Rezensionen
Ludger Weß, Die Träume der Genetik, Mabuse-Verlag, Frankfurt/M, 2. Auflage, 1998, 227 Seiten
Kein erbkranker Nachwuchs - Wovon Genetiker weiter träumen
Neben der Hormonforschung bilden Reproduktionsmedizin und Gentechnologie die Schlüsselwissenschaften zur Beherrschung des Vererbungsprozesses. Gentechnologie wird als faszinierendes und zukunftweisendes Instrumentarium international geschätzt. Das Studium der bisher weitgehend ausgeblendeten Ideengeschichte heutiger Gen- und Fortpflanzungstechnik bedarf jedoch dringend der Aufarbeitung. Aus der "Spitze der naturwissenschaftlichen Genetik der letzten hundert Jahre" stammen nämlich "wirklich aufregende Entwürfe für die Durchsetzung von Sozialutopien", so Ludger Weß in seiner Schrift im Rahmen der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Seit 1890 propagierte der in Zürich und Neapel tätige Jacques Loeb eine biologische Ingenieurskunst. Unter dem Eindruck wirtschaftlicher Depression griff Loeb das Programm Ernst Haeckels auf, alle Bereiche menschlichen Lebens in einer "All-Organisationswissenschaft" zusammenzufassen und sozialdarwinistisch aufzuarbeiten. "Der Inhalt des Lebens sind Wünsche und Hoffnungen,...und leider auch Enttäuschungen und Leiden", so Loeb. Diese bisher der Metaphysik und Religion vorbehaltenen Themen sollten nun "der physikalisch-chemischen Analyse zuführbar sein", sie seien reif für eine rational-technische Lösung (S. 13). Loeb beeinflußte zahlreiche Biologen (u. a. Pincus), Psychologen wie Skinner und Watson sowie die spätere Molekularbiologie. Den Wirtschaftsmanagern der Rockefeller-Stiftung galt Loeb als der Prototyp des modernen Wissenschaftlers. Angesichts der Effizienz seines ökonomisch reichlich geförderten Forschungsstils gab es kaum Kritik an Methode und Weltanschauung. Sie war Reduktionismus pur, der "das Leben aus der physikalisch-chemischen Beschaffenheit der lebenden Materie" erklären wollte. Wie Thomas Hunt Morgan, der 1915 die klassische Genetik herausgearbeitet hatte, bekannte sich auch der Nobelpreisträger Hermann Joseph Muller mehrfach dazu, daß Genetik die Schiene sei, um "die menschliche Evolution ‚eugenisch' kontrollieren zu können" (S. 16). In praxi sollten - wie bei Plato in der Antike- "überragende Männer" mit mehreren Frauen Kinder zeugen dürfen und Samenbanken von Nobelpreisträgern und hervorragenden Politikern angelegt werden.
Die "Jagd nach der Struktur der Gene" wurde in Berlin, Cambridge, Paris und in den USA aufgenommen, dort kräftig unterstützt von der Rockefeller Stiftung, der Carnegie Institution und Chemiekonzernen. Sie dauerte etwa von 1927 bis zur ersten chemischen Synthese eines kompletten Gens im Jahr 1970 (S. 18-23). Mit der Entdeckung der sog. Restriktionsenzyme ließen sich Genstrukturen auseinanderschneiden und im Tierversuch beliebig verpflanzen. Das Zeitalter der Genmanipulation und der Chimären war unter interdisziplinärem Jubel eröffnet.
Mit wenig Vorbehalt wurden Tierzuchtprogramme in die Humangenetik übernommen und nach Bedarf und Gunst der Stunde sozialistisch oder westlich-aufklärerisch eingefärbt. Die Anwendung "biologischer Konstruktionstechnik" (Joshua Lederberg 1961) wird auch in Zukunft vorwiegend auf die Beherrschbarkeit der Phänomene des Lebens, nicht auf ihr Verstehen gerichtet sein, befürchtet Ludger Weß nach Durchsicht historischer Dokumente. Obwohl die "Gensprache" noch längst nicht entschlüsselt bzw. verstanden ist, wird in der Praxis heutiger Labors nicht selten blindlings konstruiert. Dabei ist die medienwirksam propagierte Gentherapie bisher nur wenig über eine "genetische Bastelwissenschaft" (E. Chargaff, S. 23 und S. 186) hinausgekommen.
Wie eng sich Genetik seit ihren Anfängen mit Eugenik verband, zeigen die Arbeiten der Wissenschaftler Otmar von Verschuer und des Russen Timoféeff-Ressovsky vom Kaiser-Wilhelm-Institut Berlin, die bis 1941 Unterstützung aus USA erhielten (S. 33ff), obwohl bereits seit 1933 das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" in Nazi-Deutschland in Kraft war und für die zwangsweise Sterilisierung von Hilfsschülern, Anstalts- und Fürsorgeheim-Insassen, Alkoholikern u. a. sorgte. Es verpflichtete auch zur Denunziation "Minderwertiger". "Beim Menschen, bei dem die natürliche Auslese, vor allem bei den zivilisierten Völkern, viel weniger intensiv ist, sind die Bedingungen für das Erhaltenbleiben und für die Verbreitung auch stark pathologischer Merkmale noch günstiger" als in der Tierwelt, schrieb der international anerkannte Timotéeff-Ressovsky. Er propagierte die rassenhygienische Kontrolle: auch Mutationen, welche "die relative Vitalität" herabsetzten, "müßten ausgemerzt werden" (S. 34).
