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Horst Seidl, Gentechnologie in ethischer Beurteilung, nova & vetera, Bonn 2003, 117 Seiten

Von Forschungsfreiheit und Lebensgut

In der öffentlichen Wahrnehmung überwiegen heute Skeptizismus und Empirismus, stellt Horst Seidl, Professor für Ethik und Antike Philosophie an der Lateran-Universität in Rom, in seiner neuen Studie fest. Einzelne biotechnische Erfolge werden als spektakulär gefeiert, nähren überschießende Hoffnungen; die vielen Misserfolge verschweigt man, sie bleiben unhinterfragt, die Labortüren sind dicht. Das provoziert Ängste. Warum verbraucht das Klonen so viele Embryonen? Weil es ein "wahnwitziger Pfusch und gegen den offensichtlichen Naturzweck einer reichhaltigen und vielfältigen Fortpflanzung" gerichtet ist! Eine "Verödung", eine "Sterilisation natürlicher Vitalkraft": enthält der in die Eizelle eingeschleuste Kern ja schon die Abnutzungserscheinungen seiner bisherigen Biografie! Einig ist man sich inzwischen darüber, dass bioethische Fragen das Bild von Natur, Leben, Mensch betreffen und dass die dominanten Biowissenschaften diese Fragen nicht allein lösen können ("boom der Ethikkommissionen"). Man weiß, auch wenn mancher Gentechniker (z.B. J. Watson) das schon mal übertönen möchte, der Mensch ist "mehr als sein Genom", auch mehr als sein Körper. Dieses "mehr" ist einsichtig aus dem natürlichen vorphilosophischen Realitätsbewusstsein vom Dasein der Dinge, von Natur, Leben, Mensch-Sein, Seele-Haben, Geistausstattung, wie es die platonisch-augustinische und die aristotelisch-thomistische Tradition vertieft und über Jahrhunderte vermittelt hat. Doch ist diese aus dem Blickfeld geraten. Sie erscheint aber zur Ergänzung des gegenwärtigen Sachwissens unverzichtbar.

Die nach Zahl und Artspezifität vorgegebenen Chromosomen, welche der Genetiker entdeckt, sind die materielle Grundlage (causa materialis), aus der sich das je individuelle Leben entfaltet - sie sind nicht schon das Leben selbst! Obwohl sich Naturwissenschaft grundsätzlich "zweckfrei" am Beschreibbaren ausrichtet, nimmt die Biotechnologie - etwas inkonsequent - die Gene in ihrer "Funktion" und die Organe als "Werkzeuge" im Sinn einer Dienstleistung am größeren Ganzen letztlich doch in den Blick. Sie spricht von genetischer "Information", der Anleitung zu einem Zweck also, ohne zu registrieren, dass dies eine heimliche Übernahme des Begriffs der "Form- und Zweckursache" (causa formalis/finalis) aus der traditionellen Philosophie bedeutet. Ähnliches gilt, wenn wir vom Genom-"Programm" sprechen.

Um wirklich zu "wissen", bedürfen Biowissenschaften, gerade die Gentechnologie, die sich mit der Außenansicht der Dinge (Moleküle, Gene, Enzyme, Proteine) und ihrer Beschreibung beschäftigen, der Ergänzung durch die Innenansicht der Naturphilosophie und Anthropologie, die jene Phänomene der Chromosomen/ DNS/ RNS als Rohmaterial, Basis oder "Materialursache" (von lat. mater) für die "Zweckursächlichkeit" des Lebensprinzips erkennen. Ohne teleologisch (zielgerichtet) zu denken, läuft auch die Biowissenschaft ins Leere. Sie muss, wenngleich widerwillig, den Schritt zum Transmateriellen, d. h. zur Metaphysik zulassen.

Indes ergänzt unser vorwissenschaftliches Bewusstsein bereits das faktische Sachwissen, indem es um Lebensprinzipien, um unsere eigene komplexe Wesenheit und ihr Geistprinzip, die Vernunft, "weiß: der Mensch ist "animal rationale". Für Aristoteles kommt dieser Geist "zur Tür herein", d. h. er ist weder zeitlich noch örtlich festzumachen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Geist erweist sich als unerklärbarer "Einheitsgrund für alles Erleben und Erkennen".

