielfalt der im Alltag immer wieder neu entstehenden Elternbeziehungen modellhaft auf einem wissenschaftlichen Erkenntnisniveau zu beschreiben und damit das Zwischenmenschliche als eine komplementäre Wirklichkeit des Menschen zu würdigen.
2. Der Aufbau zwischenmenschlicher Wirklichkeiten
Heute versteht man unter dem Begriff "Lebenswelt"[12] die konkrete Umwelt des Menschen, welche Erwachsene in der "natürlichen Einstellung" des gesunden Menschenverstandes als schlicht vorgegebene, selbstverständliche und daher unhinterfragte Wirklichkeit wahrnehmen.[13] "Mit "schlicht gegeben" bezeichnen wir alles, was wir als fraglos erleben, jeden Sachverhalt, der uns bis auf weiteres unproblematisch ist." Die Lebens- bzw. Alltagswelt ist an die physische Existenz von Menschen gebunden und wird von diesen "sinnhaft", d.h. nach "Um- zu-" und "Weil- Motiven" als eine Realität sui generis hergestellt.[14] Handeln ist daher "die Voraussetzung für den Aufbau der Sozialwelt"[15]; es beinhaltet eine subjektive Bewusstseinsleistung, d.h. die Umsetzung eines selbstbestimmten Sinns bzw. eines angesteuerten Ziels.[16] Diese handelnd aufgebaute zwischenmenschliche Realität ist der von jedermann hingenommene "wirkliche Hintergrund subjektiv sinnhafter Lebensführung" und sie verdankt ihr Vorhandensein und ihren Bestand "jedermanns Gedanken und Taten". Sie wird von Menschen im wechselseitigen Bezug von Wissen, Handeln und Verständigung als eine eigene zwischenmenschliche Realität hergestellt, aufrecht erhalten und an nachfolgende Generationen als "zeitgenössische Welt der Vorfahren" weitergegeben.[17] Die Alltagswelt gewährleistet Planbarkeit und Kontinuität und sichert uns Menschen einen Überlebensvorteil gegenüber den nicht-menschlichen Lebewesen.[18] (Abb. 1) Man kann diese menschliche Lebenswelt als die artspezifische Umwelt der Spezies homo sapiens ansehen; andere Spezies verfügen über andere artspezifische Ausstattungen und bauen in Abhängigkeit davon ihre jeweils artspezifischen Umwelten auf.[19] [20] (Abb. 2)
Es geht der phänomenologischen Soziologie mit ihrem Lebensweltmodell nicht um die Analyse einer bestimmten geschichtlichen Sozialwelt, sondern um die Beschreibung der Strukturen, die notwendigerweise und jenseits alles sozialen Wandels jede menschliche Sozialwelt charakterisiert.[21] Führenden Soziologen zufolge ist das Modell von der Lebenswelt die "bislang breiteste, tiefschürfendste und ergebnisreichste Klärung des sozialwissenschaftlichen Gegenstandsbereichs -und somit zugleich die differenzierteste Fundierung sozialwissenschaftlicher Methodologie- und verdient daher nicht nur von der Zielsetzung, sondern auch von ihrem Erfolg her den Namen einer `Protosoziologie`".[22] Diese Grundstrukturen der selbstverständlichen Wirklichkeit des Menschen sind allen menschlichen Gesellschaften eigen. In den jeweiligen kulturellen Ausgestaltungen spiegelt sich lediglich wieder, wie die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten ihre Probleme gelöst, welche Fragen sie aufgeworfen und wie sie diese beantwortet haben. Die Protosoziologie kann daher uns Ärzten die wissenschaftlichen Grundlagen über das Verständnis des Konstruktcharakters unserer Alltagswelt zur Verfügung stellen. Dies ist auch für die Praxis hilfreich, da sich sowohl die Arzt-Patientenbeziehung, als auch die Beziehung von Mann und Frau in der Echtzeit (real time) der Alltagswelt ereignet und gestaltet wird.[23]
3. Zwischenmenschliches und Biologisches als komplementäre Eigenschaften
In den Zweierbeziehungen bauen die Beziehungspartner durch zwischenmenschliches Handeln (keineswegs immer ein im idealen Sinne rationales Handeln, sondern in der Regel ein allenfalls teilweises rationales "Routinehandeln", wozu auch das sexuelle Handeln und die Maßnahmen der Familienplanung gehören können) ihre einzigartige gemeinsame Wirklichkeit ("Welt") aus ihren je subjektiven Wirklichkeiten auf. Dies erfordert einen Kommunikationsprozess zur Abstimmung der dabei verwendeten Codes (Abb. 3) (Abb. 4) (Abb. 5) (Abb. 6) (Abb. 7).[24]
In der heterosexuellen Zweierbeziehung kommt hinzu, dass beide Partner in die gemeinsame Wirklichkeit auch noch ihre unterschiedlichen und sich ergänzenden biologischen Fähigkeiten (Fruchtbarkeit) einbringen und sie vermittels ihrer Leiber durch das Zeugen eines neuen Menschen verändern können.[25] Man kann dies modellhaft mit dem heterosexuellen Suprasystem darstellen (Abb. 8). Die zeitliche Entwicklung der Zweierbeziehung, bei der sich zwei Personen annähern, zeigt die Abb. 9. Aus ihrer gemeinsamen Wirklichkeit, die sich "verdichtet", tritt schließlich ein neuer Mensch leibhaftig hervor. Da die Eltern selbst und auch deren Vorfahren jeweils das biologische Ergebnis vieler Handlungen innerhalb der Lebenswelt sind, gehen im Generationenverlauf Lebensweltliches und Biologisches auseinander hervor und in einander über.[26] Beide Dimensionen ergänzen sich komplementär. Jeder menschliche Organismus ist jeweils das (aufgrund der biologischen Gegebenheiten der Eltern möglich gewordene) Handlungsresultat bzw. das Erzeugnis seiner beiden Elternteile in deren Lebenswelt.
