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Rezensionen

Peter Strasser, Gut in allen möglichen Welten. Der ethische Horizont, Paderborn 2004, Euro 34,90

Der ethische Horizont

In einer Geisteswelt, in der es vielfältige Wertvorstellungen gibt und dieselben oft als gleich gültig, also gegen einander abwägbar und austauschbar wahrgenommen werden, bemüht sich der Grazer Philosoph Peter Strasser eine Moral aufzuweisen, die „in allen möglichen Welten“ Geltung beansprucht. Als „starker Objektivist“ spricht er sich differenziert für universal gültige Werte und Normen aus, die auch unabhängig von ihrer allgemeinen Anerkennung bestehen. In solch „objektiven Werten“ sieht der Autor „Eröffnungspotentiale“, die sich auf einen „Absolutheitshorizont“ ausrichten, der „um seiner selbst willen angestrebt wird“. Menschliches Streben zielt auf Vollkommenheit: auf das „gute Ich“, die „gute Nähe“, das „gute Leben“, Werte, die sich allerdings letztlich nur im (eschatologischen) Begriff der „Erlösung“ ganz erfüllen werden. Unsere Moral ist nicht durch ein Naturgesetz vorgegeben. Moralisch relevante Handlungen sind nicht naturalistisch-wertblindes Tun, nicht genetisch oder soziobiologisch determiniert, entsprechen auch nicht nur einem rationalen Vertrag („morals by agreement“) um des gegenseitigen Überlebens willen, wie es die „Goldene Regel“ vorzugeben scheint. Sind wir doch durchaus befähigt/willens, uns aus freien Stücken für Folteropfer einzusetzen, auch wenn wir sie nie im Leben kennen lernen und nichts von ihnen zu erwarten haben (Anm. d. Rezension: hier kann sich die Lebensrechtsbewegung wieder finden). Das Moralische ist nach Strasser „empfunden, Intuition und keine Frage bloßer kultureller Tradition“ (S. 47). Was dann? Sind wir unsere je eigenen Gesetzgeber (I. Kant)? Liegt es allein und unmittelbar an uns, dass wir uns moralisch entscheiden? Nach Strasser finden wir die Werte vor, sie sind „gestiftet“, „übernatürlich“, der „Wahrheit analog“, etwas Metaphysisches und Transzendentes! Werte liegen uns nah: „Indem wir ‚ich´ sagen, beziehen wir uns ursprünglich nicht auf unseren Willen, sondern auf unsere ursprüngliche Teilhabe an der Ordnung der Werte“ (S.51).

Zum „guten Leben“ gehören Glück, Autonomie, Schönheit als „Wertekategorien, ferner das Personsein, die Menschenwürde und die ihr entsprechende Gerechtigkeit“ (S. 199). Neben einer rein formalen und einer proportionalen Gerechtigkeit nach dem Lohn-Strafe-Prinzip ergibt sich Gerechtigkeit - als Tugend - unparteilich aus der „Gleichheit der Personen“ (S. 215). Aber, so fragt man heute, ist jeder Mensch Person? Die Antwort der Moderne: „Dass die Würde unantastbar ist, folgt daraus, dass der Mensch jenes Wesen ist, das über Merkmale wie Ichhaftigkeit des Erlebens und Autonomie des Handelns verfügt. Doch auch der inaktiv Komatöse und der Embryo nehmen wesenhaft (ontologisch) an der Quelle aller Werte, jenem Transzendenten, teil, sodass Personsein aufgrund der Teilhabe bedeutet, zur Teilnahme an dieser Transzendenz befähigt zu sein. Erst mit dem Personsein kommen nach Strasser die Werte zur Welt: als „Übernatur“. Eine Vernunft-Ethik (Einsicht) erkennt diese ihre „Meta-Physik“. Diesem Personalismus der Ethik entspricht in der Theologie als metaphysisches Gegenstück der Theismus, der „persönliche Gott“ (S. 215).

Im Kernbereich moralischen Handelns stehe neben der Autonomie das Prinzip der Leidminderung, wobei Leid und Schmerz nicht für jeden oder immer und ausschließlich nur Übel darstellten: beispielsweise sei echte Liebe ohne Leiden kaum vorstellbar. Doch in der Auseinandersetzung mit P. Singer wird Strassers Urteil schließlich ambivalent und unverständlich, wenn es heißt: es sei Verpflichtung (!) „im Rahmen des uns Möglichen und Zumutbaren darauf zu achten, dass nicht Kinder in die Welt gesetzt werden, die durch ihre Defizite außerstande sind, ein sinnvolles und jedenfalls lebenswertes Leben zu führen“, selbst wenn man die Befürchtung hege, „dass die konsequente Umsetzung dieser Art Leidvermeidung über die eugenische Indikation zu einer neuen inhumanen Praxis des lebensunwerten Lebens führen“ könnte (S. 127)! Wer diese philosophische Ansicht nicht teilt oder auch in extremen Situationen die aktive Sterbehilfe konsequent ablehnt (S. 105), wird kurzum als „religiös verblendet“ betrachtet. Ist die sog. eugenische Indikation denn keine „metaphysische Diskriminierung“ (S.213)? Ist nicht jeder Mensch einer von uns, den wir nicht „aus dem Kontext axiologischer (werthafter) Potentiale herausfallen lassen dürfen“ und dessen „Stellvertreter“ (S.229) wir doch sein sollen? Wem Palliativmedizin und Hospizgedanke noch Fremdwörter sind, dem mag man solche Vorurteile verzeihen. Aber weiß der Autor, was seine differenzierende Eugenik-Theorie in der Praxis bedeutet? Hier soll auf den Psychotherapeuten Viktor E. Frankl und seine Existenzanalyse sowie das corpus hippocraticum mit seiner überzeugenden Wertkonstanz verwiesen werden.

Dennoch bleiben die Argumentationslinien Strassers zum Utilitarismus interessant, ebenso die Ausführungen zur Hirntodproblematik, in welcher der Autor nicht zu Unrecht das Schlüsselsymptom eines sozialen Kältetods sieht, wo die Kultur „der guten Nähe“ im Sachzwang verschwindet. Der Postmoderne, die in Aufklärung und Wissenschaft versucht, das Geheimnis der Welt etwa in einer Weltformel aufzulösen, hält der Autor entgegen: das uns umgebende Geheimnis auflösen zu wollen, heißt nicht verstanden zu haben, um welche Art von Rätsel es sich handelt. Ob das nicht auch für die „Extremsituation“ und die „Schwerstbehinderung“ gilt?

Ein Buch mit vielen Fragen, nicht ohne Widersprüche, keine leichte Lektüre, deshalb spannend und lesenswert.

Dr. Maria Overdick-Gulden

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