Die vorliegende Studie gliedert sich in 3 Kapitel. Im I. Kapitel werden unter dem genannten Gesichtspunkt die Problemfelder In-vitro-Fertilisation, PID, Klonen, Designer Baby, Stammzelldebatte, Knock-out-/ Knock-in-Gentechnologie kritisch vorgestellt. Gentechnologie ist nicht als Baukastenspiel zu verstehen, greift sie doch in komplexe Lebensprozesse ein und hat zu bedenken, dass ihr Eingriff Funktionszusammenhänge und Lebensprozesse - widernatürlich - unterbricht, verschiebt und somit auch stört und zerreißt.

Kapitel II vertieft die anthropologischen Überlegungen und aktualisiert sie in der Frage nach dem Beginn des menschlichen Lebens sowie der Einordnung biologischer Daten in das erweiterte Menschenbild. Dabei ergeben sich so praktische Fragen wie: inwieweit verändert ein Transplantat die Identität des Menschen? Gefährdet ein organisches Hirntransplantat die Individualität? Führt die Gentechnologie zum "Ende des Menschen" (Fukuyama, New York 2002)? Staatliche Regelungen und Grenzsetzungen zur Gentechnologie sind vernünftig; wie bisher wird der Mensch Kultur nicht allein aus Wünschen und Instinkten schaffen, sondern aus Einsicht und Vernunft, die auch Nebenwirkungen und Folgen berücksichtigen. Nicht Gesundheit ist das "höchste Gut", sondern das Leben des Geistes in geschöpflicher Freiheit und Einmaligkeit.

In Kapitel III erarbeitet Seidl ethische Leitlinien zu Embryonenforschung und gentechnischer Manipulation aus der kritischen Bewertung jener Argumentationslinien, die in zahlreichen Beiträgen von Journalisten, Forschern, Philosophen (ausführlich : J. Habermas), Politikern (M. Böhmer, H. Hüppe, J. Rau; M. v. Renesse u. a.), Kirchenvertretern, in "Werkstattgesprächen" und Diskussionsrunden auftauchten. Oft wird der Embryo als "Zellhaufen" gesehen, dem man die (volle) Anerkennung von Würde verweigert. Doch der Menschenkeim ist kein undifferenziertes Gewächs, vielmehr ist in ihm von Anfang an das seelisch vitale Prinzip eines einmaligen Menschen wirksam. Unser vorphilosophisches "Wissen um diese Realität drückt sich intuitiv im Begriff der "Totipotenz" (Fähigkeit zur Ganzheit) aus, die wir der Zygote ablesen! Wiederholt verweist Seidl darauf, dass Forschung biologische Prozesse beschreibt, die dem Wesen Mensch äußerlich bleiben, die in anthropologischer Betrachtung aber Wirkungen eines internen "wesentlichen Lebensprinzips" sind. Sie sind Phänomene, welche in einer seelisch vitalen Form-, Wirk- und Zweckursache gründen und sie "ausdrücken" - von Anfang an.

Ethik als das Wissen um das Angemessene darf nie, auch nicht im Namen einer "heilsamen Forschung", von der bestehenden Rechtslage aus argumentieren. Auch ist es problematisch, das Recht "als Platzhalter für die verschwundene Moral" anzusehen. Dieses hat sich vielmehr seinerseits am ethisch Normativen auszurichten und ggf. zu korrigieren. Als das "Wissen vom Guten" hat Ethik die Aufgabe, den Gegebenheiten von Natur und Mensch gerecht zu werden. Ihr Maßstab liegt in der Wesensordnung des Menschen als Geistträger. Leben ist grundsätzlich ein "bonum", das des Menschen ist von der Zygote an "unantastbares Gut".

Die Lektüre der Studie ist deshalb so hilfreich, weil sie das aktuelle Streitgespräch zwischen den einzelnen Wissenschafts-Disziplinen aufnimmt und Wahrnehmungslücken aufzeigt, die zu verkürzenden Argumenten für eine allzu freie Forschung führen könnten. Hochaktuell und lesenswert

Dr. Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 69 1/2004

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