4. Handlungsresultat "Mensch" und seine beiden Bedeutungen
Ganz allgemein lassen sich menschliche Handlungsresultate bzw. Erzeugnisse in zweifacher Weise interpretieren.[27] Für den menschlichen Organismus, den beide Elternteile er- bzw. gezeugt haben, bedeutet dies, wie ja die beiden unterschiedlichen Verben bereits ausdrücken, dass er ein biologisches Erzeugnis und zugleich das Zeugnis der einzigartigen lebensweltlichen Beziehung seiner Eltern ist; er besitzt somit eine biologische und eine lebensweltliche Dimension bzw. Qualität. Diese Abkunft des Menschen aus der durch zwischenmenschliches Handeln konstituierten Lebenswelt, die sein Organismus bezeugt, macht den Zeugnischarakter des Menschen aus und ist wohl das, was Kant als "inneren Wert" bzw. "Würde" bezeichnete. Im Gegensatz dazu entstammen Pflanzen und Tiere zwar auch einem Fortpflanzungsgeschehen, wie der Mensch. Allerdings sind sie lediglich biologische Erzeugnisse ("Gemächsel" n. Kant). Sie bezeugen nur den gelungenen Ablauf der biologischen Prozesse, geben aber kein Zeugnis ab, wie es den menschlichen Handlungsresultaten eigen ist. Dieser Zeugnischarakter des menschlichen Organismus ist unabhängig von seinem Entwicklungsstand oder seinen speziellen Fertig-keiten (im Wortsinn gemeint). Personsein ist keine biologische Qualität.
5. Passung und Anpassung im Überlebensinteresse der Subjekte
Subjekte wandeln Außenwirkungen, also letztlich physikalische Reize, nur nach eigenen, nicht von einer anderen Instanz gesetzten Kriterien (d.h. autonom) in Zeichen bzw. Bedeutungen um (Abb. 3). Diese liefern die Entscheidungsgrundlage für bedürfnisabhängige Handelnsalternativen und die Entscheidung für ein bestimmtes Handeln. Die Entscheidung ist jeweils in die Zukunft hinein zu treffen (ex ante). Dies ist vergleichbar mit einem Autofahrer, der im Straßenverkehr sein Handeln ständig an den wechselnden Gegebenheiten ausrichten muss. Zuerst einmal muss er diese wahrnehmen und dann auch richtig deuten. So konstituiert er die Grundlage für seine Entscheidungsalternativen. Dabei liegt es in seinem Überlebensinteresse stets die lebensnotwendige Synthese (Passung) mit der Umgebung zu erhalten oder ggf. wieder herzustellen (Anpassung). Aus dem Erfolg oder Misserfolg seines jeweiligen Handelns kann er dann Rückschlüsse ziehen, ob seine ursprüngliche Realitätseinschätzung zutreffend oder falsch war und somit lernen.
