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Christian Schwarke, Die Kultur der Gene - Eine theologische Hermeneutik der Gentechnik, W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln 2000, 265 Seiten

Ein Kampf der Kulturen?

Sind Naturwissenschaft und Kultur "Gegensätze"? Die Kontroverse um die Gentechnik könnte das vermuten lassen, wenn "kühle Rationalisten" gegen "Bewahrer der gottgewollten Schöpfung" fechten. Wie der seit Jahren emotional geführte Diskurs erweist, wird die Bedeutsamkeit der Genetik für unser Weltbild gesellschaftlich ernst genommen, schließt sie doch philosophische und soziobiologische Fragen nach dem Verhältnis von Freiheit und Determination, von Anlage und Umwelteinflüssen ein. Außer der Biologie berührt Genetik vor allem Medizin und Anthropologie, aber auch Ökologie, Politik, Börse und nicht zuletzt religiöse Aspekte wie die Geschöpflichkeit des Menschen und seine "schlechthinnige Abhängigkeit" (Schleiermacher). Von Kirche und Theologie werden ethische Urteile dazu erwartet. Der Dozent für Systematische Theologie an der Universität Dresden Dr. Christian Schwarke glaubt, dass zuvor Neubeschreibungen traditioneller Begriffe wie "Natur", "Schöpfung" und "Leben" nötig sind.

Gegenüber rein pragmatischen Konfliktlösungen bestehen Vorbehalte (aus Sicht der Lebensrechtsbewegung zu Recht und notwendiger Weise! Anm. O.G.). Schwarke versteht Theologie als Hermeneutik (S. 14) und sieht ihre Aufgabe vor allem darin, das Konfliktmaterial um Gentechnik und Reproduktionsmedizin auf der Ebene des Faktischen einschließlich der "Tiefenschichten" menschlicher Wirklichkeitswahrnehmung zu beschreiben. Theologie solle nicht "emotionale Irritationen einfach wiederholen, auch nicht ignorieren, sondern Inhalte verstehbar" machen. Da Theologie "die Repräsentantin eines ethisch relevanten 'kulturellen Gedächtnisses'" sei und sich die Interpretation der jeweiligen Gegenwart aus dem Verständnis der Tradition ergebe, sei zunächst jede Wirklichkeitssicht (im Sinne des Pluralismus) zu akzeptieren. Die Untersuchung Schwarkes bezieht dezidiert keine Stellung zur gentechnischen Anwendung, sondern zeigt auf, warum die öffentliche Auseinandersetzung so emotional verläuft.

Befürchtungen und Erwartungen fließen sowohl in Wissenschaftspublizistik wie in den breiten Journalismus ein, so Kapitel II. Auf die "öffentliche Meinung" haben vor allem Bilder, auch solche aus Science Fictionen-Visionen wie "Dr. Frankenstein", Einfluss (Kapitel III). Um sich verständlich zu machen, bedient sich die Molekularbiologie selbst gewisser Metaphern und Mythen, wenn sie im Gegenwartstrend der Informatik z. B. vom genetischen Code spricht, nicht selten auch Bilder aus der Vergangenheit benutzt, indem sie die "Landkarte" des Genoms wie ein Terrain für "Schatzsucher" oder "Goldgräber" aus Entdeckerzeiten (des 15./16. Jahrhunderts) absteckt - oder das menschliche Genom mit seinen Chromosomen etwa als "Buchtext" mit 2 x 23 "Kapiteln" vorstellt. Der Gentechniker gerät publizistisch zum "Ingenieur" des Lebens. Bilder dienen der Veranschaulichung; ihre Aussagekraft ist jedoch begrenzt, und vor Fehlinterpretationen ist niemand geschützt. In den verwendeten Bildern drücken sich Faszination und Ängste gleichermaßen aus.

Werden nun "Grenzen in unseren Köpfen" aufgelöst? (Kapitel V). Gilt der Unterschied von Kultur und Natur noch? DNS als Modell ist wie die Tonalität in einer Bachschen Fuge ein "Kulturprodukt", Gentechnik somit "Kultur", meint der Autor. Genetik ist nicht von Tradition und Metaphysik entkoppelt oder pure Rationalität (S. 172): im Modell des "kartierten" Menschen liegt neben der Angst vor Diskriminierung zugleich auch die Hoffnung auf Heilung. Sind Gene schon "das Schicksal", ist der Code bereits das "Geheimnis des Lebens", das den "gläsernen" Menschen der Gesellschaft vorführt?

Wie sollte Kirche bzw. Theologie von der "Kultur der Gene" sprechen? Ist Gott in den Genen anwesende "Immanenz", pfuschen wir dem Schöpfer ins Handwerk, wenn wir Gene "manipulieren"? Ist die vor uns liegende "Schöpfung" ein Tabu? Stehen wir vor dem neuen Sündenfall der Hybris am Baum der Erkenntnis? Vielleicht fallen wir in der Anwaltsfunktion für das Leben und die "Natur" mit so manch emotionalisierter Rhetorik selbst jenem Reduktionismus anheim, den wir den Biotechnikern vorwerfen. Übersteigt Leben nicht den Bereich der Gene, ist der Bauplan des Lebens und menschlicher Personalität nicht von wesentlich anderer Dimension als die von Fermentaktivitäten bestimmte Biochemie? Ist schließlich der Mensch nicht weit mehr, als das Human-Genom-Projekt uns nahelegen will? Lässt es uns gar in seine Falle geraten? Sind wir faktische Opfer: Objekte der "Genkultur"?

Oder bleiben wir Subjekte, die verantwortungsvoll und frei mit dem Einerseits und Andererseits der biotechnischen Problematik umzugehen lernen; die nicht ängstlich-überstürzt "geschöpfliche Grenzen" festlegen oder kulturelles Neuland mit einem "Off limits" markieren, sondern als Ermöglichung von Freiheit wahrnehmen, einer Freiheit, die als Gottes Geschenk gläubig-dankbar - und verantwortet - angenommen werden darf? Wir kommen nicht darum herum, "als Grenzgänger zwischen dem Reich der Natur und dem Reich der Freiheit zu existieren. Zum Leben auf der Grenze der Natur aber gehört beides: die eigenen Grenzen immer wieder überschreiten und doch lernen müssen, mit ihnen zu leben" (E. Schockenhoff).

Wann aber wird der Eingriff am Gen zur "Unnatürlichkeit? Wo beginnt die Vergewaltigung durch Eugenik? Schwarke legt eine theologische Hermeneutik der Gentechnik vor, eine "Auslegung2, wobei er bei der differenzierenden Beschreibung der Phänomene verweilt und ethische Interpretationen vermeidet. Trotzdem fällt der Erkenntnisgewinn aus der Lektüre, der das eigentliche Ziel einer Hermeneutik sein soll, positiv aus. Eine Überbrückung "der beiden Kulturen" Biologie/ Geisteswissenschaft findet zwar nicht statt. Doch ist der christlich theologische Standort bezeichnet: zweitausend Jahre abendländischer Geistesgeschichte geben sich nicht damit zufrieden, dass das "menschliche Geheimnis" mit der Humantechnologie "gelüftet" sei. Dieses "Darüber-hinaus" gilt es ethisch relevant zu erhalten und im Geist kommunikativen Verstehens mehr denn je zu vermitteln.

Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 58 2/2001

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