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Rezensionen

Stolberg M., Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute, Mabuse-Verlag, Frankfurt/M 2011, 303 S.

Palliativmedizin im Wandel

BuchcoverDie ‚Fristenlösung' demnächst auch im Krankheits- oder Altersprozess bei aussichtsloser Krankheit, bei Unzumutbarkeit für pflegende Betroffene? Bei ‚nutzlosem' Menschenleben, dessen Humankapital sich der Nullgrenze nähert und ‚nur noch Kosten' verursacht? Fragen stehen im Raum. Wie war das früher bei geringerem Wohlstand?

Dem geht der Medizinhistoriker Michael Stolberg in seinem Werk "Die Geschichte der Palliativmedizin" anhand zahlreicher neuer wissenschaftlicher Quellen für den westeuropäischen Kulturbereich nach. Er beschreibt drei historische Phasen: die Zeit 1500 bis 1800, das Industriezeitalter 1800 - 1945 und die Zeit nach 1945. "Grob falsch" sei so manches Fazit: weder sei die Palliativmedizin erst eine Erfindung des 20. Jahrhunderts noch sei sie "überhaupt nicht neu"! Es gab sie lange schon, nur nicht in ihrer heutigen Form.

Weil die vormoderne Medizin in ihren Methoden äußerst beschränkt war, habe sich Ärzten wie Pflegekräften die Frage nach Leidverminderung vor allem bei drei großen damals infausten Krankheitsgruppen gestellt: bei Krebserkrankung, Wassersucht und Schwindsucht mit öfter unstillbaren Hustenanfällen und üblem Auswurf. Anhand internationaler Quellen in biografischen, autobiografischen Zeugnissen wie Notizen, Briefen sowie (kirchen-) behördlichen Akten zu pflegerischer Praxis, Seelsorge, "Leichenpredigten" verfolgt der Autor die Thematik der Patientenwahrnehmung, die bereits mögliche institutionelle Versorgung von terminal Kranken und deren Begleitung durch ihre Familien im Rahmen früherer Welt- und Wertbilder.

Beim Vergleich spielt der begriffliche Bedeutungswandel die Hauptrolle: ‚Hospize' früherer Jahrhunderte waren Herbergen für Pilger und Reisende, wie bereits im benediktinischen Klosterplan vermerkt. Im 14. Jahrhundert trat schon die ‚cura palliativa' im Sprachschatz auf. Stolberg verdeutlicht, dass man das ‚Bemäntelnde' (pallium=der Mantel) damals auf die schonend beschönigende Diagnosenübermittlung bezog, auch auf Symptommilderung, jedoch kaum auf die Person in ihrer Ganzheit. Der behindernde Defekt sollte getarnt werden: ‚Palliativkur' verstand sich so als "Scheinbehandlung", zumal Ärzte den Tod als beruflichen Misserfolg verbuchten und Übertherapie keineswegs scheuten! Der Begriff ‚Euthanasie' hatte bis 1800 durchweg einen guten Klang: man lehrte die ‚ars moriendi'. Ärzte sahen sich dem begleiteten Sterben verpflichtet. Doch um 1800 wurde aktive Sterbehilfe auch in Arztkreisen diskutiert. In Laienkreisen war es nicht unüblich, mittels "Kissenentzug" das Leiden zu verkürzen! Während im Zuge verbesserter kausaler Behandlung und gelingender Schmerzlinderung die Ärzteschaft konsequent und "strikter selbst als die vormoderne Moraltheologie" (!) auf ihrer Pflicht zur Lebenserhaltung beharrte, waren es dann zunehmend gebildete Laien, die für die Freigabe zur Tötung auf Verlangen stritten - bis eine von Eugenik und Sozialdarwinismus beeinflusste radikale Minderheit auch unter Ärzten das ‚salus aegroti' zugunsten des "Wohls des Volkskörpers" aus den Augen verlor.

Palliativmedizin und die überzeugende Hospizidee von Cicely Saunders, bei Unheilbarkeit den "Tagen mehr Leben" zu geben, sind heute auf gutem Weg. Sie können den Mantel vom Todesschrecken wegziehen. Doch im historischen Wechsel von Kontinuität und weltanschaulichem Fort-Schritt muss sich unsere Aufmerksamkeit darauf richten, dass trotz gelingender Palliativbetreuung die körperlich-seelische Alterung mit entsprechender Abhängigkeit noch immer als ‚Würdeverfall' fehlgedeutet und damit postmodern eine Abwehrhaltung utilitaristischer Art gefördert wird. Zeit vollzieht sich linear, Geschichte unterliegt dem Wandel, sie kann sich wiederholen.

Dr. Maria Overdick-Gulden

Veröffentlicht in: LebensForum Nr. 99 - 3/2011

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