In einer vergleichbaren Situation befindet sich auch der einzelne Mensch, wenn er in seiner alltäglichen Lebenssituation seine existentiellen Bedürfnisse, wie etwa Geborgenheit, Sexualität und Fortpflanzung befriedigen will. In diesem Zusammenhang erwartet man im Zeitalter ausgeklügelter und überaus effizienter Methoden der Schwangerschaftsverhütung vor allem von der Frau, dass sie durch ein geeignetes Handeln, für das in erster Linie sie verantwortlich gemacht wird, eine "unerwünschte" Schwangerschaft verhindert. Das würde aber u.a. voraussetzen, dass sie in ihrer Alltagswelt tatsächlich in der Lage ist, die Chancen für die Annahme "ihrer" Schwangerschaft durch die Mitwelt zutreffend einzuschätzen. In der Regel gelingt ihr dies und sie vermag auch entsprechend zu handeln, wenngleich bestimmte Konfliktsituationen diese Fähigkeit beeinträchtigen und zu einer Schwangerschaft führen können (Abb. 10).
Da man eine Schwangerschaft meist erst mehrere Wochen später objektiv nachweisen kann, lässt sich erst dann erkennen, ob die ursprüngliche Einschätzung der Frau zutreffend war, oder ob und worin sie sich geirrt hat. Die Schwangerschaft selbst wird dann zum Test für ihre Wirklichkeitseinschätzung bzw. die Tragfähigkeit ihrer Mitwelt (Abb. 11).
6. Fremdbestimmung statt Selbstbestimmung der Frau
Das sog. Abtreibungsrecht erleichtert es neuerdings den Beziehungspersonen bzw. der Mitwelt der schwangeren Frau, auf diese Einfluss zu nehmen und eigene Interessen durchzusetzen, d.h. die ursprünglich autonome Entscheidung der Frau noch nachträglich zu revidieren (Abb. 12). Viele werdende Mütter erleben die damit verbundene Ablehnung ihrer Person und ihres Kindes im Verlaufe des sog. Schwangerschaftskonfliktes als den Zusammenbruch ihrer bisher als gültig angesehenen Gegebenheiten ("Welt"), d.h. als Trauma. Dieses kann, vor allem in Verbindung mit dem mehr oder weniger direkt geforderten und dann unmittelbar erlebten Tötungsgeschehen am eigenen Kind, zu einem schweren posttraumatischen Stress Syndrom (PTSD = Posttraumatic Stress Disorder) führen. Man spricht vom Post-Abortion-Syndrom (PAS) als einer besonderen Form des PTSD.[28]
7. Was heißt "unerwünscht"?
Bei erfolgtem Abbruch wird die Schwangerschaft von Außenstehenden im Nachhinein (ex post) als "unerwünscht", "ungewollt" oder "ungeplant" etikettiert und vom Arzt dem Statistischen Bundesamt gemeldet. Alle Meldungen summieren sich zur jährlichen Zahl von Schwangerschaften, die aufgrund der jeweils tatsächlich erfolgten Abtreibungen als "unerwünscht" bezeichnet werden. Diese Bezeichnung geht aber vielfach an der "wahren Geschichte" der einzelnen Schwangerschaften vorbei. In Unkenntnis des Unterschiedes der jeweils subjektiven Wirklichkeiten der einzelnen Frauen in ihren Lebenssituationen einerseits und der statistisch erfassten, theoretischen Wirklichkeit andererseits, verweisen dann Ärzte, Politiker, Gesundheitsexperten etc. auf die hohe Zahl von "ungewollten" Schwangerschaften und fordern immer neue Maßnahmen zur Verbesserung von deren Prävention. Damit erwecken sie den Eindruck, als sei es möglich durch eine immer effizientere Prävention dieser "ungewollten" Schwangerschaften schließlich die Abtreibungen überflüssig zu machen.
Diese Vorstellung verkennt aber unsere tatsächliche Lebenssituation innerhalb der von uns hergestellten Alltagswelt, wie sie geschildert wurde. Dies bestätigen auch die über all die Jahre hinweg nahezu unveränderten Zahlen von Schwangerschaftsabbrüchen, trotz aller familienplanerischer Bemühungen.
Prof. Dr. med. Ingolf Schmid-Tannwald, Frauenarzt und ehem. Leiter der Familienplanungsstelle an der Frauenklinik der Universität München im Klinikum Großhadern.