International gab es eine weitreichende Übereinstimmung unter den Genetikern. Ab 1932 setzten sich in Großbritannien vor allem J. B. S. Haldane und Julian Huxley für Eugenikprogramme ein, die über Sterilisationskampagnen (negative Eugenik) hinaus für die viel wirkungsvollere ‚positive Eugenik' warben: "Die neuen Erfindungen effizienter Methoden zur Geburtenkontrolle auf der einen und der künstlichen Befruchtung auf der anderen Seite haben die Menschheit erstmals in die Lage versetzt, die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung für eugenische Ziele einzusetzen... Es steht Mann und Frau nun frei, ihre sexuellen Funktionen mit denen zu vollziehen, die sie lieben, ihre reproduktiven Funktionen jedoch mit denen zu erfüllen, die sie aus vielleicht ganz anderen Gründen bewundern" (Huxley 1936; Zitat S 37). Pincus entwickelte mit internationaler Unterstützung die "Ektogenese" und läutete so die moderne Reproduktionstechnologie ein, eine Technik, welche Frauenemanzipation fördern und die biologische Verbesserung des Menschen in die Wege leiten sollte. Materielle und politisch-ideologische Unterstützung erhielt Pincus bei der Entwicklung der ‚Pille' durch Margaret Sanger, der Vorkämpferin der Geburtenkontrollbewegung und ihre Mäzenin McCormick (S. 48ff).
Nach dem ersten Atombombenabwurf, den führende Genetiker in USA keineswegs kritisierten, sondern wegen der Erweiterung ihres Forschungsfeldes auf die strahlenbedingten Mutationsraten bei japanischen Frauen und Säuglingen eher unterstützten (S. 40ff), wurde die Förderung der Strahlen- und Populationsgenetik Teil des nationalen Sicherheitsprogramms der USA (S. 41) im Kalten Krieg. Nicht selten wurde die Werbung für gentechnische Programme von einer Untergangsvision der Menschheit drastisch untermalt (S. 41-48). Aufgrund der "genetischen Bürde" und der atomaren Bedrohung sei Humangenetik für den Fortbestand der Menschheit der einzig effektive und damit unentbehrliche Ausweg.
Es ist vermutlich nicht jedem bekannt, dass eine so breite internationale Front wissenschaftlicher Kapazitäten gegen "erbkranken Nachwuchs" seit Ende des vorigen bis in die 60-er Jahre unseres Jahrhunderts bestand (mit einem Dokument aus 1963 schließt das Buch). Die Dokumentation in Teil II des Bandes belegt es. Der Nobelpreisträger Joshua Lederberg (1963): "Warum sollen wir uns heute mit somatischer Selektion abgeben" (mittels erbbiologischer Aufklärung, Sterilisation und Abtreibung), "die in ihrer Auswirkung so langsam ist? Wenn wir nur einen Bruchteil der Bemühungen investieren, dürften wir bald wissen, wie man die Gametenselektion manipuliert, Homocygoten (=Reinerbige) herstellt und eine vollständige Diagnose von Hetereocygoten (=Mischerbigen) erstellt, um so in ein oder zwei Generationen eugenischer Praxis das zu erreichen, wozu wir heute zehn oder hundert Generationen bräuchten. Wie unbeholfen wären wir noch vor fünf Jahren beim Mongolismus vorgegangen, als wir die Ursache dieser Erkrankung in den Chromsomen noch nicht kannten?" (S. 189). Der Mehrzahl der Populationsgenetiker war wohl folgende Passage gewidmet: Wir "können auch nicht übersehen, was der medizinische Fortschritt der Spezies bereits im Namen der Humanität angetan (!) hat - zum Beispiel den sprunghaften und katastrophalen Anstieg der Weltbevölkerung aufgrund der nicht kompensierten Eindämmung der Kindersterblichkeit" (S. 191). Den hierdurch angekränkelten "Genfond" (Genpool) kann nur die Wissens-Macht der Genetiker retten. Sie wird auch "die Größe des menschlichen Gehirns durch pränatale und frühe postnatale Eingriffe regulieren können" (S. 190).
Standen "die Träume der Genetik", so fragt sich der Leser, nicht auch hintergründig Pate bei den "eugenischen" und "embryopathischen" Indikationen zur vorgeburtlichen Kindstötung der deutschen Nachkriegs-Justiz, als sich kaum jemand um den qualvollen Tod behinderter Ungeborener zu kümmern schien, - formten diese Sozialtutopien leidfreier Welt nicht auch jene medizinisch-soziale Indikation des Abtreibungsstrafrechts von 1995 mit, dessen inhumane Auswirkungen nicht nur das Oldenburger Baby trafen? In demokratischem Konsens werden innerhalb europäischer Wohlstandsländer viele kleine "Weltbürger" (Kant) - wie Tim - über eine pränatale Diagnostik zu ‚unzumutbaren Sachlagen', ‚Schadensfällen' und legal zu Todeskandidaten deklariert. Die Lektüre ist wichtig - zur Gegenwartsbewältigung!
Dr. Maria Overdick-Gulden
Frau Dr. med. Overdick-Gulden sammelte umfassende Erfahrungen als Ärztin für Innere Medizin in freier Praxis bis 1996. Seit 12 Jahren freie Studien in Philosophie, Theologie und Ethik an der Universität Trier. Mitglied der Ärzte für das Leben.
Veröffentlicht in: Lebensforum Nr. 50 2/1999
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