Jetzige Anschrift: D- 80336 München, Nussbaumstr. 8, Tel: 089/ 59 57 44
E-Mail: ingolf.schmid-tannwald gmx.net
* Überarbeitete Fassung des Vortrags "Psychodynamik von Schwangerschaftskonflikten" anlässlich des Seminars der Bayerischen Landesärztekammer "Medizinische und ethische Aspekte des Schwangerschaftsabbruchs" gem. Art. 5 Abs. 5 des BaySchwHEG am 17. April 2010 in München
[1] Mann K.: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Rowohlt, Reinbek, 1993, S. 9
[2] Schütz A.: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie Frankfurt/M: Suhrkamp (2. Aufl.) 1981, 339
[3] Markl H.: Evolutionsbiologie und Menschenbild. In: Evolution, Genetik und menschliches Verhalten. Zur Frage wissenschaftlicher Verantwortung. Serie Piper Aktuell. Piper, München, 1986, 38 ff
[4] Husserl E.: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie: eine Einleitung in die phänomenologische Philosophie/ Edmund Husserl. Hrsg., eingel. u. mit Reg. vers. von E. Ströker.- 3. Aufl. Hamburg: Meiner, 1996, S. 3 ff
[5] Kindermann G.: Nun los, Frauenheilkunde. Der Frauenarzt 41, 2000, 661
[6] Lown B.: Die verlorene Kunst des Heilens, Suhrkamp Taschenbuch 3574
[7] Engel G. L.: The need for a new medical model: a challenge for biomedicine. Science 196, 129 (1977)
[8] Weizsäcker V. von: Das Problem des Menschen in der Medizin. "Versuch einer neuen Medizin". In: Kraft und Innigkeit. Hans Ehrenberg als Gabe der Freundschaft im 70. Lebensjahr überreicht. Heidelberg: Lambert Schneider, 1953, 123-128
[9] Uexküll Th. von, W. Wesiack: Theorie der Humanmedizin. Grundlagen ärztlichen Denkens und Handelns. 3. , völlig überarb. Aufl.- München; Wien; Baltimore: Urban und Schwarzenberg, 1998, S. 468
[10] Luckmann Th.: Theorie des sozialen Handelns. Berlin New York, 1992, 4
[11] Schütz A.: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie Frankfurt/M: Suhrkamp (2. Aufl.) 1981
[12] Husserl E.: Phänomenologie der Lebenswelt. Ausgewählte Texte II. Hrsg.: K. Held, Stuttgart: Reclam 2007 - zit. n. St. Henze: Der sabotierte Alltag: die phänomenologische Komik Karl Valentins. Konstanz, Univ., Diss., 1995, S. 16. Zugänglich unter: http://www.ub.uni-konstanz.de/kops/volltexte/1999/107/html/henze3.html
[13] Schütz A., Th. Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2003
[14] Hitzler R., Th. S. Eberle: Phänomenologische Lebensweltanalyse. Zugänglich am 29.12. 2009 unter: http://www.hitzler-soziologie.de/pdf/hitzler_2000b.pdf
[15] A.a.O., S.452f
[16] Luckmann Th.: Theorie des sozialen Handelns. Berlin New York, 1992
[17] Berger P.L., Th. Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt/M.: Fischer 2000 (17. Aufl.)
[18] A.a.O., S. 136
[19] Uexküll von J.: Theoretische Biologie. Berlin: Springer 1920
[20] Uexküll J. v., G. Kriszat: Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen. Bedeutungslehre. Rowohlt, Hamburg, 1956
[21] Schütz A., Th. Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2003
[22] Eberle, Thomas S.: Schütz` Lebensweltanalyse: Soziologie oder Protosoziologie?. In: Gelehrtenrepublik - Lebenswelt : Edmund Husserl und Alfred Schütz in der Krisis der phänomenologischen Bewegung. Wien : Passagen,1993.-ISBN3-900767-77-7,S.293-320 siehe: http://www.alexandria.unisg.ch/Publikationen/10025
[23] Lenz K.: Soziologie der Zweierbeziehung: Eine Einführung. Opladen: Westdeutscher Verlag 1998
[24] Schmid-Tannwald I.: Interpersonal relationship in everyday life: a semiotic model. 8 th Annual International Gatherings in Biosemiotics, June 23-28, 2008 at the University of the Aegean, Syros, Greece http://biosemiotics08.syros.aegean.gr/resources/pdf/Abstracts%20(8%20June%202008).pdf
[25] Schütz A., Th. Luckmann: Strukturen der Lebenswelt. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2003, S.29ff
[26] "Und doch würde ich nicht existieren ohne einen gewissen Senator Heinrich Mann, hochrespektablen Bürger der Freien Hansestadt Lübeck, aber eben doch nicht mehr völlig hochrespektabel, schon ein wenig exzentrisch", der sich "seine Lebensgefährtin nicht unter den Töchtern der Stadt" sucht, sondern "eine junge Dame aus dem fernen Brasilien" wählte. Mann K.: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Rowohlt, Reinbek, 1993, S. 10
[27] Schütz A.: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie Frankfurt/M: Suhrkamp (2. Aufl.) 1981, S.186 ff
[28] http://www.aerzte-fuer-das-leben.de/symposium2007.html
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